Regenbogenbrücke

Ich las heute, dass ein 26 jähriges Pferd namens Little boy „unerwartet über die Regenbogenbrücke“ gegangen ist.

Nach zehn Minuten hyperventilierte ich nicht mehr. Tiere sterben oder verenden, Menschen sterben. Sie gehen nicht über die Regenbogenbrücke! Und nein, es wird nicht Peter Pan auf rosa Wolken auf der anderen Seite im Niemannsland  auf Euch oder Little boy warten.

Und solange Tiere besser als Menschen behandelt werden, solange jeder ach so niedliche Jack Russell Terrier mehr Aufmerksamkeit bekommt als die Oma nebenan, solange Neugeborene in Blumenkästen verscharrt oder in die graue Tonne  geworfen werden, werden Tiere nicht über die gottverdammte Regenbogenbrücke gehen.

Woche 35

Gesehen: Glenn Close in „Damages“.Wußte gar nicht, dass sie so einen schmalen Mund hat und so arrogant gucken kann.

Gelesen: „Ärzteblatt“. Na ja.

Gearbeitet: Ja.

Gesäubert: Mein Hirn, mein Büro, mein Schreibtisch, meine Kitteltaschen. Reicht.

Gedacht: Ich könnte mal wieder umziehen.

Geschlafen: Ja, irgendwie. R.  hat mir nachts  um 3 Uhr eine SMS geschickt und ich bin wachgeworden. Dann konnte ich nicht mehr schlafen und habe Glee, die vierte Staffel geguckt. Unglaublich.

Geturnt: Einmal. Mein Knie ist dick, ich denke Fahrradfahren soll so gesund sein. Schwachfug.

Genervt: Die Fliege an der Wand, der Rübenlaster vor mir.

Geschnitten: An Menschen. Hach, wie dramatisch.

Getrunken: Zwei Jahre alten geschenkten Weißwein aus meinem Büro, der war sogar noch gut.

Gewesen: Im Rhein Ruhr Zentrum, aber die hatten keine 10 kg Kettlebells. Jetzt muß ich die bestellen. Der arme DHL Bote, der die schleppen muß.

Geklickt: Todamax. Wie ein Bilderbuch, viel gucken, viel lesen.

Gelernt: Lass Menschen nicht zu nah an Dich ran. Abstand verhindert Enttäuschungen. Wußte ich ja schon immer.  In der nächsten Stelle werde ich sehr professionell distanziert sein und meine neue strenge Brille aufsetzen. Klappt bestimmt.  Echt jetzt.

Liste hier geklaut. Thx!

1000

Ein sehr netter urologischer Kollege (Urologen sind immer nett, denen ist nichts Menschliches fremd, Glühbirne in der Harnröhre, Cola Flasche im Po, auf den Staubsauger gefallen usw.): „Ich höre auf. Ich will nicht mehr. Muß was anderes machen.“

Ich (ungläubig, er ist einer von den Netten, lacht viel, nie gedacht, dass er aufhört):„Wieso?“

Uros: „ Ich habe nachgerechnet. Ich habe in zwanzig Jahren 1000 Menschen sterben sehen.“

Ich (rechne ebenfalls nach, komme auf über 2000 Menschen): „Was willst du machen?“

„Ich gehe in die Pfalz, in eine Winzerei.“

Ich: “ Schade“ (was anderes fällt mir nicht ein, hoffentlich kommt er wieder, wieso gehen immer die Netten und nie Arschlöcher?).

Ich überlege.  Leben ist endlich. Tote sehen einfach nur tot aus. Die Augen sind dann wie eine Milchglasscheibe. Frau B. auf Zimmer 5 ist mir nahe gegangen.Sie quälte sich vier Wochen und hatte blaue aufgedunsene Beine, die langsam abstarben. Wenn ich die Totenbriefe an den Hausarzt Korrektur lese geboren am 1.1.1923, gestorben am 17.8.2014″  überlege ich, wer meinen Brief mal schreiben wird.

Hey Uros, ich liebe Wein. Nimm mich mit. Obwohl der Pfälzer Dialekt abschreckend ist. Echt jetzt.

Rechts Links

Typischer Samstagnachtdienst:

Drei Uhr (schlimmste  Zeit um aufzustehen)

Mike (symptomatischer Name) F., 21 Jahre, hackenstramm. Eine Red Bull Whiskey Fahne, die man schon an der Ambulanztür riecht. Mike hat sich geprügelt wie fast jeden Samstagabend. Weil ihn jemand in der Disko „irgendwie komisch“ angeguckt hat.

Mike kommt dann immer direkt zum Durchchecken. Er könnte sich ja was gebrochen haben. Und das Krankenhaus hat ja immer auf und freut sich nachts auf  Kunden. Kennt man ja. Und 10 Euro muß er ja auch nicht mehr zahlen, obwohl das mußte er nie.

Im PACS Verzeichnis  stehen mindestens schon 40 Röntgenaufnahmen innerhalb von zwei Jahren  von Mike.  Röntgen  Hand rechts, links, Nasenbein in zwei Ebenen,  Röntgen Schädel in zwei Ebenen, Daumen rechts und links in  zwei Ebenen, Schulter rechts links.

Beim letzten nächtlichen Mike Besuch hatte sogar der Chirurg  Prinz Valium die Nase gestrichen voll. Er rannte in den Behandlungsraum. Kurzes Palaver. Nach zwei Minuten erschien ein blaßer Mike und verschwand wort-,und grußlos.

„Wie hast du das hingekriegt?“

Prinz Valium lächelt stolz (ein lichter Moment ist ja sonst eher selten bei ihm):Ganz einfach.Ich habe gesagt, wenn wir ihn weiter so oft röntgen, wird er impotent oder kriegt Strahlenkrebs. Oder beides!“

Respekt Herr Kollege. Könnte von mir kommen.

 

Image

Sah gestern ein Interview mit einer Literaturkritikerin, ich glaube vom „Spiegel“.

Sie war, wie ich mir eine Literaturkritikerin so vorstelle. Auf dem Kopf ein lässig zerknautschter dunkelbrauner Düddeldüt Knoten. Mit einzelnen grauen Strähnen. Sie wohnte natürlich in Berlin in einer  lässigen Wohnung, etwas alternativ verstaubt angehaucht. Unkraut auf dem Balkon. Teetasse auf dem Tisch, der wie ein alter Koffer aussieht. Sogar eine aus Fuerteventura eingeschleppte Katze lag auf dem Trödelmarkt Sofa. Um den Hals trug sie ein Medallion mit einer weißen Kamee (die Kritikerin, nicht die Katze) , dazu beige 20er Jahre Schluppenbluse und eine dunkelblaue Strickjacke im Hochsommer mit Faltenrock. In der letzten Szene saß sie alleine auf einer maroden Holzbank irgendwo im Tiergarten und blickte sinnig in eine schmutzige Pfütze.

Auf meinen Armen bekam ich eine Gänsehaut. Zu viel Image. Viel zu viel übertünchtes plakatives Image. Wieso müßt ihr so aussehen, wie andere meinen, dass ihr aussehen müßt? Panisch habe ich heute bei Google gesucht. Und siehe da, ich habe ein Bild einer  mittelaltrigen Literaturkritikerin gefunden, die eine blonde Kurzhaarfrisur und Jeans trug und ein bißchen wie die nette Dame in der Sparkasse aussieht. Aber wahrscheinlich auch alles nur Image.

 

Danger

Heute bekam ich eine E-mail von der Verwaltung.  Betreff: Save the date. Meine Nackenhaare sträuben sich. Das will ich nie mehr  hören oder lesen. Früher (damals in den Ardennen, ihr wißt schon) hieß das simpel: Einladung.

 

Aber das ist ja nichts  gegen folgende Situation.

A 40 (wo auch sonst): Tunnel, Riesenstau,  rechte Spur überschwemmt oder weggebrochen oder was auch immer. Davor ein Polizeiwagen mit  Leuchtschrift. Ich knibble mit den Augen. Aber da steht wirklich rot blinkend:  Danger!

Danger. In meinem geistigen Ohr höre ich schon diese unsäglichen Yelp Sirenen aufheulen,  vor meinem inneren Auge sehe ich einen schnauzbärtigen Polizisten  mit spiegelnder Sonnenbrille finster auf mich zukommen. Man muß  sitzen bleiben und brav gucken. Hände aufs Lenkrad. Kennt man ja. Sonst drohen einem 10 Jahre Huntsville in Texas.

Aber was ist wenn der 95jährige Vectrafahrer vor mir kein Englisch kann und einfach durchfährt? Wahrscheinlich wird er erschossen.

Fucking  Verfluchter Anglizismus.

Trotzdem

Der Stellenwechsel klopft an und reißt die Tür auf. Einladungen  zum Abschied sind verschickt. Ich habe mein Büro ausgeräumt. Die Zeit rennt schneller als Usain Bolt davon.

Die Wände sind jetzt erschreckend  kahl und wirken surreal fremd.  Zwei Nägel sind noch drin. Habe ich vor sechs Jahren selbst reingeschlagen, obwohl es ja verboten ist.  Scheiß auf QM. Hammer habe ich von zu Hause mitgebracht. Meine Schränke sind leer. Nur der Kalender mit den Hundebildern, den D. mir zu Weihnachten geschenkt hat  und  die rote Kaffeemaschine sind noch da. Meine Sachen  habe ich in zwei kleinen Kartons verstaut. Wieso habe ich eigentlich immer so viele Schuhe im Büro? Drei Paar Winterstiefel und zwei Paar Sneakers. Unglaublich. Ein paar alte Kittel werfe ich weg.  Wo kommen die vielen Badmintonbälle her? Meine struppige Palme habe ich mit nach Hause genommen. Obwohl die bestimmt MRSA verseucht ist. Pflanzen und MRSA? Geht das? Muß ich mal nachlesen.

Ich bin gut im Wegwerfen. Und auch in Abschieden trainiert. Aber dieser Abschied ist endlos.

Ich mache viele Dinge bewußt zum letzten Mal. Und es zerreisst mir ein bißchen das Herz. Und macht einen dicken Kloß im Hals. Und ein Bloßjetztnichtheulengefühl.

Zum letzten Mal nach dem Dienst bei Müllers mit dem miesen Service frühstücken, zum letzen Mal an den Auesee, zum letzten Mal auf den Markt, zum Rhein, Richtung Holland, zum letzten Mal in die Weinzeit, zum letzten Mal direkt nach Arbeit bei B. auf der Terrasse selbstgemachten eiskalten Erdbeer prosecco trinken.

Freunde, die seit zwanzig Jahren auf der gleichen Stelle hocken, muntern mich auf:  “ Sei doch froh, endlich mal was Neues!“

Oder auch: „Auf zu neuen Ufern. „

Trotzdem.

 

 

 

 

Lüge in Kriegszeiten

Von Lord Arthur Ponsonby (1871–1946), einem britischen Politiker und Friedensaktivisten, stammt nicht nur das berühmte Diktum, dass das erste Opfer des Kriegs die Wahrheit ist – „When war is declared, truth is the first casualty“. In seinem 1928 veröffentlichten Buch „Falsehood in Wartime“ („Lüge in Kriegszeiten“) beschreibt Ponsonby Strukturelemente dieser Lügen und Fälschungen, wie er sie am Beispiel des Ersten Weltkriegs beobachtet hatte:

* Wir wollen den Krieg nicht.

* Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung.

* Der Führer des Gegners ist ein Teufel.

* Wir kämpfen für eine gute Sache.

* Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.

* Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.

* Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.

* Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.

* Unsere Mission ist heilig.

Und es lässt sich auch heute immer wieder anwenden. Erinnert mich an Machiavelli, der (leider) auch nie aus der Mode kommt.

Via Ano, danke schön!