Kiosk

Kioske sind überlebenswichtig,  jedenfalls hier im Ruhrgebiet. Jedenfalls früher. Lakritzschnecken, Brausepulver, Eßpapier, Capri Sonne, Bild Zeitung,  Wieisset, Wasmachsdu? Es umgibt sie ein Hauch und Geruch von Sozialromantik. Meint man. Heute umgibt sie häufig nur ein Geruch von sieben Tage nicht gewaschen und 3,2 Promille morgens um acht Uhr. Mühsam bahne ich mir den Weg durch einen Pulk eher nicht so vertrauenswürdiger Männer in verschwitzen gelben Unterhemden um Kaugummi zu kaufen. Um letzten Endes 20 Minuten hinter einer Frau zu warten, die   im Bremsstreifen  Jogger mit ungekämmten Nesthaaren ihren Einkauf dort erledigt  zum stolzen Preis von 45 Euro.

Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich an einem Kiosk in Kray Leithe vorbei.  Staune, wie voll es da schon um sieben Uhr ist. Horden von Handwerkern versperren mit ihren Scheiß  Sprintern die Kreuzung, Ein-und Ausfahrten um Brötchen und Kaffee zu tanken. Häufig sind auch  um die Uhrzeit die schon angegrauten Plastikstapelstühle besetzt. Kanne Bier auf dem Tisch. Ich gucke dann immer biestig aus dem Auto und überlege, wieso ich arbeiten gehe. Wahrscheinlich um nicht auf dem Stapelstuhl zu enden.

Es gibt eine einfache Regel. Kioske  mit Stühlen meide ich, die ohne sind in Ordnung. Mein Lieblingskiosk ist der auf der Krayer Strasse am Südbad.  Mit seinem   bärtigen lebenserfahrenem Besitzer, der ein T-Shirt trägt mit dem Aufdruck: Kiosk ist Kult. Und tollen Kaffee kocht. Und leckere Brötchen Sonntags verkauft. Und mir das alte Kioskgefühl zurückgibt.

There´s nowhere to hide

Die TV Licency ist das britische Pendant zur deutschen GEZ. Jedoch extremer, unverholener. Nach dem Motto: Vor uns versteckt sich keiner!

Wer in England einen Fernseher kauft. muß bei der Zahlung seine Adresse angeben.  Diese Daten gehen dann gleich an die TV Licency. Einige  schlaue Engländer umgehen diese Fußfessel.

David (an der Kasse mit einem neuen Grundig Fernseher).

Verkäufer: „Geben Sie mir bitte ihren Namen und ihre Adresse?“

David: „Joseph Schicklgruber.“

Verkäufer: „Buchstabieren Sie bitte?!“

David: „J-O-S-E-P-H“

Verkäufer: „Nein, den Nachnamen!“

David buchstabiert den Nachnamen. Dreimal. Der Verkäufer gerät ins Schwitzen.

Verkäufer: „Ist das Deutsch?“

David: „Ja, mein Großvater war Österreicher!“

Verkäufer: „Ahhh, ja in Österreich habe ich schon mal Urlaub gemacht.“

Weiter geht es mit der Adresse:

David: „Market Cross 19, Mandela Flat 13, Foula, Shetland Islands.“

Der Verkäufer stutzt, wird mißtrauisch: „Auf den Shetland Inseln wohnen Sie?“

David: “ Ja, ja,  London ist mir zu laut und unruhig.“

Verkäufer, lauernd: „Geben Sie mit den ZIP Code?“

David (ist vorbereitet): “ ZE2 9PN“

Geschafft!

Funktioniert übrigens auch mit Frederick Flintstone, Dan Tisst, John Gleur.

TV

Kleinfunk

Britisches  Radio und Rundfunkstationen gibt es selbst auf den kleinsten Inseln im weißrotblauen Union Jack Königreich.

Ein witziges Beispiel ist die Shetland Islands Broadcasting Company kurz SIBC genannt. 

Ein Auszug aus den heutigen aktuellen Nachrichten:

Ein grünes Mountainbike wurde vom Nathan Wood Spielplatz entwendet. Wer es sieht, bitte den Eigentümer anrufen unter 12345678. Aber bitte erst nach 14 Uhr, denn bis dahin ist Victor noch in der Schule.

Weiter geht es mit:

Auf dem Gehöft von Farmer Carter  wurde heute ein kleines Lamm geboren. Die Mutter Dolly ist wohlauf.

Die Telefonzelle in der Churchstreet ist defekt und wird bis Freitag repariert.

Gefolgt von einem Aufruf für den Kirchenbasar am Samstag mit der Bitte  Kuchen zu backen.

In dieser Woche wurden 1200 Boxen Weiß Fisch gefangen, sehr gute Quote.

Zum Schluss wird noch Mrs. Weller gratuliert, die heute 80 Jahre alt wird. Sie feiert heute ab 16 Uhr. Der Besuch wird gebeten durch die Hintertür zu kommen, da die vordere Tür gestern frisch gestrichen wurde.

Heile Inselwelt!

Das Ende vom Lied

Episode 1:

Heute auf der Visite, Zimmer 2.
Ein 83jähriger Patient, liegt im Bett, absolut immobil. Mir ist allerdings nicht klar wieso. Er meint, dass er vor einer Woche noch gelaufen sei. Ich gucke mir die dünnen atrophischen Beine an. Und finde das unwahrscheinlich.
Es klopft. Die 20 Jahre jüngere Ehefrau in einem bunten Sommerkleid segelt herein. Ich frage sie, wann ihr Mann zuletzt  gelaufen sei.
Sie (winkt ab): “ Ach, der ist schon seit Jahren nicht gelaufen! Hat Pflegestufe 2 seit fünf Monaten. Er geht mit dem Rollator zum Klo, maximal!“

Er (prostestiert): „Stimmt gar nicht!“
Sie: „Erzähl nix. Du bist noch nie gerne gelaufen. Sogar zum Bäcker bist du damals immer mit dem Auto gefahren. Und der war nur eine Minute entfernt. Und mussest  direkt davor parken. Du hast dich nie gerne bewegt!!

Er (wütend, bekommt einen schmalen Mund): „ Hab ja auch lange genug für Dich gearbeitet!  Wolltest ja immer weit weg in den Urlaub. War dir ja nichts gut genug!“

Die Stimmen werden lauter. Dem ist nichts hinzufügen. Ich entferne mich aus dem Zimmer.

Episode 2:

Gestern beim Italiener (der mit dem leckeren Pfirsich Prosecco).
Moni und ich sitzen draußen. Noch bestimmt zehn Tische  frei.

Es tapert ein älteres Ehepaar heran. Sie hat die  schicke Ausgeh Bluse an und trägt die guten Ohrringe. Er die Trekking Sandalen mit Klettverschluss an den ödematösen Füßen. Dazu eine graue Autofahrer Hose.

Sie möchte gerne neben dem großen Olivenbaum sitzen.

Er: „Nee, da kommt doch die Sonne rüber.“

Gut.  Die Frau steuert einen Platz neben dem Oleander an.

Er: „Nee, da sieht uns kein Kellner!“

Weiter geht das Tischroulette.

Auch der Tisch neben dem Eingang ist nicht genehm. Zu viele Gäste, die an dem Tisch vorbei laufen könnten!

Das Ende vom Lied:

Er will drinnen sitzen. Sie gibt  seufzend nach. Guckt ihn an wie saure Milch. Die guten Ohrringe hängen traurig runter.

Das Ende vom Liebeslied.

Zeitdiebe

Bitte klaut mir nicht meine Lebenszeit:

– wenn ihr bei Penny an der Kasse steht, erst kurz vorher umständlich euer Portemonnaie herauskramt, stundenlang nach MomentichhabeespassendKleingeld grabt.

– wenn ihr euren beladenen Einkaufswagen breit in den Gang stellt, wenn ihr was sucht. Ich kicke ihn ungerührt 100 Meter! weiter, wenn ich nicht dran vorbei komme. Glaubtesmir.

– wenn ihr mit Tempo 50! auf die Autobahn schleicht, das heißt Beschleunigungsspur. Nicht Entschleunigung.

– vor grünen Ampeln abzubremsen steigert nicht gerade meine Laune.

– auch holländische LKWs, die versuchen, sich über eine 2,20! Meter schmale Spur zu quetschen, es dann doch nicht schaffen und umständlich wenden, brauche ich morgens nicht.

– trödelt bitte nicht in einer geschlossenen Viererreihe auf dem Bürgersteig vor mir her und bleibt abrupt stehen. Ihr seid nicht alleine auf der Welt.

– rückwärts einparken in 50! Zügen nervt (wenn ich hinter euch stehe, aber sonst auch).

– im Stau müßt ihr nicht 30! Meter Abstand auf euren Vordermann halten, so dass sich jeder holländische Rübenlaster in die Lücke quetschen kann.

– an Waschanlagen für Euren alten Vectra das komplette Blitzeblank Programm mit Diamanten Unterbodenwäsche zu wählen ist Euer gutes Recht. Keine Frage. Aber bitte nach Beendigung des Endlos Programms zügig! einsteigen und zügig! wegfahren. Bitte nicht dreimal ums Auto herumlaufen und nach Kratzern suchen.

Danke! Das war es schon.

Bilder im Kopf

Gestern nachmittag Konsilvisite mit Dr. Sommer bei einem Patienten: Der 85 jährige Mann ist nach einer Untersuchung bei seinem Urologen in der Praxis kollabiert. Na ja, eine Hafenrundfahrt verträgt nicht jeder.

Nach der Visite vor der Tür:  Dr.Sommer, blickt nachdenklich sinnend über seine halbe Brille: Dr. La Bära,  ich war übrigens gestern auch beim Urologen! „

Ich (spontan in Schweiß ausbrechend, wünsche mich auf den Mars, weit weg, weißer Anzug, flache Schuhe usw.): Ohhhh nein,  Herr Kollege!“

Das bunte Bild  Dr.SommerbeimUrologen bekomme ich jetzt nicht mehr aus meinem Kopf. Nie wieder.Gibt es vielleicht ein zerebrales Resetting für solche Bilder?

Chirurgenworte

Heute auf der chirurgischen Station 6.

Längere Diskussionen über die geplante Aufnahme eines Patienten mit einer Leistenhernie.

Schwester Katja: “ Wir haben aber am Mittwoch kein Bett. Dann müssen wir ihn morgen auslagern auf die  Station 12 zu den Unfallchirurgen!“

Dr. Sommer  (ja, er heißt wirklich so und kennt sämtliche Witze über seinen Namen) kommt rein, bekommt das Telefonat mit: “ Neeee, auslagern ist nicht gut! Das klappt schon. Die Hämorrhoiden von Zimmer 5 gehen doch morgen! Oder in das Zimmer 12 von der Analfistel!? “ 

Katja: Ja, dann auf 5, wenn die Hämorrhoiden gegangen sind!“  Alle sind zufrieden. 

Aaargh! Ich liebe diese individuelle namenorientierte Medizin! 🙂

Stöckchen

Eigentlich wollte ich ja ins Bett. Ist Montag, ich habe nach der Arbeit bei 40 Grad 90 Minuten Badminton gespielt. Aber Fraukrokodil hat mir ein Stöckchen zugeworfen,welches ich unbedingt aufheben muss.

1. Was war dein Traumberuf als Kind?

Bibliothekarin oder Meeresbiologin. Bücher fand ich immer toll. Und Bibliothekarinnen hatten sowas Autoritärstrenges. Hatten die Macht über alle Bücher. Und ich  habe immer gerne bunte Fische als Kind gemalt. Dann wollte ich mal einen Schreibwarenladen führen mit vielen dicken Filz-und Buntstiften. Deshalb bin ich Ärztin geworden, hee?!?

2. Restaurant, Lieferservice oder selbst kochen?

Geht nichts über Pizza dream oder Acquario mit genialem Pfirsich Prosecco! Kochen finde ich anstrengend. Vom Stehen kriege ich Rückenschmerzen.

3. Pauschal- oder Individualurlaub? Strand oder Meer?

Ich bin gerne normaler Tourist, so richtig mit Vollpension (noch  besser All in). Ich will nicht einkaufen im Urlaub und möchte mich um nichts kümmern.  Wenn ich eingeengt im vollen Pauschalflieger sitze und ein Kind mir auf die Hose kotzt, bereue ich meistens diese Entscheidung.

4. Sprichst du Dialekt oder Hochdeutsch?

Ich meine Hochdeutsch, aber Ruhrpott kommt manchmal durch. Ich sage Doatmund und nicht Dortmund, Kiachturm und nicht Kirchturm. Na ja, nobody is perfect.

5. Was ist Dein Sternzeichen? Und glaubst du an Astrologie oder hältst du das für Humbug?

Zwillinge. Ich glaube nicht dran. Zwillinge sollen ja durchs Leben schweben, das mache ich nicht.

6. Wenn du eine Sache an dir ändern könntest, was wäre es? Oder bist Du vollkommen zufrieden mit dir?

Ich will  mich nicht mehr aufregen, wenn andere Zigarettenkippen aus dem Autofenster werfen. Essen ohne zuzunehmen wäre auch eine feine Sache.

7. Süß oder salzig?

Früher süß, jetzt salzig, ich werde alt. Salzige Heringe von Haribo und Tortilla chips.

8. Wenn du eine Zeitmaschine hättest, in welche Zeit würdest du reisen?

In die Urwelt der Dinosaurier. 30 Meter hohe Pflanzenfresser gucken.

9. Weihnachten ist ganz schön schrecklich oder ganz schrecklich schön?

Ich liebe Weihnachten! Lecker Essen, tolle Geschenke von meiner tollen Familie. Nur Geschenke kaufen nicht. Ich lasse mir alles faul durch amazon liefern um den vollen Innenstädten zu entgehen.

10. Beatles oder Stones?

Erst die Stones. Seitdem die stones  aber gesagt haben , dass in der ersten Reihe in ihren Konzerten nur junge schlanke girls stehen sollen, dann doch die Beatles! Aber eigentlich die foofighters!

11. Welche Frage würdest du nicht beantworten?

Gewicht 🙂

Und das Stöckchen geht weiter an: Trommelwirbelundtusch: Patty!  (obwohl sie keine Stöckchen mag….). Dass ihr das jetzt passieren muss!

Herr M.

Herr M. ist ein Furcht einflößender psychiatrischer Patient. Er ist  1,80 Meter groß, wiegt  220 kg, trägt eine beige Hose mit verstellbarem Bund. Er hat nur noch ein Auge. Das andere Auge hatte ihm ein ehemaliger Gläubiger ausgestochen. So sagt Herr M jedenfalls. Wenn ich mit ihm spreche und in die vernarbte Augenhöhle gucke, muß ich schlucken. Er raucht mindestens vierzig Selbstgedrehte  pro Tag und hat die typisch langen gelben Fingernägel von chronischen Psychose Patienten. Der einzige Mensch, vor dem Herr M. Angst hat, ist seine 1,50 Meter kleine Mutter, die immer eine braune abgewetzte  Plastikhandtasche über dem Arm trägt und ihn gnadenlos im Griff hat.

Herr M. hat eine paranoid halluzinatorische Psychose. Seine Medikamente nimmt er nicht so regelmäßig. Wenn er Schulden hat und seine Gläubiger ihm gefährlich  nah auf den Pelz rücken, legt er sich einfach auf Strassenbahnschienen. Sein dicker Bauch  ragt heraus. Wenn  die Polizei mit Blaulicht kommt, schreit er laut: „Ich will mich umbringen!!“

Die Polizisten, die ihn schon seit Jahren kennen, bringen Herr M.  grinsend wieder in die Psychiatrie auf die fakultativ geschützte Station. 

Dort gibt es dreimal am Tag Essen, er kann endlich  Geld sparen. Nach einem Aufenhalt von sechs Wochen hat er genug Geld zusammen. Er ist auch „irgendwie“ nicht mehr suizidal.  Herr M.  möchte wieder nach Hause, sich auslösen. Die Gläubiger geben endlich Ruhe.

Herr M. hat das psychiatrische System perfekt verstanden.

Leider hat ihn am letzten Mittwoch die Straßenbahn übersehen.

Marskolonie

Sommerabend, Freitagabend, Biergartenabend.   Mit vier Personen in einem Biergarten einen Tisch zu finden ist nicht so einfach.

Wir begannen im Wolpertinger.  Fehler. Voll, voll, voll. Lange Schlange vor  der Bierausgabe,

Alle Tische besetzt. Bis auf einen. Da passten noch fünf Leute dran. Es standen allerdings Teller und Gläser drauf. Aber man kann ja mal fragen.

Am Tisch saß eine moppelige Rothaarige mit „frecher“ Kurzhaarfrisur (fehlte nur noch die eingefärbte Strähne im Pony). Typ Lehrerin am Ferienbeginn.

Ich: „Entschuldigung, sind die Plätze hier noch frei?“

Moppel (mich scharf über ihre verschmierte Lesebrille  anblickend): „Nein. Da sitzen fünf Kinder!!! “ Das Wort Kinder betont sie besonders. Weil Kinder ja die besonderen Menschen sind.

Ich, mich fragend wo die Kinder denn sind. Sehe keine. Bin ich aber bestimmt viel zu unsensibel für.

Gut, dann nicht. Ich sehe, dass am Nebentisch eine Gruppe zahlt.

Ich: „Entschuldigung, gehen Sie jetzt?“

Sie (blonde, struppige Haare, zuviel Solarium, zuviel Zigaretten, zu wenig Hirn):“ Ja, aber wir haben noch lange nicht ausgetrunken. Dass wir zahlen heißt nicht, dass wir sofort gehen!!“

Ich mustere die  Gläser auf dem Tisch: Überall nur noch eine Pfütze drin.

Die Truppe macht jetzt betont langsam. Es wird noch geraucht, gelacht, telefoniert und natürlich nicht ausgetrunken.

Leckt mich doch.  Dann halt nicht.

Weiter geht es nach Rüttenscheid. Unterwegs überlegen wir,  ob wir mit handverzählten passenden Menschen auf dem Mars eine einsame Kolonie gründen sollen. Eine menschliche Arche Noah.

Wir würden alle weiße Anzüge tragen. Flache Schuhe. Unaufgeregte cleane idiotenfreie Atmosphäre.

Mars, wir kommen.