Zufall

SPON zufolge soll ein geplantes abhörsicheres Aufklärungszentrum auf dem Wiesbadener Militärgelände sobald es fertig gebaut ist, auch vom amerikanischen Geheimdienst NSA bezogen werden.

Dass die beteiligten Baufirmen und Materialien sowie Arbeiter nur aus den USA stammen – sicherlich  Zufall.

Dass der Dagger Complex  nur 4 km von der Telekom liegt – sicherlich  Zufall.

Dass eine zentralisierte Macht grenzüberschreitend die Souveränität anderer Staaten mißachtet  – sicherlich  Zufall.

Wahrscheinlich wird Angela  Merkel lächelnd   bei der Einweihung das rote Band durchschneiden, USA Innenminister Friedrich wird ihr die Hand  führen – sicherlich Zufall.

obama-merkel

Bild via Proll blog, thx!

Supervision

Supervision ist eine Beratung für Mitarbeiter in psychosozialen Berufen. Dabei soll die Mitarbeit im Team besprochen und eventuelle Probleme angegangen werden.

In meinem psychiatrischem Jahr, das jeder Neurologe machen muss, war Supervision Pflicht.
Ich war neugierig auf die erste Supervision, habe mich sogar drauf gefreut. Neue Sachen halt.
Zusammen mit Martin und dem kompletten Team war ich im Gemeinschaftsraum. Blaue Stühle, ein grosser Stuhlkreis. Die Supervisorin mit dem unausprechlichem Doppelnamen, den ich vergessen habe. Im Gedächtnis  ist mir der rotgelbe Poncho geblieben, den sie umgeworfen hatte. Im Hochsommer.
Martin hatte mir vorher gesagt: „Ich sage in Supervisionen nie was.“
Ich habe gefragt: “ Wieso? Dazu ist es doch da!?“
Antwort: „Das wirst du schon sehen!“
Ahh, ja.
Und los ging es.
Die Supervisorin Frau Schwätzer-Namenlos: „Was gibt es zu besprechen? „

Totenstille. Alle gucken aus dem Fenster. Auf die Fußspitzen. Knibbeln heimlich an den Nägeln.
Die Supervisorin nimmt mich ins Visier:
„Sie sind doch neu hier?“
Jaaaa, bin ich. Und ich wünschte ich wäre weit weg.

„Wie empfinden Sie die Atmosphäre hier im Team?“

Martin stößt mich warnend mit dem Ellenbogen an.

Zu spät.

Ich denke an die unterschiedlichen Teammitglieder. An die dominante Stationsleitung Meike Schlampitz mit ihrer Friß oder Stirb Art und der altmodischen Dauerwelle,  an die ihr hörige Frau Eiland, an den dicken Christoph, der ihr nichts entgegenzusetzen hat, an den zu lieben Ralph, der sich nicht traut.

Ich hole tief Luft und  sage: „Ich denke, dass hier auf Station keine gute Stimmung ist.

Und dann bin ich zum Abschuss freigegeben.

Ende vom Lied:

Ich sage zu Frau Schlampitz: „Blöde Kuh!“ und werde im Anschluß auf eine andere Station versetzt.

Die Supervisorin ist begeistert von der Dynamik.

Seitdem sage ich nichts mehr in einer Supervision und gucke auf meine Fußspitzen. Knibbel an meinen Nägeln, schaue aus dem Fenster. Und hasse Ponchos.

Bouillabaisse

Ausblenden ist ein beliebtes mentales Verfahren, dass Ärzte anwenden, die von Patienten gnadenlos zugetextet werden.

Also eigentlich fast täglich anwendbar.

Beispiel:

Heute auf der Visite, Zimmer 2.

71 jährige Privatpatientin, pensionierte Lehrerin, lange graue glatte Haare. In der Kurve steht Fibromyalgie. Aaarrggh, denke ich. Worst case.  Fibromyalgie, das kann dauern. Fibromyalgie Patientinnen (fast alles Frauen, geschieden, denn die Männer halten das Geknatsche  mehr aus) mit diversen Wehwehchen, die jeder hat, der älter als vierzig ist. Der eine nimmt es hin, der andere macht eine Krankheit draus!

Und richtig:

Frau S. , den Kopf auf einem mitgebrachtem Nackenhörnchen gebettet, liegt leidend auf einer Fango Packung im Bett:

„Frau Doktor, ich habe so Schmerzen.  Ich habe bestimmt einen akuten Fibromyalgie Schub…“

Ich: „Was machen Sie denn in einem „Schub“?  ( Das Wort Schub presse ich nur nur mühsam raus.  Benutze  es sonst nur bei Patienten mit Multipler  Sklerose).

Sie: „Ich nehme dann immer ganz schwere Tabletten!“

Ich: Welche?

Sie:  „Jaaa, Ibuprofen.“

Ahhhh, ja. Die schweren Ibuprofen….

Und weiter geht die Leidensgeschichte. Sie beginnt mit der Diagnose der Fibromyalgie. „Herr Professor D. hat sich 2007 an mein Bett gesetzt und meine Hand genommen,  Ich muß jetzt ganz tapfer sein, hat er gesagt. Ich hätte Fibromyalgie und die ist unheilbar.“

Ich verfluche diesen Kollegen, Menschen zu pathologisieren .

Die Geschichte endet mit der Erzählung, dass ihr Vater mal eine Blinddarmentzündung hatte.  Der Vater hatte ja bei der Sparkasse gearbeitet, der Sohn übrigens auch.  Ich weiche langsam rückwärts in Richtung Tür aus, es nützt nichts. Frau S. redet und redet und redet und redet…Schlimmer als ein Mann.  Ab da beginne ich auszublenden.

Überlege, was ich am nächsten Wochenende machen kann. Am Freitag in den Biergarten? Wenn ja,  in welchen?

Ich muß an einen Kollegen denken. Der blendet immer mit Kochrezepten aus. Letztes Mal hat er vor seinem inneren Auge eine Bouillabaisse gekocht. Fisch, Langusten,  Zwiebeln, Möhren. Lorbeer, Knoblauch,Thymian. Mit Weißwein abschmecken. Dazu Baguette?  Gute  Idee!

Also, wenn eurer Arzt Euch nicht mehr antwortet und etwas entrückt in die Gegend guckt, dann könnte es daran liegen, dass ihr redet und er Fischsuppe kocht…

Medizinertisch

Wer mit einem Medizinermenschen zusammen sitzt und ißt, braucht Nerven wie Stahlseile.

FünfFrauenGruppe in der spanischen Finca Bar in Essen (ich mag die Finca zwar nicht, aber die anderen wollten dahin).

Alkohol fließt in Strömen. Cola und O-Saft auf dem Tisch. Sonne scheint, alle haben Hunger. Lange nicht gesehen, Frauengeschnatter. Der Nebentisch aus KupferdrehStadtwaldBredeney mit mageren Hippen und Riesensonnenbrillen guckt schon zu uns rüber. Gemalte Augenbrauen werden hochgezogen. Egal.

Ich habe den Currywurstspieß bestellt (nicht noch mal).

Moni:  Hähnchenspieße.

Brigitte:  kanarische Kartoffeln.

Gudrun: Suppe.

Angela:  hab ich jetzt vergessen.

Ich mustere meinen Spieß, präpariere sorgfältig die Wurststücke herunter.

Moni beäugt das misstrauisch und meint: “  Die Soße sieht aus wie die Makrohämaturie im Urinbeutel  von Herrn Müller auf Zimmer 6.

Ich tunke ungerührt meine Wurst in die Hämaturiesoße. Schmeckt. Sehr fruchtig.

Ich gucke jetzt auf die Hähnchenspieße von Moni.  Moni zuppelt die Stücke herunter. Grob. Sie zerschneidet die Vena poplitea und garantiert den Nervus femoralis Die Hähnchenmuskeln sehen atrophisch aus.  Kannichnichthingucken.

Der Nebentisch auch nicht. Werden schon grün im Gesicht.

Brigitte, leicht alkoholisiert,  guckt auf ihre kanarischen schrumpeligen Kartoffeln  und gackert los: „Neee, die sehen aus wie die Hoden von dem Thrombosepatienten, der gestern gegangen ist.“

Der Nebentisch flüchtet.

Ich bestelle Crema Catalana. Lecker!

Das Bob Spiel

Bob ist ein 48 jähriger Brite mit abgewetzten Jeans und einem langem grauen Pferdeschwanz. Seit seiner Scheidung vor 20 Jahren leidet er an dem AlleFrauensindSchlampen Syndrom.

An allem hat seine Ex Frau Schuld.

Bob hat seinen gutbezahlten Job verloren? Jane hat Schuld, weil sie ihn psychisch fertig gemacht hat.

Bob  ist zu dick? Jane hat Schuld. Wäre sie nicht gegangen, wäre er schlank.

Bob hat eine Lebensmittelallergie? Wenn Jane richtig gekocht hätte, würde er nicht allergisch reagieren.

Klopapier ist alle? Wäre Jane nicht gegangen, wäre er nicht depressiv und hätte an Klopapier gedacht.

Bob kreist alleine in seinem kaltblauem Scheidungsuniversum.

Aus dem Gedankenkleben an Jane ist das Bob Spiel entstanden.

Ziel und Sinn ist es innerhalb von fünf Sekunden von einem beliebigem Thema auf  Jane zu kommen.

Wir reden über z.B. Tiefseetauchen (sehr gängiges Thema).

Bob: „Jane, meine ExFrau, die mich vor 100000 Jahren verlassen hat, kann nicht Tiefseetauchen.“

Wir weichen auf das Thema „Wohnzimmerschränke“ aus. Hoffen.

Aber nein: Bob wird rot im Gesicht, ereifert sich: „Jane hat unseren Ahornschrank im Wohnzimmer nie richtig geputzt.“

Gut, wir versuchen es mit „Matjessalat“. Keine Chance: Jane hat nie Fisch gegessen und ihn immer verkochen lassen.

Der Rekord steht bei 4 Sekunden. Entrinnen beim Bob Spiel ist unmöglich. Hands up!

Racket smashing

Darf ich beim Badminton meinen Schläger wutentbrannt wegwerfen, wenn ich unnötige dumme Fehler mache?

– Nein,  denn ich bin erwachsen. Damachtmandasnichtmehr.

– Nein, denn ich bin kein John McEnroe.

– Nein, denn mein heißgeliebter Forza Schläger mit pinkfarbenen Mädchengriffband kann kaputt gehen.

– Nein, denn die vier vom Nebenfeld gucken dann so blöde mit hochgezogenen arroganten Augenbrauen rüber.

– Nein, denn es gibt Alternativen zum Schläger werfen. Welche bloß?

Ja, denn ich bin wütend.

– Ja, denn ich bin erwachsen.

– Ja, denn ich McBära.

– Die einzige Alternative zum Schläger werfen ist: Trainer werfen.

–  Lasse doch gucken vom Nebenfeld!

Übrigens: Niemand ist so konsequent im Racket smashing wie Marcos Baghdatis!

Angela hat Schuld

Angela hat Schuld. Genau.

Gestern trat die Gruppe Eigensinglich im Schloss Horst auf. Musical Songs mit Reiner Dubiel, Jessica Sulejmani, Annette Hessel, Kristof Stößel, Sarah Elmaz und Desar Sulejmani.

Vor der grandiosen Kulisse des restaurierten Schloss. Sonnenwetter, bestfriendsandfamily am Start. Gelungene mitreißende Aufführung. Es hätte perfekt sein können, wenn nicht zwei Plätze neben mir ein Pärchen gesessen hätte.  Die Plätze hatten wir für Angela freigehalten, die dann doch in letzter Sekunde abgesagt hat.

Er: schlunziger Vollbart, Wollpullover, Dauerraucher, sie Wollpullover, DeowohleinFremdwort, Ballerinas mit blauen Socken. Jeder wie er will. Noch war ich tolerant. Noch.

Aber schon nach dem ersten Lied ging es los. Schlunzenbart hustet. Kann ja mal passieren. Aber es war ein ekliger, aus den tiefsten Bronchien und Bronchiolen produzierter brodelnder penetranter Husten. Kein Infekthusten, sondern der typische „IchraucheseitvierzigJahrenzweiSchachtelnpro TagHusten.“  Gut, er hustet noch ein paar Mal, ich sage nichts.  Aber er hält sich dran. Ich merke, wie ich wütend werde.

Ich habe heute zweieinhalb Stunden im Auto gesessen, insgesamt 14 Tage ohne frei gearbeitet. Ich will Ruhe haben vor Pflegefällen.  Das habe ich mir verdient. Punkt.  Es nützt nichts. Er hustet wieder, durchdringend, eine wandelnde  Bronchialtoilette. Die Leute in der Reihe vor uns tuscheln schon und drehen sich um. Keiner sagt etwas. Bei der nächsten Hustenattacke durchbohre ich ihn mit meinen Augen. Er hustet erneut, diesmal besonders penetrant (meine letzte Arzthelferin hätte gesagt: „Noch eine Scheibe Brot dazu?“) Ich sage laut, deutlich und unüberhörbar zu ihm: „Es ist so eklig.“ Das „so“ dehne ich so lange wie kann. Die Leute in der Reihe vor mir kichern. Hinter mir auch. Wahrscheinlich kommt mir gerade Rauch aus den Ohren.

Das Pärchen starrt mich empört an, sie sind fassungslos. Aber jetzt ist endlich Ruhe im Karton!

Dafür steht die Frau im Wollpullover und ohne Deo jetzt auf, wedelt wie wild mit den Armen und klatscht. Eine Schweißwolke hüllt mich ein. Mir wird schlecht. Deo bei Penny kostet 99 Cent.

Oh Angela, Du hast Schuld ;-).

Armer Hase

Heute nach einem Konsil bei den Gynäkologen habe ich mich mit einer jungen Assistenzärztin (kurz Hase oder Häschen genannt)unterhalten:

Gynhase (augenrollend): “ Gestern auf der Visite hat sich eine Patientin beschwert.“

Ich (grinsend): „Passiert nie bei uns!“ (kreuze schnell die Finger hinter dem Rücken).

Gynhase (hyperventilierend, an gestern denkend): „ Sie hatte eine Adnextorsion. Wir mussten sie ganz schnell operieren.  Es ist alles super gelaufen. Und gestern hat sie beim Chef  gemeckert.“

Ich: „Worüber?“

Gynhäschen (schnauft empört): “ Jaa, sie hatte ein Riesen Tattoo auf dem Bauch.  Ein großer Colibri. Beim Zusammennähen ist die Naht etwas schief geworden. Und jetzt hat der Colibri einen zu kurzen Schwanz.“ 

Ich (kann mich nur mühsam beherrschen, Lach Flash im Anmarsch): “ Mach Dir nichts draus. „

Gynhase (betrübt, lässt die Ohren hängen): “ Und ich habe sie doch so schön innen genäht!“

Armer Hase. Schwere Welt. Innere Schönheit zählt nicht 😉

Arzturlaub

ist speziell, weil

–  ich auf die Unterarme des Kellners gucke und überlege, welche Venen am besten für einen grünen Zugang geeignet sind.

– ich einen  Mann im Schwimmbad mit mindestens Körbchengröße C sehe und sofort denke: Er säuft zu viel oder hatte ein Prostata Karzinom. Oder beides.

– ich im Urlaub Kaffeentzugskopfschmerzen bekomme, wenn ich nicht mehr auf meine täglichen zwei Liter komme.

– ich mich im Restaurant weit weit weg von krank aussehenden Menschen setze.  Aus Angst sie reanimieren zu müssen, wenn sie plötzlich mit dem Gesicht in die Kartoffelsuppe oder Tomatenessenz  fallen.

– ich krumme Wirbelsäulen im Schwimmbad sehe und es mir in den Fingern juckt, Calzium Vitamin D zu geben.

–   ich schlanke Wirbelsäulen im Schwimmbad sehe und überlege, wo ich dort am besten lumbal punktieren könnte.

-ich eine einarmige Frau sehe, Trauma? Tumor?

Ein Mann hat mir mir einmal beim ersten date gesagt: „Ärztinnen sind speziell (ich denke, er meinte schrecklich), weil sie immer, aber auch immer alles analysieren.“  „Verstehe ich nicht“ habe ich gesagt und auf seine Hände geguckt, wo ein großer Pickel war. Nur eine seborrhoische Keratose? Oder doch ein Spinaliom?