Neue Schuhe

Heute auf der Intensivstation. Ich mache ein Konsil bei einem 36jährigen kardiologischen Patienten.

Er hat beim Grillen am See plötzlich Kammerflimmern bekommen und musste reanimiert werden. Begonnen mit einen Laienreanimation, Dauer insgesamt unklar.  Im Schädel CT  hat er ein ausgedehntes Hirnödem. Prognose schlecht, zwei Kinder, verheiratet. Das ganze tragische Elend.

In Bett acht liegt der Patient. Jung, braungebrannt, komatös, beatmet. Sorgfältig ausrasierter Kinnbart. Auf dem Arm ein großes Tribal Tattoo, nicht ganz fertig gestochen, ein Teil fehlt wohl noch.

Die braunen Augen sind leicht geöffnet, allerdings keine adäquate Reaktion.

Auf Schmerzreize ebenfalls keine Reaktion, an den Beinen hat er  schon eine beginnende Spastik.

An den Füßen trägt er nagelneue schwarz-rote Adidas Sneaker. Die Ehefrau hat sie ihm mitgebracht. Die Sohlen der Schuhe sind ganz sauber, er ist noch nie damit gelaufen. Größe 47. Ein Deichmann Schild mit dem Preis klebt noch drunter. Die Füsse erscheinen im Vergleich zum übrigen Körper riesig und sind fast so lang wie das Fußbrett hoch ist.

Beim Untersuchen spüre ich hinter meinem Rücken eine Bewegung. Seine Ehefrau ist gekommen. Sie will unbedingt bei der Untersuchung  dabei sein. Und lässt sich auch nicht vom Pflegepersonal davon abhalten. Als sie sieht, dass ihr Mann auf mein grobes Kneifen nicht reagiert, weint sie fassungslos.

Dann sieht sie die Preisschilder unter den großen braunen Sohlen. Und knibbelt sie nervös bis auf letzte Fitzelchen weg.

Als ich gucke, lächelt sie unter Tränen: “ Meine Mutter hat immer gesagt,  Preisschilder unter den Sohlen bringen Unglück.“ 

Ich sage nichts, mir fällt nichts ein.

Frau W.

Heute in der Röntgenbesprechung ging mein Funk. Intensivstation. Der Oberarzt der Unfallchirurgen am anderen Ende.

OA Knieflicka: “ Dr. La Bära, ich habe hier eine 85 jährige Patientin. Frau W.“

Ich:  „Ja, was ist mir ihr?“

OA Knieflicka: “ Sie ist gestern im Altenheim aus dem Fenster gesprungen. Und jetzt ist sie komatös. Schädel CT ist okay, Keine Blutung, kein Hämatom, keine Fraktur. Auch die anderen Untersuchungen sind ohne richtungsweisenden Befund. Vielleicht hat sie auch noch  Benzos zusätzlich genommen. Wissen wir noch nicht.“

Ich gehe auf die Intensivstation:

In Zimmer 5 liegt Frau W.

Sie ist blaß, mager, atmet schnaufend, aber spontan mit guter Sättigung. Sie reagiert nur auf Schmerzreize mit Anziehen der Beine. Daneben sitzen die schockierten verweinten Angehörigen. Der Sohn und die blonde Schwiegertochter.

Der Sohn erzählt stockend:

„Meine Mutter ist seit drei Monaten im Heim. Sie hat eine leichte Demenz. Teilweise war sie ganz klar. Aber zu Hause hat es nicht mehr gut geklappt. Sie hat mehrfach den  Herd angelassen und sich nicht mehr gewaschen. Dann ist sie ins Heim gekommen. Sie hat viel geweint. Aber auch schon, als sie noch zu Hause war. Sie hat gemerkt, dass etwas nicht mit ihr stimmt und sie sich verändert.

Es war ja nicht nur das Gedächtnis. Sie hatte ihre ganze Lebenslust verloren.  Medikamente gegen Depressionen haben sie nur durcheinander gemacht. Es hat nichts geholfen. Seit drei Wochen wollte sie nicht mehr. Sie hat kaum noch gegessen,  ihre Tabletten nicht mehr genommen. Kaum noch gesprochen. Und wenn dann nur vom Tod. Und das sie nicht mehr will.“

 Er weint wieder, die Tränen laufen endlosendloslos. Dann fummelt er zittrig sein smartphone aus der Hosentasche. Er zeigt mir Bilder, die er aufgenommen hat. Das Fenster, dann den Boden. Mit dem Ellenbogen hat sie im Fallen noch eine Laterne abgerissen.  Die hat er auch fotografiert.

Seine Frau erzählt weiter:  „Heute Nacht ist die Schwester im Heim noch mit ihr zur Toilette gelaufen. Nach drei Minuten ist sie dann gucken gegangen. Da stand das Fenster sperrangelweit auf. Und sie lag unten auf dem Betonboden.  Die Schwester ist schnell nach unten gelaufen und hat sie laut angerufen. Da hat sie die Augen kurz aufgemacht, gelächelt und gefragt: Bin ich jetzt im Himmel?“

Nein, Frau W. Intensivstation, Bett 5.

Der Chef geht

Bald ist der Chef weg. Nur noch wenige Tage, dann geht er in Rente.

Keine ultralangen Frühbesprechungen  am Montag mehr mit ihm.

Kein langes Quatschen am Freitagmittag über unsere Wochenendpläne. Er ins Museum nach Essen, ich ins Kino nach Mülheim oder umgekehrt. „In welchen Film? In welche Ausstellung? Wo kann man gut essen gehen in Essen, Frau Doktor? Chef, ich habe Dir doch mal einen langen Zettel mit Tips geschrieben. Hmmm, den finde ich jetzt nicht, Frau Doktor. Och Chef…“

Kein freundliches „Guten Morgen Frau Doktor!“, dass er mir jeden Morgen durch die offene Verbindungstür ruft.

Kein Verdammt noch mal, wo ist mein Password?!“  Unter der Tastatur auf dem kleinen Schmierzettel, Chef!

Nie wieder seine Zahnlücke sehen, wenn er lacht.

Nie wieder seine langsamen, etwas schleppenden  Schritte auf dem Krankenhausflur hören.

Keine Dienstpläne  a´la Chef  „Die ersten drei Wochen im Februar/März/April/Mai bin ich weg, aber dafür mache ich Weihnachten und den 18. Juni.“… mehr mit ihm machen.

Nie wieder den Satz hören: „Der Irrsinn tanzt“ , wenn er sich über Politik oder Angehörige oder beides aufregt.

Nie wieder den Satz von ihm hören, wenn ich mich über Politik oder Angehörige oder beides  aufrege: „Ach Frau Doktor, es  fließt so viel Wasser den Rhein runter“ . Ja, Chef, ich weiß. Trotzdem.

Nie wieder  mit ihm in der Cafeteria essen und fassungslos staunen, wenn er den Pfefferstreuer aufschraubt und den Pfeffer schichtenweise!  über sein Essen streut. Ohne vorher zu probieren.

Nie wieder seine Butterbrottüte mit Rosinenstuten und  Leberwurst drauf auf seinem Schreibtisch liegen sehen.

Ich hoffe, er lässt mir das Bild mit dem Kühlschrank am holländischen Strand da, das an seiner Wand hängt.

Und ja, ich werde auf seiner Verabschiedung heulen. Ichkennmich.

Frank

Frank war ein Kollege in Essen. Er Kardiologe, ich Neurologin.  Zwischen Kardiologen und Neurologen gibt es immer Streit. Jeder denkt, er ist der Wichtigste.  Für den Neurologen  ist das Gehirn am wichtigsten, für den Kardiologen das Herz. Und jeder hat Recht. Irgendwie. Kardiologen sind alle schlank und groß. Dicke Menschen schauen sie naserümpfend an. Das kenne ich . Kardiologen sind sehnig und durchtrainiert, laufen alle Marathon und steigen Treppen. Drei Stufen auf einmal. Mindestens. Ich fahre Aufzug. Und schäme mich ein bisschen. Aber im Badminton schlage ich alle. Bestimmt.

Und  trotz aller Differenzen: Frank und ich haben uns gut verstanden.  Frank, groß, braun gebrannt, gut aussehend, der Schwiegersohntraum aller Omis mit Bluthochdruck und KHK. Aber, eine Macke hatte Frank.  Er war der geborene Hypochonder.

Ich mache meinen abendlichen Rundgang über alle Stationen. Auf der Intensivstation treffe ich auf Frank. Frank sitzt am Tisch, eine mütterliche grauhaarige Schwester serviert ihm einen Tee. Mit extra viel Zucker, dazu noch die Hälfte ihrer Thunfisch Pizza von San Marino. Frank klagt : „Ich bin unterzuckert!“

Ich denke: „Ja, nee ist klar, Herr Kollege. Als gesunder Mensch unterzuckert man nicht….“ Und nehme mir einen trockenen Zwieback. Die gesamte Schwesternschaft turnt besorgt um Frank rum.

Ich schaue mir mittlerweile  den 44jährigen Patienten mit der Basilaristhrombose in Box 5 an. Es geht ihm  gut, stabil. Gott sei Dank.

Die einzelnen Boxen sind durch halbhohe Glasscheiben getrennt.

Aus den Augenwinkeln sehe ich in Box sechs plötzlich eine Bewegung.

Fassungslos sehe ich, wie Frank aus seinen blauen Intensivklamotten steigt und sich in das freie Bett legt. Nette orange Boxershorts, Herr Kollege denke ich!

Die mütterliche Schwester klebt  ihm sorgfältig die EKG Elektroden an.

Ich gehe in Box sechs: „Braucht ihr Hilfe?“

Die Mutterschwester lächelt  mich an: „Danke Frau Doktor, ich mache das schon.“

Ich: „Alles gut Frank?!“

Frank: „ Nee, ich glaube ich kriege einen Herzinfarkt.“

Mutterschwester (jetzt leicht entnervt): „Ach Frank, das ist jetzt schon das dritte Mal in diesem Jahr. Du hast nichts!“

Ich gehe grinsend von der Intensivstation. Und fahre mit dem Aufzug in den sechsten Stock.

Besser aufzugfahrende  Neurologin als schlanker hypochondrischer Kardiologe.  Sic!

Weil es doch mal gut sein soll

Heute bei der Visite habe ich in der Akte die Patientenverfügung von Frau M. gefunden. Frau M. ist  eine kleine, zierliche Dame mit krummer Wirbelsäule,  einer frischen BWK 12 Fraktur und perfekter Dauerwelle. Sie ist eine von den schüchternen Patienten. Sie traut sich nicht zu schellen, aus Angst den Schwestern „Arbeit“ zu machen.  Sie bedankt sich für  jeden Handschlag.  Sie versucht ihr Tablett alleine  zu tragen, wäscht sich und hilft sogar ihrer Bettnachbarin.  Frau M. schreibt:

„Ich gehe nun auf meinen 90. Geburtstag zu und habe ein abwechslungsreiches Leben geführt. Meine Kinder und Enkel sind alle schon im Beruf und weggezogen, aber ich bin sehr stolz auf sie.

In früheren Jahren bin ich oft mit einem meiner drei Kinder in den Urlaub gefahren oder geflogen. Ich habe einen Teil von Europa kennengelernt. Mit zunehmendem Alter haben sich allerdings Beschwerden beim Laufen eingestellt, die Füße und der Rücken schmerzen, jedoch kann ich es aushalten. Unerträglich ist mir aber die Vorstellung, geistig nicht mehr fit und dann auf Hilfe angewiesen zu sein.  Wie sehr Demenz die Menschen verändert, habe ich bei meinem verstorbenen Ehemann Josef mitbekommen.

Unter solchen Voraussetzungen möchte ich nicht leben.  Mir ist es sehr wichtig, dass ich mich mit meinen Freunden und Verwandten unterhalten kann. Wenn ich einmal verwirrt bin, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin, und meine Familie nicht mehr erkenne, so soll es auch nicht mehr lange dauern, bis ich sterbe.  Daher möchte ich dann keine Behandlung und auch keine Maschinen, die mein Sterben nur hinauszögern. Die ganzen Schläuche und die ganzen Apparate machen mir Angst und ich möchte auch nicht mehr vom Notarzt reanimiert werden, weil es doch auch mal gut sein soll, wenn mein Herz zu schlagen aufhört.“

Ich mache die Akte zu. Nein, das  ist keine Träne.

Prinz Valium

Prinz Valium.

Prinz Valium war ein allseits gefürchteter chirurgischer Assistenzarzt in einem Krankenhaus im Essener Süden mit dem Sprechundarbeitstempo von 20 mg Valium. Kurzum einer Schlaftablette.

Wenn ich mit Prinz Valium zusammen Dienst hatte, Pech gehabt! An Schlafen war nicht zu denken. Kritisch waren Tage wie Rosenmontag in Kupferdreh mit massivem Anfall von Schnapsleichen, die mit allen denkbaren Platzwunden und Prellungen kamen.

Die wurden  zuerst chirurgisch gesehen und versorgt. Doch dann musste immer noch ein Neurologe „draufgucken“. Warum? Wahrscheinlich weil es eine neurologische Abteilung gab und wir halt da waren. Man muß ja auch die anderen Kollegen schön am Arbeiten halten.

Und es war immer wie folgt:

Nachts 02.30 Uhr:

Mein Funk piepst. Nummer von der chirurgischen Ambulanz.

Ich (noch freundlich, immerhin seit 10 Minuten im Bett): „Hallo.“

Am anderen Ende Pause, länger. Dann „Haalloo….?“

Ich (schon leicht genervt, hangel schon nach meinen Sneakers vor dem Bett): „Ja, wasissn?“

Pause, dann endlich Prinz Valium: „Bist Du wach?“

Ich: „Ja, jetzt ja.“ 

Prinz Valium: „Ich hab hier einen intoxikierten Patienten, 2,1 Promille. Hat sich den Kopf angeschlagen. Kannst Du einen neurologischen Status machen?

Ich (rolle meine Augen in den Kopf nach hinten, das kann ich gut): „Kannsu Du das nicht selbst? „(Sollte man eigentlich gelernt haben, ich ruf auch nicht wegen jeder Hüfte an).

Prinz Valium: „Jaaa, aber er hat gekotzt. Nicht, dass er Hirndruck hat!! „Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Er, ein Chirurg, kennt das Wort Hirndruck.

Ich: „Er kotzt wahrscheinlich, weil er intoxikiert ist.“

Er: „Ja, aber, nicht, dass ich was übersehe.“ (Totschlagargument)

Ich (kotze auch langsam): „Komme schon.“ Knalle Lege den Hörer auf, wanke in die Ambulanz.

Im Untersuchungsraum: Prinz Valium ist mittlerweile ins Bett gegangen (das kann er immer schnell).

Der Patient ist voll wie eine Strandhaubitze, als Schlumpf verkleidet. Konfetti rieselt auf den Boden. Großartig.

Der Neurostatus ist erwartungsgemäß regelrecht. Beim Aufstehen von der Liege verzieht der Schlumpf schmerzhaft das Gesicht: „Auaaa, mein Knie tut so weh.

Ich: „Seit wann?“

Blauer Schlumpf: „Seit bestimmt nem halben Jahr.“ Übergibt sich wieder laut würgend, verfehlt die Brechschale um einen  ganzen Meter.

Ich greife grinsend zum Telefon.

Am anderen Ende nach einer Minute Durchschellen, dann Schnaufen am anderen Ende: „Haaallooo?“

Ich (zwitschernd): „Hallo Prinz Valium, der Patient hat Knieschmerzen, kannst Du mal bitte  gucken? Nicht, dass ich was übersehe…“

Am anderen Ende Totenstille.

Ich lege auf, gehe pfeifend ins Bett. Obwohl, ich bin jetzt irgendwie wach.

Arztjahre

Junger Arzt, frisch von der Uni.:

Er liebt Patienten! Glaubt an das  Gute im Menschen. Er fragt 104jährige nach ihren Kinderkrankheiten. RötelnMasernMumps? Läßt geduldig Erlebnisse vom Russlandfeldzug über sich ergehen. Spricht mit jedem Schwippschwager über den Krankheitsverlauf. Kommt um 7 Uhr und geht um 7 Uhr (am nächsten Tag). Fährt mit dem Fahrrad.  Braucht für einen Arztbrief mindestens zwei Stunden Diktat. Teilt sich mit drei anderen Assistenten ein Zimmer. Hat zwei Akten zum Diktat auf seinem aufgeräumtem  Schreibtisch liegen. Hat eine Schreibtischauflage. Sortiert seine Kassetten.  Hat sich einen Stauschlauch gekauft! Steht in der Röntgenbesprechung in der hintersten Reihe. Macht sich aus Angst vor dem ersten Bereitschaftssdienst in die stets frisch gebügelte Hose. Trinkt Tee. Darf Kaffee auf der Intensivstation  kochen.  Und ist im OP immer unsteril.

Arzt im zweiten Ausbildungsjahr:

Mag seine Arbeit aber keine Angehörigen mehr. Kommt mit einem alten roten  Mercedes oder einem blauen VW Bully zur Arbeit. Kennt versteckte Parkplätze am Krankenhaus. Trinkt zwei Liter Kaffee täglich, kommt um viertel vor acht, abgehetzt. Trägt jetzt Jeans und T-Shirt unterm knuppigem Kittel. Das Stethoskop hat er  lässig um den Hals geschlungen. Hat ein selbstgemaltes Namensschild, die anderen drei hat er  verloren. Irgendwo.  Genau wie seine Pupillenleuchte, die nie funktioniert hat. Glaubt, dass er alles beherrscht und alles gesehen hat. Darf Bäuche zunähen. Die Op Schwestern grüßen ihn sogar. Sitzt in der Röntgenbesprechung und steht nicht. Seine Arztbriefe enden mit den Worten: „Für die verspätete Zusendung bitten wir um Entschuldigung.“  Er hat fünf Kilo unerledigter Arztbriefe unter dem Schreibtisch liegen. Klaut seinem Kollegen die Kassetten vom Tisch. In seinem Schrank  liegen drei Familienpackungen Haribo Colorado, eine Packung Menthos,  fünf Stauschläuche, woher auch immer.

Arzt im letzten Ausbildungjahr:

Weiß, dass er nicht alles gesehen hat und nicht alles kann. Läuft in blauen Intensivklamotten rum. Kennt alle Feuerwehrleute beim Vornamen. Wird zum Gänseessen  mit der Intensivstation eingeladen. Trinkt drei Liter Kaffee täglich.  Schlägt, wenn er nachts im Dienst aufstehen muss, die Tür vom Bereitsschaftzimmer so laut zu, dass der Chirurg nebenan aus dem Bett fällt. Turfkönig. Sitzt in der zweiten Reihe in der Röntgenbesprechung. Kommt morgens zu spät zur Frühbesprechung. Der Chef lässt es milde lächelnd durchgehen: „Ist ja unser Bester.“

Oberarzt:

Wird grauer und faltiger. Hat fast alles gesehen. Glaubt, die Welt wird immer verrückter. Hat Recht damit. Hat ein eigenes Zimmer, wenn er Glück hat,  auch einen eigenen Parkplatz. Kitteltaschen sind jetzt deutlich leerer. Sitzt in der ersten Reihe bei der Röntgenbesprechung.  Oder vor der ersten Reihe um sie selbst zu machen.  Duzt sich mit keinem mehr.  Gespräche verstummen manchmal, wenn er in ein Stationszimmer kommt. Muß alles kontrollieren. Muss Assistenten erziehen, trösten, loben, ermutigen. Fährt einen BMW, überlegt doch noch den Motorradführerschein zu machen. Besser nicht, er hat zu viele Polytraumen gesehen.

Chefarzt:

Ist an allem Schuld. Ist für alles zuständig. Großes Zimmer (na ja, das vom Geschäftsführer ist immer größer), großes Auto, Parkplatz. Eigene Sekretärin. Hat fast alles gesehen. Wird von keinem mehr geduzt. Entwickelt eine Paranoia vor prozessführenden Patienten und neidischen anderen Chefärzten. Die Geschäftsführung ist sein Feind. Verbringt mehr Zeit in Bauausschussitzungen als am Patientenbett. Muss stets die CMI Punkte im Auge haben. Wird von der Geschäftsführung auf  „Schneller, höher, weiter“ eingenordet. Freut sich auf die Rente. Oder hat Angst davor.

Armer Hase

Heute nach einem Konsil bei den Gynäkologen habe ich mich mit einer jungen Assistenzärztin (kurz Hase oder Häschen genannt)unterhalten:

Gynhase (augenrollend): “ Gestern auf der Visite hat sich eine Patientin beschwert.“

Ich (grinsend): „Passiert nie bei uns!“ (kreuze schnell die Finger hinter dem Rücken).

Gynhase (hyperventilierend, an gestern denkend): „ Sie hatte eine Adnextorsion. Wir mussten sie ganz schnell operieren.  Es ist alles super gelaufen. Und gestern hat sie beim Chef  gemeckert.“

Ich: „Worüber?“

Gynhäschen (schnauft empört): “ Jaa, sie hatte ein Riesen Tattoo auf dem Bauch.  Ein großer Colibri. Beim Zusammennähen ist die Naht etwas schief geworden. Und jetzt hat der Colibri einen zu kurzen Schwanz.“ 

Ich (kann mich nur mühsam beherrschen, Lach Flash im Anmarsch): “ Mach Dir nichts draus. „

Gynhase (betrübt, lässt die Ohren hängen): “ Und ich habe sie doch so schön innen genäht!“

Armer Hase. Schwere Welt. Innere Schönheit zählt nicht 😉

Ist ein Arzt an Bord?

Puuh, das ist ein Satz, den ich nicht an meinem ersten Urlaubstag hören möchte. Nein, definitiv nicht.

Dann folgt der Nachsatz: „Bitte in der hinteren Galley melden.“

Kurz überlege ich, ob meine Haftpflichtversicherung  für solche Fälle zahlt. Bin mir nicht sicher.  Bestimmt nicht. Wenn was schief geht.  Ich denke kurz an einen Flug, der zu neunzig Prozent von Kardiologen besetzt war. Als dort ein Notfall war, hat sich nur eine Hebamme gemeldet. Der Rest hatte Angst.

Melde mich trotzdem. Schäle mich aus meinem Sitz und gehe nach hinten zur Galley. Erstaunte Blicke folgen mir. Die ist eine Ärztin? Ja, binich!

Auf dem Außensitz ein junger hyperventilierender Mann, braungebrannt, schweißüberströmt, aufgerissene Augen. Unruhig. Klassische Flugangst. Er möchte jetzt aussteigen. Sofort. Keine gute Idee bei 7000 Meter Höhe.  Ich halte ihm eine Duty free Tüte vors Gesicht. Ich frage die Stewardess nach Benzodiazepinen. Die Stewardess: „Der Notfallkoffer ist hinten, da müssen Sie mit. Ich darf die Medikamente nicht alleine rausgeben.“

Das glaube ich jetzt nicht.  Was ist wenn jemand reanimiert werden muß? Muss ich dann auch erst nach hinten laufen?  „Das ist Vorschrift“ murmelt die dunkelhaarige Stewardess verlegen. Wennichdasschonhöre.

Die Stewardess puhlt den Koffer mühsam aus der Decke raus. Mein Gott, dauert das.  Ich wusste gar nicht, dass es da oben Stauraum gibt. Tavor habe ich schnell gefunden. Ich stecke ihm die Tablette in den Mund. Es wirkt schnell, er wird ruhiger und schläft ein. Als alles fertig ist, spüre ich eine Bewegung in meinem Rücken. Ein Mann mit Glatze steht hinter mir: Ich bin Arzt!  Haben Sie die Lage in Griff?

Ja, Du Arsch Herr Kollege. Brauchst jetzt auch nicht mehr zu kommen.

Ich bin jetzt fertig. Gehe wieder zu meinem Platz. Ich höre noch wie der „Kollege“ großspurig den Blutdruck misst und sich ausführlich mit der Freundin des jungen Mannes unterhält und sie in grosskotziger  empathischer Manier ein wenig beruhigt.

Als ich wieder auf meinem Platz sitze, muss ich an das Leben des Brian denken. Die Steinigungsszene: „Kann es sein, das Weibsvolk anwesend ist?? Nein, nein, nein….Und muss lachen. Weibsvolk ist doch an Bord!

Familienkonstellation

Heute auf der Visite. Ich komme in ein belagertes Einzelzimmer.
Der Patient sitzt auf dem Bett. Umringt von drei Angehörigen, die mich schon drohend anschauen. Oha, denke ich, das kann jetzt dauern.
Herr K., ein magerer 91 jähriger ehemaliger Beamter, hat nach einer Hüft Op ein  Delir mit einer schweren Psychose bekommen. Er hat das Pflegepersonal mit einem kleinem grünen Obstmesser bedroht. Hört sich lustig an, ist es aber nicht.

 Tochter (graue Lockenmähne):  „Ich habe Medizin studiert.“ (auf gut deutsch den Abschluss dann doch nicht geschafft).  „Ich bin Hebamme .“ (Ahh, jaaa, als Hebamme kennt man sich besonders gut mit alten Menschen aus).
Sohn: „Ich bin Arzt“. (Auch das noch). „Was ist mit meinem Vater los? Er war vor der OP vollkommen normal!“
Schwiegertochter:  „Ich bin Sozialarbeiterin. (Prost Mahlzeit).
Die ganz Bandbreite also.
Innerlich seufzend ergebe ich mich in mein Schicksal. Wieso stellen sich eigentlich alle mit ihrem Beruf vor??

Die Hebammentochter beschwert sich: „Keiner bindet uns in den Therapieprozess ein.“  Ichschwör, sie hat wirklich Therapieprozess gesagt. Herr K. ist seit einem!  Tag auf unserer Station.  Die Chirurgen  machen wahrscheinlich drei Kreuzzeichen, dass sie die Familie losgeworden sind.

Mit einer Elendsgeduld gehe ich sämtliche Befunde mit der Familie durch. Erkläre alles. Labor, CCT, EKG, Medikation… Langsamundzummitschreiben. Und siehe da, das anfänglich drohende Klima schwenkt endlich um.

Und der Sohn gibt zu: „Ich glaube, Papa hat doch schon vor der OP eine Demenz gehabt.“

Mmmmmh, sagichja.

Einstimmiger Beschluss der Familie: Wir müssen uns um Papa kümmern!

Gut. Wenn das nach einem dreißigminütigem Gespräch rauskommt, war es das Wert.

Alles drei verabschieden mich mit Handschlag und einem Lächeln. Im Rausgehen ruft mir die Hebammentochter hinterher: „Wenn ich Fragen habe, darf ich Sie anrufen?“

Ich: „Ja.“

Hebamme: „Auch abends um 22 Uhr?“

Ich zucke erkennbar zusammen.

Sie grinst: „War nur Spaß!“