Manchmal und immer öfter

fällt es mir schwer, Töchtern und Söhnen und Schwestern und Brüdern und Ehefrauen und Ehemännern  zu sagen, dass ihre schwer kranken Angehörigen in den nächsten Tagen sterben werden. Und dass unsere  komplexe Medizin sie nicht mehr retten wird. Und dass das Leben endlich ist.

Manchmal und immer öfter möchte ich nicht mehr  in ihren Augen das  pure Entsetzen, dann Aggressivität und später Erkenntnis, Ergebenheit  und tiefe Trauer sehen.

Manchmal und immer öfter möchte ich keine toten Menschen mehr sehen.

Manchmal und immer öfter möchte ich keine Gespräche über  schlechte Prognosen von metastasierenden Bronchialkarzinomen mehr führen.

Manchmal und immer öfter möchte ich mir nicht mehr die Vergänglichkeit des Lebens  angucken müssen.

Aber manchmal und immer öfter sehe ich schmerzfreie  Patienten ohne Luftnot über den Flur laufen, die wieder nach Hause können und nicht ins Heim.

Und manchmal und immer öfter  sehe ich Dankkarten und Pralinen von Angehörigen auf dem Stationstisch liegen.

Und täglich sehe ich meine Ergotherapeuten,  Krankengymnasten,  Pflegepersonal, Assistenten, Kollegen und freue mich, dass wir trotz allem beim Mittagessen über Kleinkramwitze lauthals lachen können. 😉

Coming home

Der Song von Skylar Grey spricht mir aus der Seele.
Coming home – ich komme endlich wieder gerne nach Hause. Herzseufzer. Nach Hause, ist für mich bestfriendsandfamily, ist jetzt Essen- Kray, ist der Wein an meinem Haus, ist die Cappuchinokatze von gegenüber, die aussieht, als trüge sie einen dicken Mantel, ist die Badmintonzeche, ist jetzt die Autobahnbrücke der A 40 zwischen Essen Kray und Gelsenkirchen, auf der ich jetzt ganz oft stehe und auf die vorbeirauschenden Autos herunterschaue und den Fahrern zuwinke. Die Brücke ist ganz in der Nähe und ich liebe sie. Es ist meditativ. Andere fahren ans Meer und ich stelle mich auf die Brücke und hänge so meinen Gedanken nach und verrücke sie im Kopf. Verrücktverrückt.
Also liebe Leute, falls ihr mich auf der A 40 Brücke Freitagsabends oder Samstagmorgens zwischen Essen Kray und Gelsenkirchen seht, bitte zurückwinken und freundlich hupen.
Der Rekord steht übrigens bei 10 Hupern und 12 Lichthupen in 15 Minuten! Danke 🙂

Malhören – Freiheit für die Blockflöte und Djamel Laroussi

Gestern  im Katakombentheater in Essen: ein tolles mitreißendes Konzert mit Wildes Holz und dem überragendem Djamel Laroussi.

Wildes Holz sind Markus Conrads (Kontrabass, den fand ich mit seinem Kosaken Kittel und dem Pony sehrsehrnett), Tobias Reisige (Flöte) und Anto Karaula (Gitarre). Wildes Holz plädiert für Freiheit für die Blockflöten und will das Instrument von seinem schäbigen Ruf befreien.  Und wenn ich mir die Musik anhöre, bereue ich  doch glatt, dass ich keine Blockflöte mehr spiele. Wilde Mischung mit Flöte, Gitarre und Kontrabass (was Markus mit dem Baß macht ist augenaufreißend). Natürlich habe ich mir gleich die neue CD „Massiv“ gekauft mit meinem Lieblingslied „Ist das nicht schön?“.

Der Höhepunkt des Abends war für mich Djamel Laroussi. Djamel ist ein algerischer Künstler, der mit seinem Sternschnuppenlied bekannt geworden ist.  Er ist ein witziger unkomplizierter offener Mensch mit wilden Locken, der unbefangen spricht und auch mal mit Dir auf Dein Wohl trinkt. Gestern gab es keine Barrieren zwischen Künstler und Publikum. Normalschön.

Seitdem ich ihn kennengelernt habe, läuft seine Musik bei mir rauf und runter. Seelenmucke. Danke Djamel.

Machmallauter – Manu Chao- La Primavera – Me Gustas Tu

Irgendwie bin ich über dieses Lied gestolpert und es hat sich in meinem Kopf verkrochen. Und kommt seitdem nicht  mehr raus.  Zuerst recht einschläfernd, chillig, aber  ab  2: 10 geht es  los.

Manu ist Franzose, der Vater ist Galicier, die Mutter Baskin.

Sein Stil ist Reggae, Ska, südamerikanischer Rock  mit sozialkritischen  Texten (na ja,  dieses Lied jetzt nicht gerade, aber den Frühling darf man ruhig besingen). Seine Stimme erkennt man seit Bongo bong sofort wieder. Gefällt mir. Lange nicht gehört.

Pluspunkte

So, da bin nun. Mein neuer  Stadtteil. Er ist nicht schick, er ist nicht in, er ist nicht neu, er ist nicht direkt am Wald,  hier wohnt nicht die high society von Essen, er ist ländlich, er hat einen 50er Jahre Stil, er gilt nicht als hip, wasmirsowasvonegalist.

Ein kurzer Rundgang :

Pluspunkt: Ruhig und grün.

Pluspunkt: die A 40 ist umme Ecke und ich höre sie nicht.

Pluspunkt: nette Nachbarn, keine Mülltonnenkontrollierer, keine Hortensientöter.

Pluspunkt: die bereits bekannte Frodokatze, Eichhörnchen (die echten), viele Vögel, viele kleine Hunde und einen großen Schwarzen.

Pluspunkt:  Um die Ecke ein Grieche in einer alter Villa, der „Hugo“ anbietet.

Pluspunkt: Eine Bäckerei  mit Schokobrötchen und einer netten Verkäuferin.

Pluspunkt: Eine kleine Eisenbahnbrücke. In der Mitte eine geteerte Dehnungsfuge, in die zahlreiche Kronkorken von diversen Biermarken (meistens Pils)  eingelassen sind. Vernünftige Leute scheinen hier zu wohnen 🙂

Pluspunkt: Es gibt einen Friseur und ein Tattoo und Piercing Studio.

Pluspunkt: Ich habe Weintrauben an meiner Hauswand hängen. Selbstversorger…

Pluspunkt: Bauer Ridder mit Eierlikör und Mettwürstchen ist nebenan.

Ich glaube, hier könnte es klappen.

Saturn

Saturn, man kennt ihn als unwirtlichen kalten Planeten unseres Sonnensystems mit giftiger Atmosphäre oder aber als Geschäft einer Kette für Multimedia in Essen – Steele. Kein grosser Unterschied.

Sei es drum, ich brauchte einen Satellitenreceiver.  Ich erstand einen der Firma Technishit. Laut Verkäufer, echt super.

Super war vor allen Dingen, das der Receiver es nicht tat.

Wieder zurück zu Saturn.

Der Verkäufer: „Das kann nicht sein, die Geräte von Technishit gehen nicht kaputt. Das habe ich noch nie erlebt.“

Ich (wennichdasschonhöre): „Einmal ist immer das erste Mal.“

Er:  „Nein, da müssen Sie was falsch gemacht haben!“  (hinter seiner Stirn konnte ich die Gedanken lesen: Typisch Frauchen, zu dämlich).

Das war sein größter Fehler an diesem Wochenende. Wir zwangen den Verkäufer, den Receiver anzuschließen und zu prüfen.

Er scheiterte schon an der Eingabe der PIN.  Nachdem das nach einer halben Stunde endlich gelöst war, sollten die Sender geladen werden. Dieses dauerte mal eben vierzig Minuten.

Die endlich eingespeicherten Sender ließen sich natürlich wie auch zu Hause nicht angucken.

Aber das würde wieder nicht am Receiver liegen, nein, das Gerät sei nicht mit dem Satellitensystem von Saturn kompatibel. Die Software halt…

Neee, is klar.

Nachdem er zwei!!! geschlagene Stunden an diesem *beeeep* Receiver von Technishit herumgebastelt und ihn natürlich nicht zum Laufen gebracht hatte, gab er sich endlich geschlagen.  „Das Gerät hat vielleicht doch einen weg.  Aber wahrscheinlich dadurch, das Sie ihn falsch angeschlossen haben, die Spannung und so.“

Jaaaa, klaaaar…

Ich bekam ein neues Gerät. Bei Eingabe meines Namen ließ ich mal den Doktortitel raushängen (mache ich sonst nicht).

Er: „Wie heißen Sie?“

Ich “ Doktor LaBaera“.

Er:  „Frau?“ (als Frau einen Doktortitel, neee, kann  ja nicht sein).

Ich hätte fast mein T Shirt hochgezogen um zu beweisen, dass ich eine Frau bin. David konnte mich gerade noch daran hindern…

„Saturn, wir lieben Ihr Geld und hassen Service.“ 

Solche abenteuerlichen Erlebnisse tun mir leid für die Verkäufer, die ihre Arbeit gut machen. Ein fauler Apfel verdirbt alles.

Eichhörnchen

Und auch im Urlaub habe ich sie getroffen, die sogenannten Eichhörnchen Frauen.

Die squirells sind zwischen zwanzig und hundert Jahre alt, meistens klein und zierlich, lange Haare, runde Wangen, riesige Augen. Sie erinnern an Eichhörnchen.

Sie frieren leicht und tragen selbst im Sommer bei 39  Grad einen Schal um den Hals, die Ärmel weit runtergezogen, die schmalen Hände häufig um eine Teetasse geklammert, aus der sie dann ein oder zwei Schlucke im Zeitlupentempo trinken. An den kleinen Füßen, meistens Schuhgröße 34, häufig goldene Ballerinas.  Gerne auch  ein Schultertuch. Ein Squirell  zieht nie selbst einen Koffer, ein Squirell trägt nie Einkaufstaschen, in denen sich schwere Lebensmittel befinden, geschweige denn einen Wasserkasten.

Betritt ein Eichhörnchen ein Restaurant wird zuerst geguckt, wo ein Fenster aufsteht, das muß natürlich geschlossen werden, denn, ihr ahnt es schon, ein Squirell friert so  leicht. Für die Platzwahl benötigt das Squirell durchschnittlich 20 Minuten, dort zu nah am Fenster, dort nah an der Mauer, dort zu nah an was auch immer.

Auch bei der Getränkewahl könnt ihr dann ein regelrechtes Bühnenstück erleben:

Der Vorhang geht auf, das Squirell betritt die Bühne. Die Scheinwerferaugen werden auf den noch nichtsahnenden Kellner gerichtet.

Squirell wünscht einen Wein zu trinken (im schlimmsten Fall eine Weißweinschorle). „Was Leichtes halt. “ Dazu einen Salat mit natürlich Hähnchenbruststreifen.

Aber nicht irgendein Wein sollessein, nein, der von gestern abend, aber den Namen weiß sie jetzt nicht mehr.

Es muß probiert werden, Squirell verlangt einen Probierschluck von jedem Rotwein, der auf der Karte steht. Mit zarter Stimme und weit aufgerissenen Augen bedankt sich das Squirell dann nach einer halbstündigen Probiertortour  bei dem bereits hyperventilierendem Kellner: „Danke, dass ich probieren durfte.“

Um sich dann letzten Endes doch für einen Aperol Sprizz oder nein, doch lieber eine Cola light oder ein Glas Wasser, aber ohne Kohlensäure und bitteausdemhahn zu entscheiden.

Der Vorhang geht runter. Abgang von der Bühne, atemloses Schweigen.

Ichbinsprachlos.

Bild von Totonli, thx!

Machmallauter – Kid Kopphausen – Das Leichteste der Welt

Kid Kopphausen, das sind Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen ,  die mit „I“ ein eigenes Album voller hörbarer Singer-Songwritermusik veröffentlicht haben. Auf der ersten Single „Das Leichteste der Welt“ hören wir Herrn zu Knyphausen über „das Leben an sich“ philosophieren mit  handgemachter schrammelnder  Gitarrenmusik.

Alleine für die Texte  lohnt sich das Zuhören:

„…jeder Tag ist ein Geschenk,  er ist nur Scheiße verpackt.
Und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab..“

Danke schön!

Die Version ist ein bißchen nuschelig, was besseres habe ich leider nicht bekommen. Aber ich glaube, er singt immer so…

Malreingehen- The parade

Der skurrile homochrome Film „Die Parade“ war der Überraschungserfolg auf der diesjährigen Berlinale und erhielt dort zu Recht den Publikumspreis.

Der ehemalige Kriminelle Micky Limun besitzt eine Sicherheits-Firma, mindestens 20 geladene Waffen, die er  in Vasen oder im Herd versteckt zudem einen dicken schnaufenden wasauchimmerhund mit dem Namen Sugar.
Als alter  Kriegsveteran ist er zudem  höchst homophob. Seine Verlobte Pearl hat allerdings die Nase voll von dem heiratszögerndem Micky.Sie  stellt ihm ein Ultimatum. Entweder er beschützt die geplante gay parade ihres schwulen Hochzeitsplaners Mirko oder sie verläßt ihn. Das bärbeißige Alpha-Tier Micky muss schließlich gemeinsam mit dem schwulen Mirko und seinem Freund für die Rechte von Homosexuellen kämpfen.
Auf der Suche nach Mitkämpfern  reisen sie gemeinsam mit einem pinken Mini durch das gespaltene Ex Jugoslawien und engagieren dubiose Mitstreiter. Die alten Feinde – Serben, bosnische Muslime, Kosovo-Albaner und kroatische
Kriegsveteranen bilden  eine skurile  Truppe ,  die es gegen Nationalisten aufnimmt. Die Komödie von Srdjan Dragojević  ist absolut politisch inkorrekt, zum Lachen, macht nachdenklich über Serben, Kroaten, Albaner und Kriege. Das Ende flacht etwas ab, aber sehenswert.  Ich habe nicht einmal auf meine Uhr geschaut. Reingehen!

Onwards and upwards

Geschafft! Der letzte Schritt (wie dramatisch sich das anhört): Die Übergabe meiner alten Wohnung  an die neuen Mieter.
Mit Kloßgefühl noch mal durch die leeren Räume gehen, die jetzt plötzlich ein Echo haben. Mit Kloßgefühl noch mal kurz auf der Treppe draußen sitzen. Mit Kloßgefühl nochmal Frau Sp. treffen, die die Übergabe leitet. Zuletzt haben wir uns bei unserem Einzug gesehen.
Sie hat sich nicht verändert in den letzten drei Jahren, immer noch Piercings, immer noch kurze blonde stachelige Haare, immer noch freundlich.
Noch einmal durch das bunte Haus. Das gelbe Wohnzimmer, die lila Küche, das türkise Schlafzimmer, das blaue Arbeitszimmer. Auf dem Rasen liegen schon Tonnen von gelben Lindenblättern, die ich jetzt nicht mehr wegrechen muß.


Es gibt schon viele glänzende Kastanien auf der Strasse. Und mein Nachbar Bernie hat schon wieder an meiner Rispenhortensie herumgeschnitten. Erkannesauchnichtlassen.
Egal. Tür zu. Kein Blick zurück.
Onwards and upwards. Vorwärts und aufwärts. Sagt David. Recht hat er.