Rechts Links

Typischer Samstagnachtdienst:

Drei Uhr (schlimmste  Zeit um aufzustehen)

Mike (symptomatischer Name) F., 21 Jahre, hackenstramm. Eine Red Bull Whiskey Fahne, die man schon an der Ambulanztür riecht. Mike hat sich geprügelt wie fast jeden Samstagabend. Weil ihn jemand in der Disko „irgendwie komisch“ angeguckt hat.

Mike kommt dann immer direkt zum Durchchecken. Er könnte sich ja was gebrochen haben. Und das Krankenhaus hat ja immer auf und freut sich nachts auf  Kunden. Kennt man ja. Und 10 Euro muß er ja auch nicht mehr zahlen, obwohl das mußte er nie.

Im PACS Verzeichnis  stehen mindestens schon 40 Röntgenaufnahmen innerhalb von zwei Jahren  von Mike.  Röntgen  Hand rechts, links, Nasenbein in zwei Ebenen,  Röntgen Schädel in zwei Ebenen, Daumen rechts und links in  zwei Ebenen, Schulter rechts links.

Beim letzten nächtlichen Mike Besuch hatte sogar der Chirurg  Prinz Valium die Nase gestrichen voll. Er rannte in den Behandlungsraum. Kurzes Palaver. Nach zwei Minuten erschien ein blaßer Mike und verschwand wort-,und grußlos.

„Wie hast du das hingekriegt?“

Prinz Valium lächelt stolz (ein lichter Moment ist ja sonst eher selten bei ihm):Ganz einfach.Ich habe gesagt, wenn wir ihn weiter so oft röntgen, wird er impotent oder kriegt Strahlenkrebs. Oder beides!“

Respekt Herr Kollege. Könnte von mir kommen.

 

Machmallauter – Alex Clare – Treading water

Verzweifelt Wasser treten.  Auch wenn es endlos erscheint. (Noch so´n Spruch). Und wenn einem das Wasser zum Hals steht, einfach die Tür aufmachen. 

„Maybe it’s another chance to mug myself again
Maybe it’s another chance
I’m sure I’ll fuck things up in the same way
Maybe it’s another chance to mug myself again..“

Image

Sah gestern ein Interview mit einer Literaturkritikerin, ich glaube vom „Spiegel“.

Sie war, wie ich mir eine Literaturkritikerin so vorstelle. Auf dem Kopf ein lässig zerknautschter dunkelbrauner Düddeldüt Knoten. Mit einzelnen grauen Strähnen. Sie wohnte natürlich in Berlin in einer  lässigen Wohnung, etwas alternativ verstaubt angehaucht. Unkraut auf dem Balkon. Teetasse auf dem Tisch, der wie ein alter Koffer aussieht. Sogar eine aus Fuerteventura eingeschleppte Katze lag auf dem Trödelmarkt Sofa. Um den Hals trug sie ein Medallion mit einer weißen Kamee (die Kritikerin, nicht die Katze) , dazu beige 20er Jahre Schluppenbluse und eine dunkelblaue Strickjacke im Hochsommer mit Faltenrock. In der letzten Szene saß sie alleine auf einer maroden Holzbank irgendwo im Tiergarten und blickte sinnig in eine schmutzige Pfütze.

Auf meinen Armen bekam ich eine Gänsehaut. Zu viel Image. Viel zu viel übertünchtes plakatives Image. Wieso müßt ihr so aussehen, wie andere meinen, dass ihr aussehen müßt? Panisch habe ich heute bei Google gesucht. Und siehe da, ich habe ein Bild einer  mittelaltrigen Literaturkritikerin gefunden, die eine blonde Kurzhaarfrisur und Jeans trug und ein bißchen wie die nette Dame in der Sparkasse aussieht. Aber wahrscheinlich auch alles nur Image.

 

Danger

Heute bekam ich eine E-mail von der Verwaltung.  Betreff: Save the date. Meine Nackenhaare sträuben sich. Das will ich nie mehr  hören oder lesen. Früher (damals in den Ardennen, ihr wißt schon) hieß das simpel: Einladung.

 

Aber das ist ja nichts  gegen folgende Situation.

A 40 (wo auch sonst): Tunnel, Riesenstau,  rechte Spur überschwemmt oder weggebrochen oder was auch immer. Davor ein Polizeiwagen mit  Leuchtschrift. Ich knibble mit den Augen. Aber da steht wirklich rot blinkend:  Danger!

Danger. In meinem geistigen Ohr höre ich schon diese unsäglichen Yelp Sirenen aufheulen,  vor meinem inneren Auge sehe ich einen schnauzbärtigen Polizisten  mit spiegelnder Sonnenbrille finster auf mich zukommen. Man muß  sitzen bleiben und brav gucken. Hände aufs Lenkrad. Kennt man ja. Sonst drohen einem 10 Jahre Huntsville in Texas.

Aber was ist wenn der 95jährige Vectrafahrer vor mir kein Englisch kann und einfach durchfährt? Wahrscheinlich wird er erschossen.

Fucking  Verfluchter Anglizismus.

Zwei Uhr vierzig

Heute in der Übergabe. Ein übermüdeter rotäugiger Assistenzarzt berichtet von den nächtlichen Aufnahmen.  Drei  DIN-A4 Seiten vollgeschrieben, 18 Aufnahmen.

Um zwei Uhr vierzig: 85 jährige marcumarisierte Patientin, lebt alleine zu Hause. Hat sich vor 10 Tagen am Unterschenkel gestossen. Seitdem ein Hämatom (sprich ein simpler blauer Fleck) dort. Hat Quarkwickel  gemacht. Das Hämatom ist noch nicht wegegangen. Hat sich gestern Abend Sorgen gemacht und mit einer Nachbarin gesprochen. Diese blöde fürsorgliche Kuh Dame hat empfohlen sofort zum Krankenhaus zu fahren. Aber der blaue Fleck mußte noch Sachen packen. Nachdem sie den Inhalt eines Kleiderschrankes in zwei Taschen verstaut und die Katze versorgt hatte, rief sie den  RTW.  Ankunft im Krankenhaus 2 Uhr vierzig. Nachts.

Eine eiserne Regel für diensthabende Ärzte lautet: Falls jemand mit gepackten Taschen kommt, aufnehmen! Wehr Dich nicht. Du kriegst sie nicht los. Und wenn es Dir mühsam gelungen ist,  dann kommen sie wieder.

Falls Du Pech hast,  mit Rechtsanwalt, wutschnaubenden Angehörigen und Bild Zeitung im Schlepptau.

Falls Du Glück hast, alleine um 2 Uhr vierzig.

Lüge in Kriegszeiten

Von Lord Arthur Ponsonby (1871–1946), einem britischen Politiker und Friedensaktivisten, stammt nicht nur das berühmte Diktum, dass das erste Opfer des Kriegs die Wahrheit ist – „When war is declared, truth is the first casualty“. In seinem 1928 veröffentlichten Buch „Falsehood in Wartime“ („Lüge in Kriegszeiten“) beschreibt Ponsonby Strukturelemente dieser Lügen und Fälschungen, wie er sie am Beispiel des Ersten Weltkriegs beobachtet hatte:

* Wir wollen den Krieg nicht.

* Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung.

* Der Führer des Gegners ist ein Teufel.

* Wir kämpfen für eine gute Sache.

* Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.

* Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.

* Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.

* Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.

* Unsere Mission ist heilig.

Und es lässt sich auch heute immer wieder anwenden. Erinnert mich an Machiavelli, der (leider) auch nie aus der Mode kommt.

Via Ano, danke schön!

Im Stillen

Geriatrie ist ein hartes Brot.

Visite bei Frau D.  Das P  für Privat leuchtet aus ihren fünf Ringen, die an ihren Fingern stecken.

Ich komme zur Visite, sage: „Guten Morgen!“

Frau D.  begrüßt mich mit: „So ein Sauladen!“  Sowas höre ich gerne am frühen Morgen.

Und dann ergießt sich ein Sermon aus mäkeliger Unzufriedenheit über mich. Zimmer zu klein, Fernseher zu klein, alles zu alt, zu was auch immer, unfreundliches Personal, Essen schmeckt nicht.

Ich drehe  mich um und gehe raus. Und wünsche mir im Stillen, dass Frau D. Erfahrungen mit einem kongolesischen Krankenhaus macht.

Weiter geht es auf der nächsten Station.

Noch eine Privatpatientin, eine von den oberen 10.000 hier. Alte Dynastie am Rhein. Man sollte ihren Namen kennen. Mir sagt er nichts. Wohne hier nicht.

Gleiches Spiel.

Ich grüße.

Frau St. sitzt in ihrem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen. Trinkt Kaffee.

Als sie mich und  die Pflege sieht, springt sie aus ihrem Stuhl auf. Und zieht ihren beigen Rock hoch. Ich erblinde kurz. Darunter trägt sie noch nicht mal Chanel Nr. 5.

Sie keift: „Gucken Sie sich das an!!!“

Nein, danke nicht noch mal.

„Ich bekomme keine Unterwäsche hier! Unverschämtheit!!“

Meine liebe Frau St. Wir haben für obdachlose Patienten eine Grundausstattung, wohlgemerkt für Obdachlose. Sie hingegen haben eine Familie, die ihnen jeden Tag frische Wäsche bringen kann.

Ich wünsche mir im Stillen, dass Frau St. Erfahrungen in einem somalischem Krankenhaus macht.

Im Stationszimmer angekommen, erzählt mir die Pflege, dass Herr Sch. nachts gestürzt ist. Er ist ohne Pantoffeln aufgestanden, hat nicht geschellt und dann gefallen. Er hat ein dickes Monokelhämatom und sieht aus, als hätte er gegen Klitschko gekämpft und gewonnen. Die Enkelin, eine  dummdreiste Person mit Rockerstiefel, war heute morgen zu Besuch und hat  ihn mit ihrem Smartphone fotografiert. Sie wolle sich bei der Geschäftsführung beschweren.

Ich wünsche mir im Stillen, dass Ihr bald alle von Pflegerobotern und Ärzten versorgt werdet. Ach nein, das sage ich lieber nicht.

30 Millionen

Es ist gerade 30 Millionen Grad Celsius draußen. Im Krankenhaus 35 Millionen Grad. Wetter com. hat schon für morgen wieder bedrohliche 34 Grad schalmeit. 587% Luftfeuchtigkeit. Ich wäre jetzt gerne Zitroneneis, Colaeis, eiskaltes spiegelndes Wasser, blauer Pool, am Meer, im Schatten, Pink grapefruit Duschgel.

cool bankUnd nicht klebend auf irgendeiner Station. Ich habe heute auf ein Patientenbett getropft.  Gott sei Dank war noch Folie drüber. Im Rausgehen! habe ich an eine Tür geklopft. Gestern ist mir der Begriff für „Speisekarte“ nicht mehr eingefallen, so ausgetrocknet war ich. Ich habe zur Bedienung gesagt: „Ja, das Ding wo alles drin steht!“

Ach ja, wo ist eigentlich der Regentanz Smiley wenn man ihn mal braucht??

 

Zwiebel

Auszug aus unserem Kursprogramm für Sport und Fortbildung 2. Halbjahr 2014:

Neben Aquajogging, Rückenschule, Schwimmkursen, Powerjoga, Beckenbodentraining  und Sturzprophylaxe  findet man dort folgende Angebote:

Ritueller Kreistanz.

Achtsamkeitstraining unter Leitung einer MBM Therapeutin.

Verdrängung und Verleugnung: Die Zwiebel der Vergangenheit schälen, psychologische Beraterin (Mitzubringen bequeme Kleidung und eine Zwiebel).

Selbstwertgefühl „Im Wagnis der Hingabe an das Leben liegt Deine Entwicklung“ (Was für ein Schwafelspruch).

Begegnung mit dem inneren Kind, unter Leitung einer Psychosynthesetherapeutin (wtf ist Psychosynthese???).

Diese Kurse sind komplett ausgebucht. Alle.

Mir stellen sich die Nackenhaare senkrecht. Schon das Wort „Achtsamkeit“ weich wie Clostridiendurchfall, läßt in mir ein Übelkeitsgefühl hochsteigen. Ich war froh, dass die grobgestrickte Achtsamkeits „Du, lass uns drüber reden, das macht mich echt betroffen“ Welle der 80er Jahre vorbei war.

Jetzt geht es wieder los.  Gefolgt von dem blutleeren Wort „Nachhaltigkeit“ oder noch schlimmer „Quality time“. Überwemmt mit Psychogedönskursen, Mediatoren. Begleitet mit  abgewrackten ach so sinnigen Facebooksprüche wie  „Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken“. Als Steigerung möglichst noch als Wandtattoo über dem maisgelben Ikea Sofa im Wohnzimmer.

Immer wenn ich sowas höre, muß ich ein blutiges, garantiert nicht nachhaltiges 200 Gramm Rib Eye Steak essen. Mit scharfer Chili Sauce. Und viel Zwiebeln.

 

Allergie

Frauen, die diverse „Lebensmittelunverträglichkeiten“ zur Schau stellen, gehen mir auf den nicht vorhandenen Sack.

Gestern am Büffet. Vor mir steht eine personifizierte K.werther Arroganz mit klimpernden Goldarmbändern.

Sie  guckt mißtrauisch auf den Eiersalat und fragt die Servicekraft mit spitzem Mund: „Was ist das?“

Bedienung: „Eiersalat, heute frisch gemacht.“

Madame: „Woraus besteht der?“

Ja, aus was wird der wohl bestehen??? Meine minimal vorhandene Geduld verschwindet in einem  schwarzen Loch.

Servicekraft (kennt diese Diskussionen anscheinend schon) leiert mit starrem Gesicht die Zutaten herunter: „Aus Eiern, Mayonnaise, Salz, Pfeffer, Gewürzgurken,ein bißchen Curry.“

Madame: „Auch Muskat??“

SK: „Da muß ich mal nachfragen.“

Madame (die nachgemalten Augenbrauen bis zur Decke hochgezogen): „Ach, das wissen Sie nicht?! Weil wenn da Muskat drin ist, vertrage ich den nicht.“

Es gibt ja auch sonst nichts auf dem Büffet zu essen. Dann lass es doch.

Weiter geht es bei der Marmelade. Zucker ist  ganz schlecht. Und Milch? Madame hat natürlich auch eine Lactoseunverträglichkeit.Und bestimmt auch Gluten. Wette ich drauf. Meeresfrüchte hat sie bestimmt mal einen Allergieschock von gehabt.

Ich kann mich an eine Patientin erinnern, die angab auf Konservierungsmittel allergisch zu sein. Beim Mittagessen zog sie den Deckel vom Tablett. Und *Trommelwirbelundtusch*: Darunter lagen drei braungelbe Biobananen.

Es gibt so Gesichtsausdrücke, die man nie mehr vergißt.

Einen Tag später war die Allergie verschwunden und sie bestand auf Vollkost. Ich liebe Spontanremissionen.