Zu groß

Nach einem erholsamen Urlaub ist meine innere Zündschnur deutlich länger geworden. Sagt auch meine Familie. Tiefenentspannt und in mir ruhend laufe ich am ersten Tag auf meine Station ein.

Nehme mir vor, mich nicht mehr so viel aufzuregen, Psychohygiene und so.

Das klappt für die ersten zwei Stunden hervorragend.

Dann geht es zu einer Neuaufnahme. 1 Bett Privat.

Vor dem Zimmer höre ich schon erregtes Gerede.

Oha. Es hilft nix, ich muß da rein.

Und los gehts. Vor mir sitzt eine erstaunlich mobile Patientin. Und zetert.

Ich, noch in mir ruhend, stelle mich vor: „Wie geht es Ihnen?“

Patientin: „Das Zimmer ist viel zu groß!“

Das war nicht die Frage. Ich denke ja immer, ich hätte schon alles gehört, aber das ist sogar für mich neu. Zu große Zimmer. Mein Zündschnur hingegen schrumpft.

Und weiter geht’s.

  • Der Fernseher ist zu klein.
  • Ich gucke auf eine Baustelle, das kann man mir nicht zumuten.
  • Der Tisch ist zu klein.
  • Ich möchte näher am Schwesternzimmer liegen.

Der nicht minder aggressive Ehemann pflichtet ihr bei. Wenn man das gewusst hätte, wäre man nicht gekommen. Er wedelt empört mit seinem Zeigefinger.

Solche Popanze Kunden könnte ich gerne in Malawi aussetzen. In einer klitzekleinen Strohhütte. Nicht zu groß.

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Machmallauter – Neil Diamond – Pretty amazing grace

Ein Mann, eine Gitarre. Mehr braucht es nicht. 🙂

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Reden

Meine ersten offiziellen Vorlesungen habe ich jetzt hinter mir. Der Techniker schließt die drei Türen des Hörsaals. Herzklopfen. Bittebitte lieber Techniker bleib bei mir.  Los geht´s.  Sehe 200 Köpfe vor mir. Die Mädchen mit langen glatten Haaren  (die Jungen irgendwie auch).  Erstaunliche Ruhe. War ich damals auch so?  Ich starte. In dem Moment werden zahlreiche Tabletts aufgeklappt. Ich höre ein leises Klackern der Tastatur. Viele schreiben direkt mit. Andere fotografieren die Präsentation. Ruhig, konzentriert. Erstaunlich.  Ich rede ohne Mikrophon. Ich kann meinen Kittel anlassen. Keine Schminke. T-Shirt. Als ich fertig bin, klatschen alle.  Ich schwebe auf die Station zurück.

Eine Woche später: Patientenveranstaltung. Ich muss dort einen Vortrag halten. Zusammen mit den Chirurgen und Kardiologen. Patientenveranstaltung sind Außendarstellung. Das heißt, nix mit T-Shirt anziehen. Die Männer ziehen Anzüge und Krawatte an, Lederschuhe.  Die Frauen irgendwas  Schickes. Schick kann ich nicht gut.

Also dunkelblaue  Jeans, schwarzes Oberteil mit langen Armen. Und keine hohen Schuhe, saubere  schwarze saubere sneaker müssen reichen.  Dem Fotografen ist es egal. Er meint, ich solle auf dem Gruppenfoto die Nase tiefer halten. Wie denn? Der Chirurg neben mir ist 1,95 Meter, der Kardiologe ebenso. Ich muss mit Mikro sprechen.  Ich höre mich selbst reden. Manchmal habe ich eine Stimme wie Marge Simpson. Geschafft. Danach gibt es Currywurst im Becher. Dafür würde ich 10 Vorträge halten. 🙂

 

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Machmallauter – Barns Courtney – Glitter & Gold

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Heimat

D. ist Engländer. Wir waren auf Heimatbesuch in Yorkshire.

D. durchlief verschiedene Stadien vor und auf diesem Besuch.

Stadium 1:  Sterling abholen.

Stadium 1 a: Mich zehnmal anrufen. Auf dem Weg zur Bank, in der Bank, nach der Bank, zu Hause. Er wird Sterling abholen, er holt Sterling ab, er hat Sterling abgeholt.

Stadium 1 b: Bilder von den bunten Sterling Scheinen schicken.

Stadium 2: Die Urlaubstage werden durchgeplant. Wir werden uns mit Mr. Nightingale treffen, er wird mir das kircheneigene Schaf zeigen, das den Rasen mäht.

Stadium 3: Die Pläne werden verworfen, das Schaf ist nicht mehr da.

Stadium 4/5/6/: Fish and Chips. Mit Curry Mayonnaise.

Stadium 7 -12:  Yorkshire breakfast.

Stadium 13: Ich spreche Englisch und bestelle mir lässig ein hard boiled egg.

Stadium 14: D. tankt weiter seinen Englischspeicher auf. Ich tanke die klare Seeluft und kann mich an dem Cliff und den buttergelben Narzissen nicht satt sehen

Stadium 15: Laufe fast vor ein Auto, weil ich mal wieder in falsche Strassenrichtung gucke.

Stadium 16: Lerne, dass Kids, die sich Hosen in Socken stecken, wahrscheinlich shoplifter sind.

Stadium 17:  Gehe Sonntags einkaufen, in Ruhe.

Stadium 18: Bye bye Yorkshire. Bye bye dales and moors.

 

 

 

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Magnetpilz

Auf meiner neuen Station gibt es einen riesigen offenen Pflegestützpunkt mit einem Tresen. Es wirkt ein bisschen wie eine Rezeption im Hotel. Der Unterschied ist, wir sind kein Hotel. Vorne befinden sich zwei PC Arbeitsplätze, an denen ich häufig sitze.

Um zu arbeiten. Was natürlich nicht gelingt, da jeder Angehörige an mir vorbei stolpert, mich sieht und mal eben etwas wissen will. Wo sind die Messer, Wasser, Kaffee, Sozialarbeiter, wieso ist die Erde rund und der Mond hell usw. usw. usw. Manchmal komme ich mir vor, wie der Magnetpilz von PvZ, der die Helme der Zombies anzieht.  Ich ziehe die Probleme an, wenn ich vorne sitze.

HD_MAGNET

 

Magnet Nummer 1:

Gestern strebt ein Ehepaar in Lodenmänteln  auf mich zu. Ich ducke mich hinter dem Bildschirm, zu spät. Sie stehen vor mir, gucken auf mich runter.

Keine Begrüßung, kein guten Tag: „Mein Bruder geht morgen!“

Ich (das kann sein, wir haben 79 Patienten, wer soll der Bruder sein, grüßen Sie erst mal ) warte ab, sage nichts.

Loden: „Er braucht die Tabletten für 5 Tage!!“ Kein Bitte.

Ich: “ Morgen ist Donnerstag, ein normaler Arbeitstag. Sie können zu dem Hausarzt gehen.“

Loden: “ Der ist im Urlaub!“

Ich: „Dann gehen Sie zu der Vertretung.“

Loden (berentet, Tagesfreizeit) giftet mich an: “ Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Wenn Sie meinen.  Wenn Sie es verantworten können!!!“

Ja, kann ich. Als ob es draußen keine Ärzte gibt.  Nebenbei, hätte der Loden Bitte und Danke gesagt, hätten wir dem Bruder die Tabletten mitgegeben.

Magnet Nummer 2:

Ich sitze vorne, gucke die Laborwerte durch. Höre herrisches Absatzgeklacke. Vor mir steht eine dunkelhaarige Pagenkopfrau.

„Wo liegt Herr Müllermeierschmidt?“ Begrüßung scheint irgendwie so out zu sein.

Ich: „Herr Müllermeierschmidt ist gestern entlassen worden.“

Dem Pagenkopf fallen fast die Augen aus dem Kopf.

„Ich habe mich extra aus  Bochum hierhin gekämpft, um ein Gutachten zu erstellen!!“

Ich (Bochum ist zwei Kilometer entfernt): „Ich kämpfe mich auch jeden Tag hierhin.“

Der Pagenkopf hechtet fast über den Tresen. Mir reicht´s. Dies ist ein Krankenhaus, Menschen werden aufgenommen, entlassen, verlegt, sterben. Nicht immer nach Termin. Rufen Sie vorher an.

Wenn das so weiter geht, werde ich mich in die Kirschbombe oder die Kokosnuss Kanone verwandeln. Oder doch die Kartoffelmine? 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Langer Tag

Einkaufen nach der Arbeit, ich liebe es.

Gehe zu Real in Bochum, einmal hin, alles drin. Es läuft ganz gut, bin schnell fertig. Bis ich an der Kasse lande.  Wer mich kennt: Auf der Arbeit endlose Geduld mit schusseligen Assistenzärzten, nach der  Arbeit keine 2 Sekunden Geduld für irgendwas. Oder irgendjemanden.

Es kommt, wie es kommen musste.  Vor mir an der Kasse steht ein Mann.

Er redet. Mit der Kassiererin. Und legt im Zeitlupentempo seine Sachen aufs Band.  Und redet. Schiebt natürlich keinen Warentrenner dazwischen. Wieso muss ich das eigentlich immer machen?  Und nebenbei redet er.  Ich könnte ihn aus seinem schmierigen Hemd kloppen. Es geht um seine Mutter, die im Krankenhaus liegt. Natürlich blöde Ärzte, und der Pflege hätte er erst mal Bescheid gestoßen. Die Mutter hätten sie kaputt gemacht. Ich schaue auf die fünf Zigarettenpackungen, die Tonne Schokolade, die er aufs Band geworfen hat und auf seine gelben Fingernägel. Wenn er nach Mutti kommt, kein Wunder, dass es Mutti schlecht geht. Dann zahlt er noch mit Karte. Bis er die Karte aus seiner speckigen Hose zieht. Endlose Zeiten und Dimensionen vergehen. Und dann noch die Payback Karte. Dann kapiert er nicht, dass man auf dem Gerät unterschreiben muss. Nebenbei redet er und redet er. Und stielt mir meine Lebenszeit. Ich stöhne laut auf. Endlich bemerkt er, dass er nicht alleine auf der Welt und im Real ist.

Momentchen junge Frau!“

Ich: „Wäre schön, wenn ich heute nochmal nach Hause komme!“

Habe einen langen Tag hinter mir mit Dir und Mutti.

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