Oh dear

Der Vorsatz für 2014 war es, „ruhiger“ zu werden. Ich versuche mir D.s  britische Gelassenheit anzueignen.

Am Wochenende bei Schley (meinem Blumendealer). Alles rappelvoll. Ich bekomme mit Mühe und Not einen Parkplatz. Keine guten Voraussetzungen um Ruhe zu trainieren.

Beim Bezahlen macht direkt neben uns eine neue Kasse auf. Die nette Verkäuferin winkt uns rüber. Kurz bevor ich sie mit meinem Wagen  erreiche, überholt uns ein schnauzbärtiger Arschloch Kunde im Flughafenschnellschritt und drängt sich vor. Ich bin geneigt ihm meinen nagelneuen postgelben Blumenkasten ins Kreuz zu werfen, gefolgt von 50 Liter bester Erde. Ich zische “ Blödmann“.  Er reagiert nicht. D. guckt kurz hoch und meint achselzuckend: „Oh dear.“  Es ist kein Weltkrieg und keine Hungersnot. Ja, ich weiß, aber es ist ungerecht. Fußstampfauf.

Ein silberner  Mercedes nimmt mir gestern die Vorfahrt. Ich unterdrücke einen bösen Lichthupenfluch und reagiere vorbildlich mit einem leisem: „Oh dear!“

Heute knatscht mich eine Privatpatientin voll, das Essen schmeckt nicht, das Zimmer ist nicht schön, die Matraze schlecht, keine Aussicht auf einen Wald in der Innenstadt blahblah. Ich schließe kurz die Augen,  mein innerliches Mantra „Oh dear, oh dear, oh dear“ springt an,  gucke ihre Laborwerte durch und verabschiede mich höflich.

Die beste Variation ist übrigens ein Ohhhhhhhhh dear! Ohdearohdear… (wenn Deutschland mal wieder gegen England ein Tor schießt). Oder was meinst Du mein lieber D.?

Name ist Name ist Name ist Name

Meine Namen. Ich habe viele. Ist mir heute aufgefallen.

Meine Familie nennt mich „Tina“ oder „Tine“. Wenn mir einer „Tinaaaa „hinterruft, ist es jemand aus meiner Familie. Praktisch das.

Wenn ich früher was verbockt hatte, wurde ich „Fräulein“genannt. Dieser Name war dem Pubertier vorbehalten und ist vorbei.

D. nennt mich schlicht und einfach „Süße“ . Punkt.

Auf der Arbeit heiße ich „Frau Bära“, „Dr. Bära“, oder „Die Neurologin“. Im schlimmsten Fall „Schwester“ wenn mal wieder jemand nicht versteht, dass Frauen auch Ärzte sein können. Früher hieß ich mal „Doki“ oder „Marge Simpson“, weil meine Stimme manchmal so klingt. Das hat sich aber ausgewachsen. Schade.

M. nennt mich schon mal „Chrissy“, das hört sich seltsam an, aber ich habe mich dran gewöhnt.

Meine beste Freundin sagt nur „Hi“ zu mir. Wir sprechen uns nicht mehr mit Namen an. Kennen uns zu lange.

DoktorBäraSchwesterSüßeTinaTineChrissyDokiMargeHi.

Der Name geht auf keinen Steuerbescheid.

Danke Puma

Nach einem freien Wochenende Montag morgens auf meiner Station.

Ich gucke mir alle Neuaufnahmen an, die übers Wochenende gekommen sind. Untersuche nach. Schaue aufs Labor und nochmal aufs Röntgen.

Kaum aus dem Zimmer kann ich mich zehn Minuten später nicht mehr  an das Gesicht und die Geschichte der Patienten erinnern. Typische Montagsdemenz.

Anschließend besprechen wir nochmal die Kurve und die Medikation von Frau Müllermeierschulze.

Ich frage Schwester Karen: „Wer war das nochmal? Wie sieht sie aus? Ich habe da kein Gesicht mehr zu.“

Karen: „Na, die kleine Grauhaarige dort!“

Ich gucke zum Gemeinschaftstisch.

Meine Patienten sind a l l e  klein und grauhaarig. Im Alter wird man uniform, unheimlich. Ich beschließe mir die Haare zu färben, bis ich tot bin oder  keine mehr habe. Oder beides.

Karen sieht meinen verzweifelten Blick: “ Sie hatte die rosa Pumasocken an!“

Ah, jetzt weiß ich wieder.

Danke Puma!

Schritte

Vor meinem Büro ist ein  langer Flur mit wieheißtessoschön viel Durchgangsverkehr. Herden von Ärzten, Patienten, Besuchern ziehen über diesen Flur auf dem Weg zu den Stationen, Sekretariaten, Cafeteria.

Mittlerweile erkenne ich die Schritte von den meisten Kollegen :

Etwas schleifender dumpfer Schritt: mein alter Chef.

Herrischer, klackender kurzer Stiefelschritt: meine neue Chefin.

Stakkatoartiger Turnschuhschritt gefolgt von lautem Türenschlagen: meine Kollegin.

Eiliges Crocksgetrampel und Geschnatter: eine Horde Anästhesisten auf dem Weg zum OP.

Schneller Holzclogschritt: die nette große Gynäkologin.

Leiser,  schleichender Lederschuhschritt mit After shave, das in mein Zimmer zieht: die Verwaltung.

Langsamer, unregelmäßiger stoppender Schritt mit rollendem Infusionsständer: Der Chemopatient von den Gastroenterologen, den ich gestern gesehen habe, auf dem Weg zur Cafeteria.

Wie sich meine Schritte wohl anhören.

Anspruch

Heute auf Visite. Frau E., 87  Jahre alt. Nackenkissen unter dem graugelocktem Kopf, zweite Bettdecke über den Beinen. Privat. Vorwurfsvoller Blick. Mir ahnt nichts Gutes. Und richtig. Es geht sofort zur Sache.

Ich: „Wie geht es Ihnen?“

Frau E.: “ Ich habe mein kleines Fläschchen heute nicht gekriegt!“

Ich (gucke zu Schwester Katrin): „Was für ein Fläschchen? Antibiose?“

Frau E, unwillig: „Na, das Orangensaft Fläschchen! Das habe ich im letzten Jahr jeden Morgen bekommen!“

Katrin: „Die Küche schickt Ihnen das nicht mehr hoch, weil Sie Diabetes haben.

Frau E.:  Ja, aber ich habe Anspruch drauf! Ich bin privat. Ich will meinen Saft.“

Ich versuche Frau E. es nochmal und nochmal zu erklären. Krankenhaus kein Hotel, Pflege keine Kellner. Sinnlos.

Mir platzt der Arztkittelkragen.

Als wir rausgehen, wirft Frau E. uns noch hinterher:  „Ziehen Sie die Decke richtig über meine Beine.“

Barbara Schulte

„Der Personalstreit im Klinikum Essen an der Hufelandstraße dauert an. Das Landgericht Essen erklärte jetzt die Kündigung der früheren kaufmännischen Direktorin Barbara Schulte im Mai 2013  für unwirksam. 160 000 Euro soll das Klinikum zahlen, was einem halben Jahresgehalt entspricht.“

Nur mal kurz zum Nachrechnen: Frau Schulte hatte ein Jahresgehalt von 320.000 Euro. In Worten: Dreihundertzwanzigtausend.

Mit welcher Begründung? Hat sie Menschenleben gerettet? Hat sie schwierige OP´s geleistet? Herzen oder Nieren transplantiert? Gehirne operiert? Menschen den Hintern abgewischt?  Kotze beseitigt? Menschen gepflegt? Menschen beim Sterben begleitet? Menschen reanimiert? Zwei Tage nicht geschlafen? 12 Tage am Stück gearbeitet? Ein Chefarzt der Thoraxchirurgie bekommt nicht ein Drittel von Frau Schultes Gehalt, geschweige denn das Pflegepersonal und die Assistenzärzte.

Die schamlosen Tintenpisser sind die Leader. Und ich weiß nicht wieso.

Echt jetzt

Ärzte als Patienten. Soll ja nichts Schlimmeres geben. Abgesehen von Lehrern.

Wenn ich könnte, würde ich mich selbst operieren. Echt jetzt. Am ersten Tag im Krankenhaus muss ich eine diagnostische Rundreise starten, EKG, Röntgen, NLG/EMG, CT. Als ich vor dem EKG warte, höre ich auf dem Flur eine bekannte Frauenstimme. Kann sie nicht sofort zuordnen. Als ich um die Ecke biege, stoße ich auf die dunkelhaarige penetrante Pharmareferentin, die mich immer auf der Arbeit nervt. Zu spät. Sie hat mich entdeckt. „Was machen Sie denn hier??“  Es gelingt mir sie abzuschütteln. Vor dem Röntgen stöbere ich in meinen Laborwerten. Alles gut. Obwohl, wieso habe ich so hohe Leukos? CRP ist aber okay. Doch eine Diszitis? Na ja. Cholesterin super. Wozu brauchen Unfallchirurgen eigentlich Cholesterin? Total uninteressant. Echt jetzt. Mein EKG gucke ich durch: Sinustachykardie, kein Wunder. Der junge Assistenzarzt versucht schwitzend mir eine Viggo zu legen. Er desinfiziert extra lange. Ich habe nur zwei gute Venen.  Aber er schafft es.  Er hängt eine Infusion an, ich frage was das ist. Er wird rot und sagt leise: Perfalgan.  Ich grinse, überlege, ob ich was sagen soll, lasse es dann aber. Perfalgan hilft bei starken Schmerzen so gut wie Mineralwasser. Echt jetzt.

Ich werde irgendwie vorsichtig behandelt. Seltsames Gefühl. Nur die Visite ist für alle gleich früh. Morgens um 6.30 Uhr. Nix mit ausschlafen. Alle Ärzte, die um mein Bett stehen, sind übermüdet und sind bei der letzten Visite um 19.30 Uhr immer noch müde. Arme Kollegen. Sie tun mir leid. Echt jetzt.  Beim Einschleusen in den OP grinst der tätowierte Pfleger: „Guten Morgen Doc, jetzt hüpf mal hier rüber.“  Endlich mal Normalität. Wir reden kurz über Schalke. Im OP bekomme ich Dormicum. Schönes LeckmichamArschGefühl. Der Chirurg erzählt mir, dass er aus „Versehen“ einer jungen hübschen Patientin seinen Namen bei facebook verraten hat. Er bekommt sie jetzt nicht mehr los. Selbst Schuld Herr Kollege, echt jetzt.

Zurück auf der Station vermeide ich alles was dem Pflegepersonal Arbeit machen könnte. Ich darf nur in Begleitung aufstehen, mache ich natürlich nicht. Lege mich dabei fast auf den Hintern weil mein Bein noch keine Kraft hat. Mache mein Bett alleine.  Trage mein Tablett raus. Bloß nicht nerven. Echt jetzt.

Habe Angst vor MRSA. Desinfiziere mir im Minutentakt die Hände. Gebe keinem die Hand. Benutze nur meine eigenen Handtücher. Mustere mißtrauisch meine Viggoeinstichstellen. Bei der Entlassung lese ich sofort meinen Brief, netterweise haben die ihn erst gar nicht zugeklebt.

Der Hausarzt sieht mich fragend an, was er jetzt machen soll. Steht alles in dem Brief, lies doch! Manchmal möchte ich einfach nur Patient sein und von nix Ahnung haben. Echt jetzt.

Sätze

, die ein Arzt nie sagen wird:

1. Wo lässt es sich schöner Weihnachten feiern als im Kreise seiner Patienten?

2. Ja, wenn der Schwangerschaftstest zu Hause positiv war, müssen Sie sich sofort in der Klinik vorstellen, um das abklären zu lassen – natürlich auch nachts.

3. Wunderschön, wie der dreckige Bademantel Ihren Unterleib betont.

4. Ich fühle mich im Krankenhaus stets sehr wertgeschätzt.

5. Schnell, einen Dermatologen/Radiologen/Psychiater!!

6. Ich hab das Wochenende mit meinen Freunden verbracht.

7. Der Nachtdienst war super ruhig. Freue mich schon jetzt darauf gleich Sport zu machen.

8. Es ist Klasse, dass Chefarzt und Oberärztin parallel 3 Wochen im Urlaub sind. So wird mir garantiert nicht langweilig und ich kann in der ganzen Klinik nach hilfsbereiten Fachärzten Ausschau halten, die sehnsüchtig auf meine Anrufe warten.

9. Kann ich voll verstehen, dass Sie vor der Darm OP nochmal richtig gefrühstückt haben. Wir verschieben das auf morgen. Kein Problem!

11. Klar, Fibromyalgie ist eine schwere Krankheit.

12. Mit der Geschäftsführung kann man super zusammenarbeiten.

13. Kein Problem, dass Ihre Tochter/Sohn zwei Wochen nach Teneriffa  fliegen. Bleiben Sie ruhig hier.

14. Ich liebe internistische Dienste, da kann ich soviel lernen.

15. Eunerpan macht die Oma zahm.

16. Lesen Sie auf jeden Fall den Beipackzettel!