Leichenfuß

Medizin ist nicht  fröhlich. Nein, Medizin ist nicht immer nett und heilbringend. Nein, Medizin besteht nicht immer aus freundlich lächelnden Ärzten in gebügelten, frisch gewaschenen Kitteln. Medizin kann grausam sein. Medizin kann dreckig sein. Medizin kann mich fassungslos  machen.

Gestern wurde eine 74jährige Patientin Frau B. notfallmäßig eingeliefert. Sie lebt alleine zu Hause und ist gestürzt. Der Sohn, mit dem ich heute gesprochen habe, meinte: „Sie ist sehr, sehr eigen!!  Sie hasst Ärzte. Sie sollte schon lange zum Hausarzt. Seit einer Woche geht es ihr richtig schlecht. Kann kaum laufen vor Schwäche und Schmerzen im rechten Bein. Gott sei Dank ist sie dann gestern endlich zum Arzt. „

Frau B. wurde dann heute auf meine Station verlegt. Schon ein Blick  auf die Laborwerte im PC lassen mich das Schlimmste ahnen. Dialysepflichtige Niereninsuffizienz, CRP hoch, spricht für einen schweren Infekt.  Röntgen noch nicht gelaufen. Ich denke, na ja, vielleicht hat der diensthabende Arzt es nicht für nötig befunden oder was auch immer. Aber kein gutes Gefühl dabei. Der typische Freitagnachmittagfall.

Frau B. ist dann endlich auf meiner Station. Ich gehe ins Zimmer. Frau B. liegt auf der Seite, blass, strähnige Haare, vorgealtert, halluziniert. Sie hat gerade das Mittagessen ausgebrochen, das Erbrochene sieht aus wie altes Blut.  Ich gucke unter die Bettdecke. Erste geriatrische Regel.  Immer unter die Bettdecke gucken.  Zweite Regel:  Sich nie auf vorliegende Diagnosen verlassen. Immer ein eigenes Bild machen. Dritte Regel: Nur den Röntgenbildern und Laborwerten glauben, die ich selbst gesehen habe!

Und Bingo: Ich entdecke ein blaues, eiskaltes linkes Bein, pulslos.

Der nette schlichte Sohn mit Oberlippenbart, der neben dem Bett  steht, stottert verlegen, als er meinen fassungslosen Blick sieht: „Das hat sie schon seit gestern. Der Hausarzt hat gesagt, der Fuß müsse warm gehalten werden, sei nicht so schlimm.“

Ich merke, wie mir die Magensäure zu den Ohren raus läuft.Frage mich, was der Hausarzt studiert hat? Frage mich, ob der Diensthabende das blaue Bein gestern Abend nicht gesehen hat?  Ob die Visite auf der Aufnahme das heute morgen  nicht gesehen hat? Ob die Pflege das kalte Bein heute morgen beim Waschen nicht gesehen hat?

Funke die Gefäßchirurgin an. Sie kommt sofort. Blickt auf das pulslose blaue kalte Bein. Doppler. Diagnose: Kompletter Verschluss. Typischer Leichenfuß. Länger als drei Tage. Therapie: Oberschenkelamputation.  Eine OP wird Frau B. jedoch bei der Niereninsuffizienz nicht überleben. Also konservativ behandeln.  Das heißt Morphin und polstern. Und warten auf das  Sterben. Endlich liegen auch die Röntgen Bilder vor: Ich entdecke zwei  mandarinengroße Raumforderungen im rechten Lungenmittellappen, Hoffe, dass es eine atypische Pneumonie ist. Weiß aber doch, dass es ein bösartiger Tumor ist. Aber für Frau B. ist es egal.

Sie guckt mich an. Lächelt. Die Oberkieferprothese verrutscht dabei. Dann schwingt ihr Blick auf ihren Sohn, der hilflos am Fußende steht. Ihr Blick gleitet zum Fenster. Der Sohn weint.

10 Stunden später füllt der Diensthabende den Totenschein von Frau B. aus.

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