Weil es doch mal gut sein soll

Heute bei der Visite habe ich in der Akte die Patientenverfügung von Frau M. gefunden. Frau M. ist  eine kleine, zierliche Dame mit krummer Wirbelsäule,  einer frischen BWK 12 Fraktur und perfekter Dauerwelle. Sie ist eine von den schüchternen Patienten. Sie traut sich nicht zu schellen, aus Angst den Schwestern „Arbeit“ zu machen.  Sie bedankt sich für  jeden Handschlag.  Sie versucht ihr Tablett alleine  zu tragen, wäscht sich und hilft sogar ihrer Bettnachbarin.  Frau M. schreibt:

„Ich gehe nun auf meinen 90. Geburtstag zu und habe ein abwechslungsreiches Leben geführt. Meine Kinder und Enkel sind alle schon im Beruf und weggezogen, aber ich bin sehr stolz auf sie.

In früheren Jahren bin ich oft mit einem meiner drei Kinder in den Urlaub gefahren oder geflogen. Ich habe einen Teil von Europa kennengelernt. Mit zunehmendem Alter haben sich allerdings Beschwerden beim Laufen eingestellt, die Füße und der Rücken schmerzen, jedoch kann ich es aushalten. Unerträglich ist mir aber die Vorstellung, geistig nicht mehr fit und dann auf Hilfe angewiesen zu sein.  Wie sehr Demenz die Menschen verändert, habe ich bei meinem verstorbenen Ehemann Josef mitbekommen.

Unter solchen Voraussetzungen möchte ich nicht leben.  Mir ist es sehr wichtig, dass ich mich mit meinen Freunden und Verwandten unterhalten kann. Wenn ich einmal verwirrt bin, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin, und meine Familie nicht mehr erkenne, so soll es auch nicht mehr lange dauern, bis ich sterbe.  Daher möchte ich dann keine Behandlung und auch keine Maschinen, die mein Sterben nur hinauszögern. Die ganzen Schläuche und die ganzen Apparate machen mir Angst und ich möchte auch nicht mehr vom Notarzt reanimiert werden, weil es doch auch mal gut sein soll, wenn mein Herz zu schlagen aufhört.“

Ich mache die Akte zu. Nein, das  ist keine Träne.

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2 Antworten zu Weil es doch mal gut sein soll

  1. Ano schreibt:

    Dazu kann man eigentlich nur schwer Worte finden, aber solche Mitmenschen sind für mich die wahren Helden, sowohl was die Einstellung zum Leben als auch zum Sterben und Tod betrifft. ..Schweigen.
    (Den vorletzten Satz im zweiten Absatz und den letzten Absatz habe ich herauskopiert und werde ihn übernehmen.)

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