Arztjahre

Junger Arzt, frisch von der Uni.:

Er liebt Patienten! Glaubt an das  Gute im Menschen. Er fragt 104jährige nach ihren Kinderkrankheiten. RötelnMasernMumps? Läßt geduldig Erlebnisse vom Russlandfeldzug über sich ergehen. Spricht mit jedem Schwippschwager über den Krankheitsverlauf. Kommt um 7 Uhr und geht um 7 Uhr (am nächsten Tag). Fährt mit dem Fahrrad.  Braucht für einen Arztbrief mindestens zwei Stunden Diktat. Teilt sich mit drei anderen Assistenten ein Zimmer. Hat zwei Akten zum Diktat auf seinem aufgeräumtem  Schreibtisch liegen. Hat eine Schreibtischauflage. Sortiert seine Kassetten.  Hat sich einen Stauschlauch gekauft! Steht in der Röntgenbesprechung in der hintersten Reihe. Macht sich aus Angst vor dem ersten Bereitschaftssdienst in die stets frisch gebügelte Hose. Trinkt Tee. Darf Kaffee auf der Intensivstation  kochen.  Und ist im OP immer unsteril.

Arzt im zweiten Ausbildungsjahr:

Mag seine Arbeit aber keine Angehörigen mehr. Kommt mit einem alten roten  Mercedes oder einem blauen VW Bully zur Arbeit. Kennt versteckte Parkplätze am Krankenhaus. Trinkt zwei Liter Kaffee täglich, kommt um viertel vor acht, abgehetzt. Trägt jetzt Jeans und T-Shirt unterm knuppigem Kittel. Das Stethoskop hat er  lässig um den Hals geschlungen. Hat ein selbstgemaltes Namensschild, die anderen drei hat er  verloren. Irgendwo.  Genau wie seine Pupillenleuchte, die nie funktioniert hat. Glaubt, dass er alles beherrscht und alles gesehen hat. Darf Bäuche zunähen. Die Op Schwestern grüßen ihn sogar. Sitzt in der Röntgenbesprechung und steht nicht. Seine Arztbriefe enden mit den Worten: „Für die verspätete Zusendung bitten wir um Entschuldigung.“  Er hat fünf Kilo unerledigter Arztbriefe unter dem Schreibtisch liegen. Klaut seinem Kollegen die Kassetten vom Tisch. In seinem Schrank  liegen drei Familienpackungen Haribo Colorado, eine Packung Menthos,  fünf Stauschläuche, woher auch immer.

Arzt im letzten Ausbildungjahr:

Weiß, dass er nicht alles gesehen hat und nicht alles kann. Läuft in blauen Intensivklamotten rum. Kennt alle Feuerwehrleute beim Vornamen. Wird zum Gänseessen  mit der Intensivstation eingeladen. Trinkt drei Liter Kaffee täglich.  Schlägt, wenn er nachts im Dienst aufstehen muss, die Tür vom Bereitsschaftzimmer so laut zu, dass der Chirurg nebenan aus dem Bett fällt. Turfkönig. Sitzt in der zweiten Reihe in der Röntgenbesprechung. Kommt morgens zu spät zur Frühbesprechung. Der Chef lässt es milde lächelnd durchgehen: „Ist ja unser Bester.“

Oberarzt:

Wird grauer und faltiger. Hat fast alles gesehen. Glaubt, die Welt wird immer verrückter. Hat Recht damit. Hat ein eigenes Zimmer, wenn er Glück hat,  auch einen eigenen Parkplatz. Kitteltaschen sind jetzt deutlich leerer. Sitzt in der ersten Reihe bei der Röntgenbesprechung.  Oder vor der ersten Reihe um sie selbst zu machen.  Duzt sich mit keinem mehr.  Gespräche verstummen manchmal, wenn er in ein Stationszimmer kommt. Muß alles kontrollieren. Muss Assistenten erziehen, trösten, loben, ermutigen. Fährt einen BMW, überlegt doch noch den Motorradführerschein zu machen. Besser nicht, er hat zu viele Polytraumen gesehen.

Chefarzt:

Ist an allem Schuld. Ist für alles zuständig. Großes Zimmer (na ja, das vom Geschäftsführer ist immer größer), großes Auto, Parkplatz. Eigene Sekretärin. Hat fast alles gesehen. Wird von keinem mehr geduzt. Entwickelt eine Paranoia vor prozessführenden Patienten und neidischen anderen Chefärzten. Die Geschäftsführung ist sein Feind. Verbringt mehr Zeit in Bauausschussitzungen als am Patientenbett. Muss stets die CMI Punkte im Auge haben. Wird von der Geschäftsführung auf  „Schneller, höher, weiter“ eingenordet. Freut sich auf die Rente. Oder hat Angst davor.

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7 Antworten zu Arztjahre

  1. David schreibt:

    Das war ein knaller! 🙂

  2. Appelschnut schreibt:

    Herrlich, herrlich, herrlich!!!
    Warte schon immer sehnsüchtig auf „G’schichten vom Krankenhaus am Rande der Stadt“ und bin oft fassungslos, war sich Patienten heute erlauben und erlauben können. Denke an meine eigenen Krankenhausaufenthalte und hoffe, nie nie nie solche Mitpatienten zu haben (sollte ich evtl. doch noch eine Einzelbettversicherung abschließen?)

  3. Ano schreibt:

    Aber so einsam und langweilig. Man bekommt ja nichts mehr vom wirklichen Leben der anderen mit. Und nachher über andere Tratschen macht auch Spass ähnlich wie im Straßencafe.

    • labaera schreibt:

      Nee, alleine schlafen ist schon schön.Spätestens wenn sich dein verwirrter 90jähriger, inkontinenter Zimmernachbar zu Dir ins Bett legt….

  4. Ano schreibt:

    Hahaha
    Bei dem Argument gebe ich mich geschlagen.
    Der letzte Krankenhausaufenthalt liegt auch schon im letzten Jahrtausend. Da gab es sowas noch nicht.

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