Kategorie: Alltag!
Machmallauter – RY X – Berlin
Für David. Für Maddin.
Sätze
, die ein Arzt nie sagen wird:
1. Wo lässt es sich schöner Weihnachten feiern als im Kreise seiner Patienten?
2. Ja, wenn der Schwangerschaftstest zu Hause positiv war, müssen Sie sich sofort in der Klinik vorstellen, um das abklären zu lassen – natürlich auch nachts.
3. Wunderschön, wie der dreckige Bademantel Ihren Unterleib betont.
4. Ich fühle mich im Krankenhaus stets sehr wertgeschätzt.
5. Schnell, einen Dermatologen/Radiologen/Psychiater!!
6. Ich hab das Wochenende mit meinen Freunden verbracht.
7. Der Nachtdienst war super ruhig. Freue mich schon jetzt darauf gleich Sport zu machen.
8. Es ist Klasse, dass Chefarzt und Oberärztin parallel 3 Wochen im Urlaub sind. So wird mir garantiert nicht langweilig und ich kann in der ganzen Klinik nach hilfsbereiten Fachärzten Ausschau halten, die sehnsüchtig auf meine Anrufe warten.
9. Kann ich voll verstehen, dass Sie vor der Darm OP nochmal richtig gefrühstückt haben. Wir verschieben das auf morgen. Kein Problem!
11. Klar, Fibromyalgie ist eine schwere Krankheit.
12. Mit der Geschäftsführung kann man super zusammenarbeiten.
13. Kein Problem, dass Ihre Tochter/Sohn zwei Wochen nach Teneriffa fliegen. Bleiben Sie ruhig hier.
14. Ich liebe internistische Dienste, da kann ich soviel lernen.
15. Eunerpan macht die Oma zahm.
16. Lesen Sie auf jeden Fall den Beipackzettel!
Machmallauter – Luke Sital-Singh – Nothing stays the same
Ich mag das Lied. Kratzig und rauh, nicht so glatt, intensiv und echt. Best of british.
Ping
Ich versuche, wenn es irgend geht, Geschäfte und die Gastronomie vor Ort zu unterstützen. Gelingt nicht immer.
Beispiel: „Bei Theo, das musische Gasthaus.“
Von außen sieht es nett und normal aus, gut bürgerlich. Was auch immer das heißt.
Wir können hinlaufen. Ein nicht verachtenswerter Vorteil.
Wir öffnen die schwere braune Holztür. Drinnen ist es dunkel. Sehr dunkel. Nur die Theke ist erleuchtet. Davor hängen stehen drei mittelaltrige Gäste, die uns mißtrauisch anschauen. Die Gespräche verstummen sofort. (Als würde man als Frau alleine in ein türkisches Teehaus gehen. So ähnlich. Aber das ist nicht politisch korrekt).
Wir fragen vorsichtig: „Ist schon geöffnet? Wir möchten essen.“
Der Wirt schlurft mißmutig hinter dem Tresen raus und knipst das Licht für die Tische an. Herzlichen Dank.
Die Tische sind orange eingedeckt. Die Karte ist mindestens vierzigseitig, kaum überblickbar. Diverse Schnitzelvariationen. Und Gans. Für 19 Euro. David bestellt Gans. Ich riskiere nichts.Nehme ein Teufelsschnitzel. Kann man nicht viel falsch machen. Wir sind weiter die Einzigsten, die essen.
Die Gans kommt erstaunlich schnell auf den Tisch. Ich meine aus der Küche das durchdringende Ping einer Mikrowelle gehört zu haben.
Die Getränke werden von einer etwas ruppigen gepiercten schwarzhaarigen Kellnerin aufgenommen.
David bestellt Köpi.
Ich entdecke hinten in der Karte versteckt Cocktails. Dahinter steht: Bitte sprechen Sie uns an!
Das mache ich doch glatt. Die Kellnerin guckt verzweifelt und gibt tuschelnd meine Bestellung an den Wirt weiter. Dem fällt fast die Oberkieferprothese aus dem unrasiertem Gesicht.
Caipi? Kennt er nicht. Mojito? Nie gehört.
Aber er will mir was mixen. Ergebnis: Altbier mit Kirschlikör und blauem kurzem Strohhalm.Unglaublich, so schnell war ich noch nie betrunken. Ich weiche auf einen Sekt aus. Der knarzige Wirt rollt mit den Augen und verschwindet leise laut schimpfend im Keller. Er erscheint mit einem handwarmen verstaubtem Piccolo „Comtesschen“. Verstohlen gucke ich nach dem Verfallsdatum.
Als er zurück an den Tresen wankt, sagt er laut zu übrigen Gästen:„Die will immer was Besonderes!!“
Nein, Theo keine Angst! Die will jetzt nichts mehr. Jedenfalls nicht in Deinem musischen Gasthaus.
Im Hintergrund ertönt wieder das Ping der Mikrowelle.
Schwätzer Minister
Gruselig, durch wen Deutschland demnächst regiert wird:
Alexander Dobrindt: Verkehrsminister: Studium der Soziologie.
Hermann Gröhe: Neuling auf dem Posten des Bundesgesundheitsministers : Rechtsanwalt.
Thomas de Maizière: ein enger Vertrauter der Kanzlerin, kehrt dorthin zurück, wo er schon einmal war, ins Bundesinnenministerium: Jurist.
Gerd Müller: bisheriger Staatssekretär im CSU-geführten Agrarministerium, soll das Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit: Wirtschaftspädagoge.
Barbara Hendricks : Umweltministerin: Studium der Geschichte in Bonn.
Sigmar Gabriel hat es geschafft: Vizekanzler. Das Energie- und Wirtschaftsministerium : Berufsschullehrer, Germanistik und Politik.
Andrea Nahles, die SPD-Generalsekretärin, übernimmt das Arbeits- und Sozialministerium: Sie studierte 20!! Semester Politik, Philosophie und Germanistik.
Zusammenfassend:
Deutschland wird von Schwätzern und Nichtskönnern regiert.
Ich habe sie nicht gewählt.
Sonntagsvisite
Heute auf der Sonntagsvisite Station 3 Zimmer 1 Frau N, privat. Pfleger Martin warnt mich schon vorher: „Sie ist schrecklich anstrengend, meckert nur. Kaffee zu kalt, Frühstück zu spät.“ Na toll, das steigert meine Laune nicht wirklich. Ich habe schlecht geschlafen und werde, glaube ich, krank.
Ich gehe in Zimmer 1.
Frau N. liegt auf dem Bett, Nackenkissen, Kopfhörer auf, guckt Fernsehen.
Ich stelle mich direkt ans Fußende in ihr Blickfeld. Ich bin nicht zu übersehen.Wirklich nicht.
Frau N. sieht mich, guckt um mich herum, weiter auf den Fernseher. Die Kopfhörer nimmt sie nicht ab.
Ich frage laut, schreie fast: „Guten Morgen Frau N. Wie geht es Ihnen?“ Noch bin ich höflich.
Es kommt keine Antwort. Frau N. macht keine Anstalten die Kopfhörer abzunehmen. Sie guckt ungerührt weiter Fernsehen. Ist ja wichtig. Sonntagsmesse.
Ich schäume innerlich. Sage zu Martin achselzuckend: “ Gut, wer nicht behandelt werden will.“ Ich drehe mich um und gehe ins nächste Zimmer, zu Herrn P., der im Sterben liegt mit Nierenversagen.
Im Herausgehen erklingt die schneidende Stimme von Frau N. in meinem Kittelrücken: „Ich habe Schmerzen und es hilft alles nichts.“
Ich drehe mich innerlich seufzend um. Ich betrachte Frau N. näher. Wenn sie läuft, knickt das linke Bein ab und zu ein. Z.n. Hüft TEP. Vorher war sie fit, sie lebt alleine und hat Angst. Die Kinder leben in Münster.
Ich lasse sie laufen, gucke mir das Gangbild an, verspreche ihr eine Orthese für das Knie und steigere die Schmerzmedikamente.
Als ich rausgehe, bedankt sich Frau N. Sie wünscht mir und Martin einen schönen dritten Advent. Und macht den Fernseher aus.
Rückblick
Beides. Ich bin halt älter, schwere Knochen, Schilddrüse und Stress und so. Ja wirklich.
Kürzer, ich finde, so ein bisschen wie Nena. Aber das finde nur ich. Und die Haarfarbe ist „Tahitibraun“ von Loreal.
Hoffentlich bald.
Bestimmt mehr. Neue Winterreifen, Felgen, Trainer, neue Schläger, echte Federbälle.
Standard (was nützen sie, wenn man nicht auf den Patienten guckt)
Dashabeichnichtmehrnötig.
Sechs mal die Woche Badminton. Sonst noch Fragen?
Rückwärts einparken auf der Rüttenscheider Strasse. Im Burger King am Mailänder Bahnhof zusammen mit kranken rotäugigen Tauben essen.
„Ostfriesenmoor“.
„Gravity“ (Sandra Bullock mit kurzen Haaren) und „Killing fields“.
Moby. Ist keine Band, aber trotzdem. Und Macklemore.
Mein Weihnachtslied – Giovanni Bassano
Mein Weihnachtslied für 2013: Halleluja von Giovanni Bassano. Ein jesusgleicher, musikvernarrter Italiener mit strubbeligen Haaren, Gitarre und entrückten Augen, der als Straßenmusiker durch Essen, Bochum , Prag, London, Amsterdam tourt. Gesehen, gehört und geliebt auf dem Essener Weihnachtsmarkt. Vor dem Toscani Eiscafe und der blauen Marktkirche mit dem Kruppdenkmal. Stehengeblieben, gestaunt und glücklich gewesen.
Es ist mehr als gutes Karaoke. Grazie Giovanni.
Büffetregeln
Aus gegebenem Anlass:
Bitte beim Frühstücksbüffet:
– das Brot mit der Serviette, die darüber liegt, anfassen. Und nicht mit Ihrer bloßen Hand, in die Sie gerade noch grün reingehustet haben. Das ist der Sinn der Serviette. Sie liegt nicht über dem Brot, um es vor Kälte zu schützen. Sondern vor Ihren Keimen.
– den unsäglich künstlichen Orangensaft nicht immer aus dem demselben Glas trinken. Es ist eklig, wenn Sie mit dem gebrauchten Glas die Ausschütte berühren und Ihren Norovirus, den Sie noch nicht merken, gleich gratis an weitere zwanzig Leute verteilen.
– bitte pro Gang einen frischen Teller nehmen und nicht auf den benutzten Teller mit dem Vorlegelöffel ein Kubikmeter frisches Essen schaufeln.
– aus der Entscheidung, ob Sie ein Weizen-oder doch ein Vollkornbrötchen nehmen, keine dreistündige Vollversammlung machen, während sich hinter Ihnen eine 20 Meter lange hungrige Schlange stapelt.
– nicht am Hintern kratzen, wenn ich hinter Ihnen stehen.
– nur soviel auf den Teller legen, wie Sie auch wirklich essen wollen.
– versorgen Sie nicht Ihre sechsköpfige Großfamilie samt Schwippschwager mit diversen Marmeladenbukoequisahonigtöpfchen für lau.
– und falls Sie einen unsäglich lauten Handyklingelton haben, den Sie sicherlich sehr witzig finden, gehen Sie s c h n e l l an Ihr Handy. Und wühlen nicht stundenlang in Ihrer Tasche rum und schauen, nachdem Sie es endlich gefunden haben, lächelnd schulterzuckend in genervte Gesichter.
Danke.

