Meine Liebe

Am Wochenende auf Station 6 a.

Schwester Mia:“ Gut, dass Sie da sind. Sie müssen ja sowieso auf Zimmer fünf. Da sind die Töchter von Herrn K. Und wollen unbedingtsofortundjetzt mit einem Arzt sprechen. Nicht, dass sie das nicht jeden Tag machen würden!“

Aaaargh. Töchter in Mehrzahl am Wochenende, schon mal ganz schlecht. Töchter von Privatpatienten am Wochenende:  Mediziners Albtraum. Töchter von Privatpatienten, die Lehrerinnen sind:  am Wochenende Mediziners Polytrauma.

Ich gehe ins Zimmer.

Herr K. ist 95 Jahre alt, Nierenversagen, zu Hause gestürzt, Infekt.

Er ist in einen Bademantel eingewickelt, sitzt am Tisch und guckt trübe in seine Kaffeetasse.

Tochter eins: Mittelaltrig, logorrhoisch (und das ist noch nett ausgedrückt). Beginnt sofort hysterisch zu heulen   herzergreifend zu weinen.

„Wie lange hat er noch?? Er war doch immer so gut zurecht. Er konnte Englisch sprechen.“

„Meine Liebe (das sage ich immer, wenn ich in Gefahr gerate, sehr wütend zu werden),  ihr Vater ist nicht komatös. Er ist nicht tot. Er sitzt am Tisch, er kann uns höööööören!!

„Wie ist der Keatin Wert? „

„Es heißt Kreatinin, meine Liebe (Lehrer wollen erzogen werden, können sie haben). Und der ist besser geworden.“

Und so weiter und so weiter. Endlose Schleifen. Ich versuche, sie zu beruhigen, erkläre jeden einzelnen Wert, äußere Verständnis, höre zu, es nützt nichts. Der blasse englische Vater verdreht die Augen. Und zwar nicht wegen Kreislauf.

Ich gucke auf den Tisch. Aus der  Rheinischen Post ist ein Artikel ausgeschnitten. Die Tochter bemerkt meinen Blick: „Es ging um Beamtenpension.  Man muß ja wissen, wie man im Alter versorgt wird. Falls das Erbe nicht ausreicht.“

Mir bleibt die Spucke weg.

Er kann uns hören meine Liebe.

 

 

 

 

 

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10 Antworten zu Meine Liebe

  1. germanginge schreibt:

    And never wear Russian underpants.

    Chernobyl fallout.

  2. Ano schreibt:

    Das mit die Lehrers ist aber nicht nur bei Ärzten ein Problemfall, denn sie haben es studiert:

    – sie wissen alles besser als der Spezialist,
    – sie korrigieren alles, auch wenn das Eigene falsch ist
    – sie verlangen, dass man es so macht, wie sie wollen, und wenn es dann schief geht, waren es die anderen

  3. Frau Meyer schreibt:

    Hey, hey, nicht alle Lehrer sind so. Okay, viele. Meine Vermieter waren zum Beispiel welche. Okay, Berufsschullehrer. Sie nannten die farbigen (sagt man nicht mehr, aber ich weiß nicht mehr, wie man politisch korrekt ist) Flurputzmenschen BIMBOS.
    Ich bin ja meistens traurig, dass ich keine Kinder habe. Um mich wird sich niemand kümmern, wenn ich alt bin. Aber ich muss mir auch nicht so einen Mist von Erbschleichern anhören, wenn ich mal alt genug bin, um in Frieden die Augen schließen zu dürfen.

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