Herr M.

Herr M. ist ein Furcht einflößender psychiatrischer Patient. Er ist  1,80 Meter groß, wiegt  220 kg, trägt eine beige Hose mit verstellbarem Bund. Er hat nur noch ein Auge. Das andere Auge hatte ihm ein ehemaliger Gläubiger ausgestochen. So sagt Herr M jedenfalls. Wenn ich mit ihm spreche und in die vernarbte Augenhöhle gucke, muß ich schlucken. Er raucht mindestens vierzig Selbstgedrehte  pro Tag und hat die typisch langen gelben Fingernägel von chronischen Psychose Patienten. Der einzige Mensch, vor dem Herr M. Angst hat, ist seine 1,50 Meter kleine Mutter, die immer eine braune abgewetzte  Plastikhandtasche über dem Arm trägt und ihn gnadenlos im Griff hat.

Herr M. hat eine paranoid halluzinatorische Psychose. Seine Medikamente nimmt er nicht so regelmäßig. Wenn er Schulden hat und seine Gläubiger ihm gefährlich  nah auf den Pelz rücken, legt er sich einfach auf Strassenbahnschienen. Sein dicker Bauch  ragt heraus. Wenn  die Polizei mit Blaulicht kommt, schreit er laut: „Ich will mich umbringen!!“

Die Polizisten, die ihn schon seit Jahren kennen, bringen Herr M.  grinsend wieder in die Psychiatrie auf die fakultativ geschützte Station. 

Dort gibt es dreimal am Tag Essen, er kann endlich  Geld sparen. Nach einem Aufenhalt von sechs Wochen hat er genug Geld zusammen. Er ist auch „irgendwie“ nicht mehr suizidal.  Herr M.  möchte wieder nach Hause, sich auslösen. Die Gläubiger geben endlich Ruhe.

Herr M. hat das psychiatrische System perfekt verstanden.

Leider hat ihn am letzten Mittwoch die Straßenbahn übersehen.

Marskolonie

Sommerabend, Freitagabend, Biergartenabend.   Mit vier Personen in einem Biergarten einen Tisch zu finden ist nicht so einfach.

Wir begannen im Wolpertinger.  Fehler. Voll, voll, voll. Lange Schlange vor  der Bierausgabe,

Alle Tische besetzt. Bis auf einen. Da passten noch fünf Leute dran. Es standen allerdings Teller und Gläser drauf. Aber man kann ja mal fragen.

Am Tisch saß eine moppelige Rothaarige mit „frecher“ Kurzhaarfrisur (fehlte nur noch die eingefärbte Strähne im Pony). Typ Lehrerin am Ferienbeginn.

Ich: „Entschuldigung, sind die Plätze hier noch frei?“

Moppel (mich scharf über ihre verschmierte Lesebrille  anblickend): „Nein. Da sitzen fünf Kinder!!! “ Das Wort Kinder betont sie besonders. Weil Kinder ja die besonderen Menschen sind.

Ich, mich fragend wo die Kinder denn sind. Sehe keine. Bin ich aber bestimmt viel zu unsensibel für.

Gut, dann nicht. Ich sehe, dass am Nebentisch eine Gruppe zahlt.

Ich: „Entschuldigung, gehen Sie jetzt?“

Sie (blonde, struppige Haare, zuviel Solarium, zuviel Zigaretten, zu wenig Hirn):“ Ja, aber wir haben noch lange nicht ausgetrunken. Dass wir zahlen heißt nicht, dass wir sofort gehen!!“

Ich mustere die  Gläser auf dem Tisch: Überall nur noch eine Pfütze drin.

Die Truppe macht jetzt betont langsam. Es wird noch geraucht, gelacht, telefoniert und natürlich nicht ausgetrunken.

Leckt mich doch.  Dann halt nicht.

Weiter geht es nach Rüttenscheid. Unterwegs überlegen wir,  ob wir mit handverzählten passenden Menschen auf dem Mars eine einsame Kolonie gründen sollen. Eine menschliche Arche Noah.

Wir würden alle weiße Anzüge tragen. Flache Schuhe. Unaufgeregte cleane idiotenfreie Atmosphäre.

Mars, wir kommen.

Supervision

Supervision ist eine Beratung für Mitarbeiter in psychosozialen Berufen. Dabei soll die Mitarbeit im Team besprochen und eventuelle Probleme angegangen werden.

In meinem psychiatrischem Jahr, das jeder Neurologe machen muss, war Supervision Pflicht.
Ich war neugierig auf die erste Supervision, habe mich sogar drauf gefreut. Neue Sachen halt.
Zusammen mit Martin und dem kompletten Team war ich im Gemeinschaftsraum. Blaue Stühle, ein grosser Stuhlkreis. Die Supervisorin mit dem unausprechlichem Doppelnamen, den ich vergessen habe. Im Gedächtnis  ist mir der rotgelbe Poncho geblieben, den sie umgeworfen hatte. Im Hochsommer.
Martin hatte mir vorher gesagt: „Ich sage in Supervisionen nie was.“
Ich habe gefragt: “ Wieso? Dazu ist es doch da!?“
Antwort: „Das wirst du schon sehen!“
Ahh, ja.
Und los ging es.
Die Supervisorin Frau Schwätzer-Namenlos: „Was gibt es zu besprechen? „

Totenstille. Alle gucken aus dem Fenster. Auf die Fußspitzen. Knibbeln heimlich an den Nägeln.
Die Supervisorin nimmt mich ins Visier:
„Sie sind doch neu hier?“
Jaaaa, bin ich. Und ich wünschte ich wäre weit weg.

„Wie empfinden Sie die Atmosphäre hier im Team?“

Martin stößt mich warnend mit dem Ellenbogen an.

Zu spät.

Ich denke an die unterschiedlichen Teammitglieder. An die dominante Stationsleitung Meike Schlampitz mit ihrer Friß oder Stirb Art und der altmodischen Dauerwelle,  an die ihr hörige Frau Eiland, an den dicken Christoph, der ihr nichts entgegenzusetzen hat, an den zu lieben Ralph, der sich nicht traut.

Ich hole tief Luft und  sage: „Ich denke, dass hier auf Station keine gute Stimmung ist.

Und dann bin ich zum Abschuss freigegeben.

Ende vom Lied:

Ich sage zu Frau Schlampitz: „Blöde Kuh!“ und werde im Anschluß auf eine andere Station versetzt.

Die Supervisorin ist begeistert von der Dynamik.

Seitdem sage ich nichts mehr in einer Supervision und gucke auf meine Fußspitzen. Knibbel an meinen Nägeln, schaue aus dem Fenster. Und hasse Ponchos.

Bouillabaisse

Ausblenden ist ein beliebtes mentales Verfahren, dass Ärzte anwenden, die von Patienten gnadenlos zugetextet werden.

Also eigentlich fast täglich anwendbar.

Beispiel:

Heute auf der Visite, Zimmer 2.

71 jährige Privatpatientin, pensionierte Lehrerin, lange graue glatte Haare. In der Kurve steht Fibromyalgie. Aaarrggh, denke ich. Worst case.  Fibromyalgie, das kann dauern. Fibromyalgie Patientinnen (fast alles Frauen, geschieden, denn die Männer halten das Geknatsche  mehr aus) mit diversen Wehwehchen, die jeder hat, der älter als vierzig ist. Der eine nimmt es hin, der andere macht eine Krankheit draus!

Und richtig:

Frau S. , den Kopf auf einem mitgebrachtem Nackenhörnchen gebettet, liegt leidend auf einer Fango Packung im Bett:

„Frau Doktor, ich habe so Schmerzen.  Ich habe bestimmt einen akuten Fibromyalgie Schub…“

Ich: „Was machen Sie denn in einem „Schub“?  ( Das Wort Schub presse ich nur nur mühsam raus.  Benutze  es sonst nur bei Patienten mit Multipler  Sklerose).

Sie: „Ich nehme dann immer ganz schwere Tabletten!“

Ich: Welche?

Sie:  „Jaaa, Ibuprofen.“

Ahhhh, ja. Die schweren Ibuprofen….

Und weiter geht die Leidensgeschichte. Sie beginnt mit der Diagnose der Fibromyalgie. „Herr Professor D. hat sich 2007 an mein Bett gesetzt und meine Hand genommen,  Ich muß jetzt ganz tapfer sein, hat er gesagt. Ich hätte Fibromyalgie und die ist unheilbar.“

Ich verfluche diesen Kollegen, Menschen zu pathologisieren .

Die Geschichte endet mit der Erzählung, dass ihr Vater mal eine Blinddarmentzündung hatte.  Der Vater hatte ja bei der Sparkasse gearbeitet, der Sohn übrigens auch.  Ich weiche langsam rückwärts in Richtung Tür aus, es nützt nichts. Frau S. redet und redet und redet und redet…Schlimmer als ein Mann.  Ab da beginne ich auszublenden.

Überlege, was ich am nächsten Wochenende machen kann. Am Freitag in den Biergarten? Wenn ja,  in welchen?

Ich muß an einen Kollegen denken. Der blendet immer mit Kochrezepten aus. Letztes Mal hat er vor seinem inneren Auge eine Bouillabaisse gekocht. Fisch, Langusten,  Zwiebeln, Möhren. Lorbeer, Knoblauch,Thymian. Mit Weißwein abschmecken. Dazu Baguette?  Gute  Idee!

Also, wenn eurer Arzt Euch nicht mehr antwortet und etwas entrückt in die Gegend guckt, dann könnte es daran liegen, dass ihr redet und er Fischsuppe kocht…

Medizinertisch

Wer mit einem Medizinermenschen zusammen sitzt und ißt, braucht Nerven wie Stahlseile.

FünfFrauenGruppe in der spanischen Finca Bar in Essen (ich mag die Finca zwar nicht, aber die anderen wollten dahin).

Alkohol fließt in Strömen. Cola und O-Saft auf dem Tisch. Sonne scheint, alle haben Hunger. Lange nicht gesehen, Frauengeschnatter. Der Nebentisch aus KupferdrehStadtwaldBredeney mit mageren Hippen und Riesensonnenbrillen guckt schon zu uns rüber. Gemalte Augenbrauen werden hochgezogen. Egal.

Ich habe den Currywurstspieß bestellt (nicht noch mal).

Moni:  Hähnchenspieße.

Brigitte:  kanarische Kartoffeln.

Gudrun: Suppe.

Angela:  hab ich jetzt vergessen.

Ich mustere meinen Spieß, präpariere sorgfältig die Wurststücke herunter.

Moni beäugt das misstrauisch und meint: “  Die Soße sieht aus wie die Makrohämaturie im Urinbeutel  von Herrn Müller auf Zimmer 6.

Ich tunke ungerührt meine Wurst in die Hämaturiesoße. Schmeckt. Sehr fruchtig.

Ich gucke jetzt auf die Hähnchenspieße von Moni.  Moni zuppelt die Stücke herunter. Grob. Sie zerschneidet die Vena poplitea und garantiert den Nervus femoralis Die Hähnchenmuskeln sehen atrophisch aus.  Kannichnichthingucken.

Der Nebentisch auch nicht. Werden schon grün im Gesicht.

Brigitte, leicht alkoholisiert,  guckt auf ihre kanarischen schrumpeligen Kartoffeln  und gackert los: „Neee, die sehen aus wie die Hoden von dem Thrombosepatienten, der gestern gegangen ist.“

Der Nebentisch flüchtet.

Ich bestelle Crema Catalana. Lecker!

Englisch – Deutsch

In einer britisch-deutschen Beziehung kann man einiges über Kommunikationsstile lernen.  Die Briten  sind  sehr höflich (es sei denn sie liegen besoffen und krebsrot in Magaluf am Strand). Direkte Kritik ist nicht gerade ihre Stärke. Sie würden nie um etwas bitten.

Was die Briten sagen und was sie meinen:  Ein feiner Unterschied.

  • I hear what you say: Ich höre es, werde aber nie damit einverstanden sein.
  • That´s not bad: Es ist schrecklich, erwähne  es nie nie wieder.
  • I would suggest, …: Mach es, sofort!
  • Very interesting:  Absoluter Nonsense!
  • I´m sure it´s my fault: Es ist dein Fehler, nicht meiner!
  • I almost agree: Was hast du für schwachsinnige Ideen?
  • You´re welcome: Besuch mich bitte nie!
  • You must come to dinner: Komm zum Essen, ich werde nicht da sein!

Via David, thx!

Das Bob Spiel

Bob ist ein 48 jähriger Brite mit abgewetzten Jeans und einem langem grauen Pferdeschwanz. Seit seiner Scheidung vor 20 Jahren leidet er an dem AlleFrauensindSchlampen Syndrom.

An allem hat seine Ex Frau Schuld.

Bob hat seinen gutbezahlten Job verloren? Jane hat Schuld, weil sie ihn psychisch fertig gemacht hat.

Bob  ist zu dick? Jane hat Schuld. Wäre sie nicht gegangen, wäre er schlank.

Bob hat eine Lebensmittelallergie? Wenn Jane richtig gekocht hätte, würde er nicht allergisch reagieren.

Klopapier ist alle? Wäre Jane nicht gegangen, wäre er nicht depressiv und hätte an Klopapier gedacht.

Bob kreist alleine in seinem kaltblauem Scheidungsuniversum.

Aus dem Gedankenkleben an Jane ist das Bob Spiel entstanden.

Ziel und Sinn ist es innerhalb von fünf Sekunden von einem beliebigem Thema auf  Jane zu kommen.

Wir reden über z.B. Tiefseetauchen (sehr gängiges Thema).

Bob: „Jane, meine ExFrau, die mich vor 100000 Jahren verlassen hat, kann nicht Tiefseetauchen.“

Wir weichen auf das Thema „Wohnzimmerschränke“ aus. Hoffen.

Aber nein: Bob wird rot im Gesicht, ereifert sich: „Jane hat unseren Ahornschrank im Wohnzimmer nie richtig geputzt.“

Gut, wir versuchen es mit „Matjessalat“. Keine Chance: Jane hat nie Fisch gegessen und ihn immer verkochen lassen.

Der Rekord steht bei 4 Sekunden. Entrinnen beim Bob Spiel ist unmöglich. Hands up!

Deine Ärzte

Kardiologe:

Wichtigster Arzt (denkt er jedenfalls). Schlank, groß,  schon fast kachektisch. Läuft häufig Marathon, steigt immer Treppen, drei Stufen auf einmal. Über den Flur hetztend. Blickt mit verächtlicher Miene auf Menschen herab, die den Aufzug benutzen. Ißt immer gesunde Mittelmeerkost.  Das wichtigste Organ ist für ihn das Herz.  Tunnelblick für übrige Diagnosen. Das Gehirn interessiert ihn nicht so sehr.

Gastroenterologe:

Nett, manchmal etwas schüchtern und zurückhaltend. Spricht noch freundlich am Telefon, selbst wenn er mit dem Endoskop 40 cm im Colon steckt. Liebt diverse Beschreibungen von Stuhlgangskonsistenz und Farbe, hellbraun, flockig, krümelig, breiiig, spritzend…

Geriater:

Sieht fast so alt aus wie seine Patienten (als mein Chef am Gemeinschaftstisch auf der Station saß, habe ich ihn für eine Neuaufnahme gehalten). Läuft fast so langsam wie seine Patienten. Hat Angst, genauso zu werden wie seine  Patienten.

Psychiater:

Sehen ohne Kittel aus wie ihre Patienten. Das Team ist immer wichtig. Ohne Team und Supervision läuft nichts. Noch nicht mal Kaffeebestellung.  Vordergründig freundlich. Sehr lange Besprechungen, in denen nicht rumkommt.

Gynäkologe:

Die Ärztinnen sind irgendwie alle blond mit Pferdeschwanz, schlank  und klein. Stets ängstlich, dass der blaue Säugling, den sie entbunden haben, kein Abitur macht und sie deswegen 10 Jahre später angeklagt werden. Müssen immens hohe Prämien bei der Haftpflichtversicherung zahlen.

Unfallchirurg:

Lautlärmend, dick , lachend, rauchend. Kennen richtig schlimme Witze.  Im Spind hängt das neuste Playmate. Haben diverse Autos. Darunter meist ein großer SUV Panzer.  Was nicht operiert und mit einem Stabilo Baukasten versorgt werden kann, ist keine Krankheit.

Anästhesist:

Unsichtbar. Doch, doch es gibt sie. Sie fallen im normalen Alltag nicht auf. Einsilbig, kein Wunder, müssen auch nicht viel mit ihren betäubten Patienten sprechen.

Kinderarzt:

Sehen fast genauso aus wie ihre Kundschaft. Immer ein buntes Stethoskop lässig um den Hals geschlungen . Witzige Namensschilder in Pink oder Grün aus Fimo oder selbstgetöpfert.  Machen immer lange Mittagspausen in der Cafeteria, am grossen Gruppentisch mit alle Mann.

Viszeralchirurg:

Wenn man sie zu einem akuten Bauch  ruft, gibt es nur zwei Reaktionen: „Für sowas rufen sie mich? Erst mal den Patienten abführen!Oder: “ Wieso rufen Sie mich jetzt erst? Jetzt können wir nicht mehr operieren. Hätten Sie mich mal eher gerufen.“  Können es nicht fassen, wenn schwer kranke Patienten sterben.  „Wieso, der Bauch war doch in Ordnung.?! “ „Jaaa, aber der Patient hatte ein Nierenversagen, eine beidseitige Pneumonie und einen Herzinfarkt!“

Urologe:

Ihnen ist nichts Menschliches fremd. Haben alle möglichen Gegenstände aus männlichen Harnröhren entfernt. Erzählen davon mit verzückten Mienen auf Parties. Zeigen Fotos davon.

Gefäßchirurg:

Präparieren  beim Mittagessen sorgfältig die Arterien und Venen des  kross gebratenen Hähnchenschenkels, während der Umgebung schon vom Zusehen schlecht wird.

Radiologe:

Er ist der Reichste.  Stirbt früh. Hat eine Dauerkarte auf der VIP Tribüne auf  Schalke.  Seine deutliche jüngere Frau fährt als Zweitwagen einen Porsche Cayenne und kann damit nicht einparken.

Neurologe:

Halten sich für Dr. House. Sind die Besten und Schönsten. Stimmt ja auch!