Bald

Heute auf der Station. Mein Assistenzarzt ruft mich an, Panik in der Stimme. Frau P. geht es schlecht.

Frau P. ist gestern aufgenommen worden, Jahrgang 50 erst. Schwere Korsakow Demenz, komplett immobil, seit einem Jahr nicht mehr gelaufen, aus dem Heim mit Eß-, und Trinkschwäche. Das heißt, sie ist trocken wie die Wüste Gobi, Zunge borkig, schwere Schluckstörung.  Wir hatten gestern schon über eine PEG nachgedacht. Die Mutter von Frau P. lebt auch im Heim. 85 Jahre, fast blind, dialysepflichtig, aber fit in Kopf und Geist.

Frau P. hat eine Patientenverfügung.  Sie möchte keine lebensverlängernden Maßnahmen. Die Kopie habe ich gestern in der Akte gesehen.

Das alles schießt mir durch den Kopf als ich zu Zimmer 4 laufe.

Frau P. liegt im Bett, Kopf überstreckt, tief röchelnde Atmung, komatös, Blutdruck kaum meßbar. Ich weiß gleich, dass sie sterben wird. Wahrscheinlich Lungenembolie, Herzinfarkt.  Was immer es ist, sie wird es nicht überleben. Ich stehe vor dem  Bett.  Und gehe meinen Algorithmus durch. EKG, BGA, Labor, EKG, Röntgen Thorax, Intensiv. Nein,  Patientenverfügung.  Ich gebe ihr Furosemid und Morphin. Sauerstoff lasse ich weiter laufen.

Jetzt muß ich die Mutter anrufen. Muß ihr sagen, dass Ihre Tochter im Sterben liegt. Schlucke trocken, lege mir die ersten Sätze zurecht. Finde keine Telefonnummer, rufe im Heim der Tochter an, bekomme die Nummer.  Die Mutter ist gerade in der Dialyse. Die Pflegerin im Heim verspricht mir, mit der Mutter zu kommen.

Nach einer Stunde ist die Mutter da. Frau P. ist seit einer halben Stunde tot. Die Mutter sitzt klein und grau auf dem Flur in der Ecke. Ich gehe mit meinem Assistenten zur ihr. Wir erklären was passiert ist. Sie weint und fragt, ob sie ihre Tochter ein letztes Mal sehen kann.

Wir gehen zusammen in das Zimmer von Frau P.

Frau P. ist eingesunken und verändert, ihr Gesicht schon fahl. Die Schwestern haben das Kinn mit einem Handtuch hochgebunden. Die Mutter streichelt ihr über das kalte Gesicht. Weint. 

“ Hat sie gelitten?

“ Nein.“

„Mein Kind. Ich wollte doch vor dir gehen.“ 

Das ist mir zu viel, mein Herz brennt. Ich habe einen Kloß im Hals. Mein Assistent hat Tränen in den Augen. Meine Nase läuft, beiße mir auf die Zunge.

Die Mutter streichelt ihr noch ein letztes Mal über die grauen Haare.

„Ich komme bald nach.“

 

 

 

 

Vortrag

Chef will einen Klinik Abend mit Vorträgen für die Niedergelassenen machen. Der Vortrag soll nur 20 Minuten dauern. Ganz einfach, was Schnelles. Das können Sie ja gut.

Als ich den Flyer lese, wird mir komisch im Magen. Ich bin um 17 Uhr dran. Vor mir ein Priv. Doz., nach mir eine Professorin aus dem UKM, danach mein Chef aus der Charité.  Das Ganze im neuen Hörsaal.

Ich kriege feuchte Hände, mein Magen tanzt Tango.

Um es kurz zu machen: Ich habe mich noch nie auf einen Vortrag so vorbereitet wie auf diesen. Täglich bastel ich an meinen Folien. Vor der Arbeit, in der Arbeit, nach der Arbeit. Im Schlaf. Lese im New England Journal, lese in den Leitlinien, lese, schreibe, lösche.  Finde meine Präsentation zu bunt, zu unwissenschaftlich, zu lang. Kürze sie. Ein bißchen Buntes lasse ich. Erzähle den Vortrag dreimal täglich mit Stoppuhr. Rede im Auto laut vor mich hin.

Speicher es auf zwei sticks. Habe Angst, dass open office nicht gelesen wird.  Gucke mir vorher den Hörsaal an. Hoffentlich stolpere ich nicht über die Stufen.

D Day: Kalte Hände, ich räuspere mich alle drei Sekunden. Ich bin underdressed. War ja irgendwie klar. Alle im Anzug, ich im Kittel. Aber hohe Schuhe. Die Professorin aus dem UKM gibt mir nicht die Hand. Es wird ein Gruppenfoto von allen Vortragenden gemacht. Ich in der Mitte. Der Fotograf mustert mich und sagt:  Sie haben so viel in der Kitteltasche drin, das beult aus, können Sie es bitte auräumen? Na super. Hole mein Stethoskop, meinen Reflexhammer und die Ricolas aus meiner Tasche. Die zierliche Professorin wirft mir einen spöttischen Seitenblick zu. Du mich auch.

Sitze in der ersten Reihe. Und dann geht es los. Chef kündigt mich an. Ich falle nicht die Stufen hoch. Ich muss mir das headset reinfriemeln. Meine Haare stehen ab. Der Scheinwerfer blendet mich. Ich muss hinter dem Pult stehen bleiben, darf nicht laufen. Meine Mikrofonstimme hört sich seltsam fremd an. Ich atme zu schnell. Nach zwei Minuten  gucke ich genauer ins Publikum, sehe den orthopädischen Professor hinten sitzen. Er trinkt einen Kaffee. Ich werde ruhiger. Bin  sieben Minuten zu früh fertig. Alle klatschen, eine kurze Frage vom Chef. Ich bin durch. Schwebe von der Bühne. Ohne zu fallen. Dauergrinsen.

In der Pause schlägt der orthopädische Professor mir auf die Schulter. Gut gemacht.

Ach ja, die UKM Professorin verheddert ebenfalls ihr headset. Und ihre Haare stehen ab.

🙂

 

Zimmer 31

Zimmer 31. Neunzigjährige Patientin mit Niereninsuffizienz. Auf Befehl Bitte  des Chefs gestern fluchtartig zu uns verlegt worden. Das macht mich mißtrauisch.

Und richtig.

Heute morgen ruft mich gleich mein aufgelöster Assistenzarzt an. Der Sohn will sofort mit mir, dem Chef, der Geschäftsführung, der Kanzlerin, Gott und der Bild Zeitung sprechen. Reihenfolge egal.

Ich gehe in  Zimmer 31. Vor mir steht ein wutentbrannter Mittsechziger im Nadelstreifen Anzug, Lederschuhen und gestreiftem Hemd mit einem braungefärbtem Waschlappen in der Hand. Mutti sitzt jammernd und gekrümmt auf dem Toilettenstuhl.

Er fuchelt mit dem Waschlappen vor meinem Gesicht. Ich versuche mir vorzustellen, dass die braunen Streifen was ganz anderes sind. Modernes Pop Art Muster der 70er. Jetzt auch auf Ihrem Waschlappen. Ich sollte Werbung machen. Den Beruf wechseln. Ganz weit weg arbeiten.

Aber nein. Es ist genau das, was ich befürchte.

Der Anzugsohn hat Mutti damit den Hintern abgewischt. Und ihr die Hämorrhoiden wieder reingedrückt. Das würde er jeden Tag machen. Zweimal. Auch hier.  Er würde sich von der Pflege nicht beim Waschen rausschicken lassen.  Nur er könne das.

Er zeigt es mir.

Neee, ich will das jetzt nicht sehen. Es ist Montag, noch kein Kaffee. Zuviel Bilder und Information überfluten mein müdes Hirn.

Vorsichtig weise ich den Waschlappen darauf hin, dass es andere Methoden gibt.

Ein quiekender Aufschrei. Er mache das schon so seit 10 Jahren. Er lebe mit Mutti schließlich in einer Wohnung. Das war mir irgendwie klar. Noch mehr Bilder. Und er schlafe mir ihr in einem…..

Es reicht. Ich täusche eine Besprechung vor und flüchte  in die Stationsküche. Aynur kommt, sieht mein Gesicht.

Sagt grinsend: “ Na, mit dem Sohn von Zimmer 31 gesprochen??“

 

 

Boris Müller

Er, Ende 70, rotes Gesicht, erweiterte Äderchen auf der Nase, sieht aus wie Boris Becker kurz vor einem Herzinfarkt.
“Guten Morgen Herr Müller.  Sie haben bei der Aufnahme gestern angegeben, dass Sie keine Vorerkrankungen haben und  keine Medikamente einnehmen. Respekt!“.
Boris Becker Herr Müller guckt mich an, in seinem Kopf klicken langsam die Rädchen.

Ich: “Oder nehmen doch was ein?”

Zuckt mit den Schultern. Nickt. Knüddelt einen Zettel aus der Nachttischschublade.

“Da.”

Ah, ich liebe diese Einwortsätze. Ich gucke auf den Zettel und lese die Liste an Medikamenten durch.
“Herr Müller. Sie nehmen Simvastatin, Delix, Metoprolol, Metformin, ASS und Plavix ein!“
“Weiß nicht.”
“Steht hier drauf!”
Plavix und ASS  heißt das Boris Müller einen Stent hat und einen Herzinfarkt gehabt hat. Dazu noch Bluthochdruck und Diabetes und eine Fettstoffwechselstörung.

“Herr Müller, hatten Sie mal einen Herzinfarkt?”
“Ja. Letztes Jahr war das.” Woooow, mehr als ein Satz.
“Und da hat man Ihnen Stents gesetzt?”
„Haben da irgendwas gemacht. So Röhrchen halt.”

Jaaa, die berühmten Röhrchen.

„Und Sie haben auch Zucker?“

„So ein bißchen.“

Ich schaue auf den sportlichen HbA1c Wert von 10 % und einen Nüchtern Wert von 311 mg/dl. Spricht gegen ein bißchen Zucker. Spricht  für viel Zucker.

Boris Müller zeigt auf seinen rechten Fuß.

„Da.“

Ich blicke auf Freddy Krueger artige Krallen, schrundige gelbe Hacken und ein dickes Panaritium an der Großzehe.

„Brauch Fußpflege!“

Wie ich sowas hasse! Echt jetzt! Kümmern sich Jahrzehnte nicht um ihre Füße. Aber kaum im Krankenhaus angekommen, muß pronto die Fußpflege angaloppieren. Ich erinnere mich an eine Patientin, die vier Tage bei uns gelegen hat. Die Tochter beschwerte sich nach der Entlassung schriftlich bei der Geschäftsführung, dass wir Mutti mit langen Zehennägeln entlassen haben. Die sind ja sicherlich auch innerhalb der vier Tage hier so lang geworden. Aber ich merke, ich schweife ab.

Zurück zu Boris.

Frage ihn, was er beruflich gemacht hat.

„Auf´m Bau. Bin dann vom Gerüst gefallen. Ging nicht mehr“.

Ich merke, wie mein Herz weich wird. Jetzt hat er mich. Handwerkern verzeihe ich irgendwie viel, Ein Wort Sätze, Röhrchen im Herz, schlampiger Zucker, knuddelige Medikamentenlisten.

Aber Herr Müller, über Ihre Füße müssen wir nochmal sprechen!!

Ein Bein

Ärztewitz: Was machen 3 Internisten auf einer 10 Betten Station den ganzen Tag?
Antwort:  Visite den ganzen Tag!

Internistische Chefarztvisiten sind lang und grausam.

Dienstag, Punkt 14 Uhr. Chef verspätet sich 30 Minuten. Großartig, ich wollte um 20 Uhr ins Kino.

Zimmer 1: Frau Müllermeierschmidt mit Z.n. Nierentransplantation, aktuell hier wegen Schwindel. Nierentranplantation.  Oh ha! Das kann dauern! Nephrologen sind sehr pingelig. Und richtig: Der Chef nimmt jede einzelne Pille unters Korn, wie ist der Tacrolismus Spiegel, wo ist das Cellcept hin verschwunden, wie ist die GFR? Wieso ist das Lasix reduziert? Nebenbei erzählt er noch von den neusten Studien eines Bludruckmedikaments. Wahrscheinlich an 20 hypophysektomierten Meerschweinchen getestet. Alle schwarz weiß. Die Meerschweinchen. Mein Rücken schmerzt langsam. Ich stelle mich auf ein Bein. Chef runzelt die Stirn. Nehme das Bein wieder runter.

Endlich ins Zimmer: Worst Case. Die Tochter ist da. Die will endlich mal alles gaaaaaaaanz genau wissen. Nicht, dass wir es ihr alles gestern gaaaaaaaaaanz genau erklärt haben.  Mein Rücken schmerzt, ein Bein, Chef guckt, Bein schnell wieder runter.

Meine Assistenzärztin wird nervös, verhaspelt sich. Chef zieht die Augenbrauen hoch. Lächelt ohne nett zu sein. Mein Knie tut weh.

Nächstes Zimmer:

Patient mit einer Motoneuronerkrankung, Chef kennt sich da nicht so aus. Verhakt sich wieder an den Blutdruckmedikamenten.

Weiter geht es. Die nächsten Zimmer laufen ähnlich zäh. Ich kann den Chef gerade noch davon abhalten bei einer kontrakten 95jährigen Patientin leitliniengerecht einen Cholesterinsenker anzusetzen. Ich habe Durst.

Im nächsten Zimmer erzählt eine Patientin mit grauen Krussellocken langatmig, dass sie vor einem Jahr ein Blutdrucktablette nicht vertragen habe. Eine kleine gelbe (die sind irgendwie immer klein und gelb). Lehne mich unauffällig gegen die Wand, ein Bein. Chef mustert mich mißtrauisch. Ich habe Durst. Und Hunger. Der Chef hat makellos geputzte weiße Lederschuhe. Hemd und Krawatte bei der Hitze. Haare frisch geschnitten. Ich fühle mich zauselig.

Ich merke gerade beim Schreiben, dass der Artikel genauso lang wird wie eine internistische Chefarztvisite.

Deshalb Schluß und Ende und Punkt. Muss doch noch ins Kino.

Stilberatung

Ich las gestern einen Artikel. “ Was trägt ein Arzt unter dem Kittel? 10 Styling Tipps für Ärzte.“

Nachdem ich mich von einem 60 minütigem Lachflash erholte und die Worte „gedeckte Farben, Hemden mit Streifen, richtiger Grad an Seriosität, Hugo Boss, Bootsschuhe, kleiner Absatz von 5 cm, Burberry, klassische Bluse, eng tailliert“ aus meinem Kopf verschwunden waren, dachte ich nach.

Auf mich treffen eher diese Worte: “ Hauptsache bequem, je flacher desto besser, erst nach einem halben Jahr sind die Schuhe richtig gut, alte  Jeans, T-Shirts mit seltsamen Mustern, die letzte Bluse habe ich auf meinem Einschulungsfoto an“ zu.

Obwohl, jetzt an einer Uniklinik werde ich mich wohl umstellen müssen. Viele befolgen die Styling Tipps und tragen Hemden mit Streifen, Blusen, Lederschuhe (gelocht, 300 Euro).

Ich putze grummelig meine Chucks. Vielleicht gibt es die ja auch mit Absatz, klassisch, 5 cm.

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Stellenwechsel

Phase 1: Bin aufgeregt. Freue mich. Die ganze Nacht nicht geschlafen. Kittel ist frisch gewaschen und sogar gebügelt. Bin eine halbe Stunde zu früh da. Die Sekretärin hat Urlaub, die Stellvertretung weiß von nichts. Kennt mich nicht, weiß nicht, wo ich hin soll. Meine „Kollegen“ holen mich nicht ab, zuviel zu tun. Danke schön. Überlege kurz, ob sofort kündigen soll. Sitze 30 Minuten auf dem Flur, spiele PvZ . Von mir aus. Hektische rote  Flecken am Hals.

Phase 2: Mache Visite, bin in meinem Element, Patienten sind nett.Laufe über die Station. Stelle mir vor, wie der neue Therapieraum aussieht. Die blonde Sekretärin ist unglaublich schrecklich. Keiner traut sich in ihr Zimmer.

Phase 3: Der Chef ist nett.

Phase 4: Die Cafeteria ist unglaublich schlecht. Der Kaffee, ach lassen wir das. Die Sekretärin hat gekündigt. Gut.

Phase 5: Ich mache hier was ganz Großes draus. In einem Jahr. Zertifizierung sollte gehen. Die Pflege ist eine Katastrophe.

Phase 6: Ich mache hier was ganz Gutes draus. In drei Jahren. Bloß keine Zertifizierung. Der Sozialdienst  ist eine Katastrophe. Meine Kollegen. Nun ja.

Phase 7: Esse mittags nur noch Käsebrötchen.

Phase 8: Der Chef zeigt mir ein You tube Video mit einer süßen Katze. Frage ihn, wie es mit der Bettenverteilung weiter geht. Er zeigt mir ein zweites Video mit einem Jack Russell.

Phase 9: Überlege kurz, ob ich meine rote Kaffeemaschine in mein Büro stelle. Nein. Die zwei Besucherstühle für mein Büro sind  nach sechs Monaten schon da. Respekt.  Immer wieder schön, wenn ich mit den Angehörigen im Stehen auf dem Flur sprechen muss.

Phase 10: Zwischengespräch: Der Chef beurteilt mich. Ich frage ihn, ob ich auch die Klinik beurteilen darf. Verlegenes Lächeln. Streite mich mit dem Radiologen um Betten. Streite mich den Intensivmedizinern um die Betten. Schlafe schlecht. Kann jetzt Abdomen CTs befunden. Die Tumorkonferenz ist interessant. Die Onkologen sind seltsam.

Phase 11: Treffe im Aufzug einen Gynäkologen. Er fragt: „Haben Sie sich eingelebt?“ Ich sage nichts. Er: „Ja, es ist nicht einfach hier.“ Korrekt.

Phase 12: Habe Montag ein Bewerbungsgespräch.

Allzeit bereit

Liebe Patienten,

herzlichen Dank, dass Sie unseren Notfallkundendienst  in Anspruch nehmen.  Wir möchten Sie bitten,  folgendes zu beachten:

– Bitte gucken Sie nicht so erstaunt, wenn wir Sie mit in die Klinik nehmen möchten. Selbstverständlich bemühen wir uns Diagnostik, Therapie und Rehabilitationsmaßnahmen eines schweren Herzinfarktes innerhalb von fünf Minuten  in ihrem Wohnzimmer/Küche/Schlafzimmer/Toilette durchzuführen (Privatpatienten: vier Minuten). Leider gelingt es uns nicht immer. Sie müssen uns diese Nachlässigkeit nachsehen. Das portable CT und der Kitteltaschen-OP wird uns erst Anfang nächsten Jahres zur Verfügung stehen. Wir bitten um ihr Verständnis.

– Natürlich nehmen wir auch ihren Hund mit. Er  kann vorne im Wagen mitfahren. Auch der pflegebedürftige Ehepartner, der ohne sie nicht zurecht kommt,  kann als Begleitperson gerne im Krankenhaus untergebracht werden. Die Krankenkasse wird den Aufenthalt sicherlich zahlen. Seien Sie da vollkommen unbesorgt.

– Sie dürfen natürlich jederzeit das Rettungspersonal beschimpfen.  Auch dürfen Sie uns mit Silvesterraketen beschießen. Jegliche Regeln von gutem Benehmen gelten nicht,  wenn Sie sich in der Gegenwart von Menschen in rot-weißer reflektierender Kleidung befinden.

– Bitte entschuldigen Sie unser unfreundliches Gesicht,  wenn wir nachts um drei Ihre seit sechs Wochen bestehenden Brustschmerzen untersuchen sollen. Das ist wirklich völlig kundenunfreundlich. Sie zahlen so viel für ihre Krankenversicherung, da ist es doch das mindeste, dass wir Sie unverzüglich lächelnd in die Klinik fahren. Noch fünf Stunden auf das Öffnen der Praxis ihres Hausarztes zu warten, ist unzumutbar.

– Sollten Sie privat versichert sein, so sagen Sie dies bitte schon beim Anruf bei der Leitstelle. Dann kommen wir mit dem goldenen Rettungswagen und der Sänfte.

Herzlichen Dank für Ihr Verständnis!

Ihr Rettungsteam „Allzeit bereit“

Meine Liebe

Am Wochenende auf Station 6 a.

Schwester Mia:“ Gut, dass Sie da sind. Sie müssen ja sowieso auf Zimmer fünf. Da sind die Töchter von Herrn K. Und wollen unbedingtsofortundjetzt mit einem Arzt sprechen. Nicht, dass sie das nicht jeden Tag machen würden!“

Aaaargh. Töchter in Mehrzahl am Wochenende, schon mal ganz schlecht. Töchter von Privatpatienten am Wochenende:  Mediziners Albtraum. Töchter von Privatpatienten, die Lehrerinnen sind:  am Wochenende Mediziners Polytrauma.

Ich gehe ins Zimmer.

Herr K. ist 95 Jahre alt, Nierenversagen, zu Hause gestürzt, Infekt.

Er ist in einen Bademantel eingewickelt, sitzt am Tisch und guckt trübe in seine Kaffeetasse.

Tochter eins: Mittelaltrig, logorrhoisch (und das ist noch nett ausgedrückt). Beginnt sofort hysterisch zu heulen   herzergreifend zu weinen.

„Wie lange hat er noch?? Er war doch immer so gut zurecht. Er konnte Englisch sprechen.“

„Meine Liebe (das sage ich immer, wenn ich in Gefahr gerate, sehr wütend zu werden),  ihr Vater ist nicht komatös. Er ist nicht tot. Er sitzt am Tisch, er kann uns höööööören!!

„Wie ist der Keatin Wert? „

„Es heißt Kreatinin, meine Liebe (Lehrer wollen erzogen werden, können sie haben). Und der ist besser geworden.“

Und so weiter und so weiter. Endlose Schleifen. Ich versuche, sie zu beruhigen, erkläre jeden einzelnen Wert, äußere Verständnis, höre zu, es nützt nichts. Der blasse englische Vater verdreht die Augen. Und zwar nicht wegen Kreislauf.

Ich gucke auf den Tisch. Aus der  Rheinischen Post ist ein Artikel ausgeschnitten. Die Tochter bemerkt meinen Blick: „Es ging um Beamtenpension.  Man muß ja wissen, wie man im Alter versorgt wird. Falls das Erbe nicht ausreicht.“

Mir bleibt die Spucke weg.

Er kann uns hören meine Liebe.

 

 

 

 

 

1000

Ein sehr netter urologischer Kollege (Urologen sind immer nett, denen ist nichts Menschliches fremd, Glühbirne in der Harnröhre, Cola Flasche im Po, auf den Staubsauger gefallen usw.): „Ich höre auf. Ich will nicht mehr. Muß was anderes machen.“

Ich (ungläubig, er ist einer von den Netten, lacht viel, nie gedacht, dass er aufhört):„Wieso?“

Uros: „ Ich habe nachgerechnet. Ich habe in zwanzig Jahren 1000 Menschen sterben sehen.“

Ich (rechne ebenfalls nach, komme auf über 2000 Menschen): „Was willst du machen?“

„Ich gehe in die Pfalz, in eine Winzerei.“

Ich: “ Schade“ (was anderes fällt mir nicht ein, hoffentlich kommt er wieder, wieso gehen immer die Netten und nie Arschlöcher?).

Ich überlege.  Leben ist endlich. Tote sehen einfach nur tot aus. Die Augen sind dann wie eine Milchglasscheibe. Frau B. auf Zimmer 5 ist mir nahe gegangen.Sie quälte sich vier Wochen und hatte blaue aufgedunsene Beine, die langsam abstarben. Wenn ich die Totenbriefe an den Hausarzt Korrektur lese geboren am 1.1.1923, gestorben am 17.8.2014″  überlege ich, wer meinen Brief mal schreiben wird.

Hey Uros, ich liebe Wein. Nimm mich mit. Obwohl der Pfälzer Dialekt abschreckend ist. Echt jetzt.