Herr W.

In meinem Beruf habe ich schon viele Menschen sterben sehen. Junge Menschen, alte Menschen,  tumorkrank, lungenkrank, nierenkrank, seelisch krank.  Und obwohl ich schon so lange dabei bin, macht es mich immer wieder fassungslos, wenn ich beim Sterben zusehen muß.

Bei Herrn W., 89 Jahre alt, der genau so dichte silbergraue Haare hatte wie mein Opa, habe ich heute Visite gemacht.  Wir haben uns noch über sein hartes Leben unterhalten. Viel körperliche Arbeit, ein Weltkrieg, er hatte Hände, die verschlissen waren vom Bergbau. Er war schwer herz-und lungenkrank. Als ich das Zimmer verlassen wollte, fragte er mich noch : „Frau Doktor, meinen Sie ob ich hier auf meinen Beinen oder im Sarg rauskomme?“.

Heute Nachmittag wurde ich angefunkt, es ginge ihm nicht gut. Wenn das eine Krankenschwester sagt, sollte man zügig kommen.

Herr W. saß nach Luft schnappend am Tisch, schon fahlgrau im Gesicht, um Mund und Nase ein weißes Dreieck.

Ich habe dann noch Sauerstoff gegeben, schnell herzentlastende Medikamente gespritzt. Aber es war mir klar, das Herr W. jetzt sterben wird. Und das ich nichts mehr machen kann. Und das ich dabei sein werde.

Ich habe dann die Hand auf seine dichten silbergrauen Haare gelegt. Herr W. ist dann innerhalb von einer Minute gestorben.

Ja, ich weiß das Leben ist endlich, aber es macht mich trotz aller Routine immer wieder fassungslos.

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4 Antworten zu Herr W.

  1. frankzio schreibt:

    Trotzdem, nein gerade deshalb: Guten Morgen!

    Wie reagieren eigentlich deine Kollegen auf die Erfahrung?
    Ich habe deren Reaktionen und besonders die des Pflegepersonals,
    nie wirklich einschätzen können. Aber auch nur drei Mal das Sterben
    eines Menschen miterlebt. Merkwürdigerweise war ich dabei nicht
    fassungslos – da war auf einmal Friede, Entspannung, Erlösung, Erleichterung
    und nie das Gefühl „ewigen Endes“.
    Mein eigenes Sterben wird mich mit Sicherheit mehr fuchsen und ärgern.

    • labaera schreibt:

      Guten Morgen,
      es ist ein Unterschied, ob Du direkt in der letzten Sterbephase dabei bist oder der Patient plötzlich tot im Bett liegt und Du „nur“ die Leichenschau machen musst.
      Beides lässt keinen von meinen Kollegen gleichgültig. Wenn Du das Sterben jedoch direkt mitbekommst, sind die meisten noch mehr betroffen.
      Und nicht jeder stirbt freiwillig, viele junge Menschen kämpfen und es ist eine Qual. Und dieses Erlösende trifft bestimmt nicht für alle zu. Viele Menschen hängen am Leben.

  2. frankzio schreibt:

    Junge Menschen haben ein Recht darauf, nicht loslassen zu wollen.
    Ihren Kampf gegen den Tod miterleiden zu müssen, würde mich
    erschüttern. Davon zu wissen ist für mich schlimm genug.

    Labaera, du hast einen Beruf gewählt, der die Alltäglichkeit
    eines noch immer Tabus zum täglich Brot macht. Du schlägst
    Schlachten gegen einen Feind und erringst so manchen Sieg.
    Gewinnen aber wird immer der Tod.
    Ich bin kein Tröster auf diesem Gebiet und habe mich immer
    gegen eine Aussage dieses unsäglichen Pseudopsychologen
    Fromm gesperrt: „Solange ich lebe, geht mich der Tod nichts an!“
    Ganz kurz nehm ich dich jetzt mal virtuell in die Arme. Gleich
    läufst du ja doch wieder weg, um zu kämpfen.

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