Frank

Frank war ein Kollege in Essen. Er Kardiologe, ich Neurologin.  Zwischen Kardiologen und Neurologen gibt es immer Streit. Jeder denkt, er ist der Wichtigste.  Für den Neurologen  ist das Gehirn am wichtigsten, für den Kardiologen das Herz. Und jeder hat Recht. Irgendwie. Kardiologen sind alle schlank und groß. Dicke Menschen schauen sie naserümpfend an. Das kenne ich . Kardiologen sind sehnig und durchtrainiert, laufen alle Marathon und steigen Treppen. Drei Stufen auf einmal. Mindestens. Ich fahre Aufzug. Und schäme mich ein bisschen. Aber im Badminton schlage ich alle. Bestimmt.

Und  trotz aller Differenzen: Frank und ich haben uns gut verstanden.  Frank, groß, braun gebrannt, gut aussehend, der Schwiegersohntraum aller Omis mit Bluthochdruck und KHK. Aber, eine Macke hatte Frank.  Er war der geborene Hypochonder.

Ich mache meinen abendlichen Rundgang über alle Stationen. Auf der Intensivstation treffe ich auf Frank. Frank sitzt am Tisch, eine mütterliche grauhaarige Schwester serviert ihm einen Tee. Mit extra viel Zucker, dazu noch die Hälfte ihrer Thunfisch Pizza von San Marino. Frank klagt : „Ich bin unterzuckert!“

Ich denke: „Ja, nee ist klar, Herr Kollege. Als gesunder Mensch unterzuckert man nicht….“ Und nehme mir einen trockenen Zwieback. Die gesamte Schwesternschaft turnt besorgt um Frank rum.

Ich schaue mir mittlerweile  den 44jährigen Patienten mit der Basilaristhrombose in Box 5 an. Es geht ihm  gut, stabil. Gott sei Dank.

Die einzelnen Boxen sind durch halbhohe Glasscheiben getrennt.

Aus den Augenwinkeln sehe ich in Box sechs plötzlich eine Bewegung.

Fassungslos sehe ich, wie Frank aus seinen blauen Intensivklamotten steigt und sich in das freie Bett legt. Nette orange Boxershorts, Herr Kollege denke ich!

Die mütterliche Schwester klebt  ihm sorgfältig die EKG Elektroden an.

Ich gehe in Box sechs: „Braucht ihr Hilfe?“

Die Mutterschwester lächelt  mich an: „Danke Frau Doktor, ich mache das schon.“

Ich: „Alles gut Frank?!“

Frank: „ Nee, ich glaube ich kriege einen Herzinfarkt.“

Mutterschwester (jetzt leicht entnervt): „Ach Frank, das ist jetzt schon das dritte Mal in diesem Jahr. Du hast nichts!“

Ich gehe grinsend von der Intensivstation. Und fahre mit dem Aufzug in den sechsten Stock.

Besser aufzugfahrende  Neurologin als schlanker hypochondrischer Kardiologe.  Sic!

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