Slim fit

Luftnot bei geriatrischen Patienten ist nicht selten. Häufig bei Herzinsuffizienz, Anämien, chronischer Bronchitis, Pneumonie und und und. Es gibt zig Differenzialdiagnosen.
Auf eine exotische Ursache von Luftnot bin ich heute in der Ambulanz getroffen.
Herr W., aus dem Altenheim, 89 Jahre alt. Total schwerhörig. Hinter den großen Ohren zwei stattliche schrill pfeifende Hörgeräte. Herr W. ist einer von den Schwerhörigen, die genau so laut zurückschreien, wie man sie anschreit. Herr W. Gesichtsfarbe ist trotz Sauerstoffgabe leicht bläulich. Ja, er habe eine chronische Bronchitis. Seit gestern sei die Luftnot besonders schlimm. Herr W. sitzt auf der Bettkante, stützt sich mit beiden Armen auf, benutzt die Atemhilfsmuskulatur. Ich betrachte ihn genauer. Herr W. trägt ein enges weißes Polohemd. Sehr eng. Sehr, sehr eng. Slim fit. Die Halsvenen treten schon raus.
Ich versuche das Hemd hochzuziehen. Es gelingt mir nicht, so straff sitzt es. Ich frage mich, ob man den Patienten in dieses Hemd rein geschossen hat. Es nützt nichts. Ich schneide das Hemd auf.
Sofort wird die Sauerstoffsättigung besser. Das Gesicht schon rosiger.
Herr W. schreit mich an: „Frau Doktor, ich habe denen im Heim ja schon immer gesagt, dass mir das Hemd zu klein geworden ist.“ Ich liebe Spontanremissionen!

Turfen

Turfen ist ein beliebtes Spiel unter Krankenhausärzten. Turfen heißt, einen schwierigen, multimorbiden Patienten an eine andere Fachabteilung zu verkaufen um endlich Ruhe zu haben. Es gibt auch einen Doppel Turf oder Turf Ping Pong: Neurologie in die Innere und wieder zurückt. Ein Turf muß immer gut durchdacht und strategisch  geplant sein.

Mit meinem Kollegen Frank in Essen, der auf der Inneren gearbeitet hat, ging das immer sehr gut.

Beispiel:

Patient, total verwahrlost, eingekotet, seit Wochen nicht gewaschen, wurde bewußtlos unter einer Brücke gefunden. Der Notarzt, der sich beim Eintreffen, die Nase zuhält, meint grinsend, das ist  bestimmt neurologisch. Er habe eingekotet, könne ja einen epileptischen Anfall gehabt haben.  „Danke Herr Kollege, denke ich. Neee ist klar.“

Wahrscheinlich war der Patient einfach zu betrunken die Toilette zu finden.  Einen Zugang hat der Notarzt nicht gelegt, der Patient sei so dreckig. Also bleibt die  Arbeit erstmal an mir hängen. Neurologisch  hat der Patient nichts. Die Laborwerte sind erwartungsgemäß eine  Kastrophe. Transfusionspflichtige Anämie, Nierenversagen. Typisch neurologisch… Ich rufe Frank an, der schlecht gelaunt kommt und meint mit mir stundenlang diskutieren zu müssen, wieso der Patient so schlecht zurecht ist. Haaalllooo?! Guck Dir dir mal die Werte an.  Schließlich gibt er sich geschlagen und nimmt den Patienten  in seine Abteilung auf.

Heute auf der Aufnahmestation:

Frau L.

Frau L. ist 85 Jahre, liegt freundlich lächelnd im Bett. Wieso sie hier ist, weiß sie nicht. Wir auch nicht. Die Angehörigen sind vorsichtshalber bei der Aufnahme nicht mitgekommen. Die Laborwerte sind in Ordnung, EKG und Röntgen auch, Blutdruck sei entgleist  gewesen heißt es. Die Werte hier sind gut.

Während wir Visite machen, unterhält sich Frau L. mit einem  Bild (Kunstdruck von Monet) über der Wand. Sie sieht Hände aus der Wand kommen und begrüßt nebenbei  ihre Mutter.

Okay, vom Alter und von der Demenz gehört die Patientin in meine Abteilung.

Da erzählt der Pfleger mir, dass Frau L. nachts den Bürostuhl der Station als Toilette  mißbraucht hat. Das will ich mir jetzt nicht vorstellen. Den Stuhl kann man nur noch verbrennen. 

Ja, sie habe Durchfall gehabt… Ahhh Durchfall, denke ich. Und nehme den diensthabenden gastroenterologischen  Kollegen ins Visier. Der ist jedoch auf Zack und lehnt dankend die Aufnahme  in seine Abteilung ab. Einmal Durchfall und die Laborwerte  in Ordnung? Nichts für ihn. Schade, Turf nicht geglückt.

Okay. Angriff auf die Unfallchirurgie.  Die Patientin sei eventuell gestürzt. Ich bewege die Hüfte, die Patientin hat Schmerzen. Der Unfallchirurg, der schon fliehen wollte, kehrt seufzend zurück. Im Röntgen später ist eine Fraktur ausgeschlossen.

Ich gebe mich geschlagen, nicht mein Turf Tag heute ;-).

Was soll

nur mit Mutti werden?

Schnauzbärtiger rotgesichtiger  Sohn (rennt gleich durch  ins Stationszimmer, wie ich das hasse):  „Ich wollte mal fragen, was mit Mutti wird.“

Ich (keine Ahnung) „Wie meinen Sie das?“

Sohn: „Ja, so zu Hause halt, meine ich. Mutti soll doch morgen entlassen werden.“

Ich: „Keine Ahnung, was aus Ihrer Mutter zu Hause wird. (Wohne ich dort?). Ich habe Ihnen am zweiten Tag gesagt, dass Sie sich an den Sozialdienst wenden sollen, wenn Sie Hilfe brauchen. “ (Mutti liegt jetzt schon fast 2 Wochen hier,  genug Zeit also irgendwas zu organisieren).

Sohn: „Ich kann das nicht. Da muß sich einer drum kümmern.“

Ich (kotze langsam):  „Genau, aber nicht wir.“ 

Sohn: „Gut, wenn es nicht klappt zu Hause, bringe ich sie halt wieder.

Ich rechne  kurz durch: Transport am Entlassungstag mit dem Krankenwagen nach Hause: 350 Euro, am wahrscheinlichen Wiederaufnahmetag eine Woche später: 350 Euro ins Krankenhaus, dann wieder nach Hause oder ins Heim: 350 Euro.

Teures Abschieben von Verantwortungslosigkeit an die Solidargemeinschaft.  Danke schön!

Schleppbremse – Wünsch Dir was!

Was ist eine Schleppbremse?

Eine Schleppbremse ist eine zusätzliche Bremse, die man an einem Rollator befestigen kann um ihn langsamer zu machen. Kostet stolze 80 Euro. (Ein Rollator hat schon zwei Bremsen, nur zur Info).  Da unsere alten Leute, die einen Rollator benötigen, selten das Problem haben zu schnell zu laufen, erübrigt sich diese Bremse meist.

Heute ein Telefonat mit einer Tochter:

„Mein Vater braucht einen Rollator mit einer Schleppbremse.“

Ich (werde mißtrauisch, woher kennt sie das Wort Schleppbremse?) : „Ihr Vater hat doch schon einen Rollator.“

Tochter:  „Ja, aber manchmal läuft er zu schnell.“

Ich (sei doch froh, dass er schnell läuft mit 95 Jahren): „Ich verstehe das Problem nicht.“

Tochter: „Er braucht ihn.“

Ich : „Verstehe ich immer noch nicht. Er hat einen Rollator. Und zu schnell läuft er hier nicht damit.“

Tochter: „Ich arbeite in einem Sanitätshaus, ichkennmichdaaus.“  

Ich (ahh ja, daher weht der Wind, jetzt kommen wir der Sache schon näher). „Sie möchten also,  dass  ich ein neues Rezept für einen Rollator ausstelle, den er schon hat und eine Bremse, die er nicht braucht?“

Schleppbremsentochter (total unverfroren): „Ja, und wo Sie schon dabei sind, er braucht auch noch einen Standgalgen, einen Nachttisch, einen Aufrichter, eine Toilettensitzerhöhung und einen Duschhocker. Bitte an das Sanitätshaus Buttermann, da arbeite ich nämlich!“

Wünsch dir was!

Edit:

Ach ja, das Rezept habe ich zerrissen. 😉

Wünsche frohe Ostern

gehabt zu haben (gruselige Satzstellung, ich weiß).  Ostern im Krankenhaus zu arbeiten ist fast schlimmer als Weihnachten.

Irgendwo scheint Karfreitag ein Rudel Senioren einen Bus gechartert zu haben. Ab ging es dann ins Krankenhaus.

Umsonst Essen und täglich werden die Betten gemacht. Hat man ja zu Hause nicht.

In Zimmer 10: Frau W. , 90 Jahre, sehr biestig.

Ich: „Guten Morgen Frau W. , wie geht es Ihnen?“

Frau W. mit schriller Stimme: „Was geht Sie das an? Lasst mich doch in Ruhe.“

Ich (habe schon den Kaffee auf, obwohl ich noch keinen getrunken habe):  „Danke schön“.  (Breche die Visite ab, habe ich keine Lust zu).

Zimmer 11: Herr A., dement, die Ehefrau hat ihn hier abgegeben, ist telefonisch nicht erreichbar.

Herr A. weiß nicht was er hier soll. Ich auch nicht. Während wir sprechen, behält Herr A. seine Kopfhörer auf und hört  Schlager.  Das erschwert die ohnehin schon sehr zähe Kommunikation. Munter  schmiert er mit seinen Marmeladenfingern auf der Bettwäsche rum. Ich hasse Marmelade im Krankenhaus.

Zimmer 12:

Es riecht hier wie in einem seit fünf Monaten nicht gesäubertem Hyänenkäfig. Ich versuche nur durch den Mund zu atmen. Es gelingt mir nicht. Ursache für den penetranten Geruch ist Frau K, sehr munter und leider auch sehr dreckig. Sie zeigt mir ihre ödematösen Unterschenkel, bei den Füßen verschlägt es mir wirklich die Sprache. Wasser? Seife? Seit wann sind die Unterschenkel so dick? (und wie lange nicht gewaschen??) „Schon laaange, Frau Doktor, seit vier Jahren. “  Dick oder nicht gewaschen? Ich will es nicht wissen…

Zimmer 1:

Eine demente Patientin  die sich den Arm gebrochen hat. Daneben der Ehemann. Typ Finanzbuchhalter, Hemd und Pullunder und einen Block mit Stift unter dem Arm. Die schwer demente Frau halluziniert seit Tagen. Passiert schon mal in fremder Umgebung. Das ist dem Mann nicht zu erklären. Er lässt sich meinen Namen geben. Wir sind Schuld. Ja klar, an allem. Auch am Klimawandel. Ich erkläre ihm sämtliche Befunde zum zehnten Mal. Hilft nichts, nach einer halben Stunde steht er im Sekretariat und will schon wieder mit mir sprechen.

Oben auf der Station macht ein Ehemann Terz, weil seine 150 Kilogramm schwere Frau so schlecht Luft kriegt.

Auf dem Flur kommt mir Frau L. mit ihrem Rollator lächend entgegen.  Hallo Frau Doktor! Geht es Ihnen gut? Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!

Danke schön Frau L.! Frohe Ostern.

Bratzentag

Was ist eine Bratze? Umgangssprachlich ein nicht ganz so feines Wort für einen speziellen Frauentyp, den  ich nicht ausstehen kann. Frech und dumm.

Beim Einkaufen in meinem Hofladen von Bauern Ridder hatten wir ein Prachtexemplar  einer sogenannten Biobratze vor uns.

Schon beim Einparken fiel Madam unangenehm auf. Natürlich  in einem bratzigen putzigen  Renault Clio parkte sie so dicht neben uns, das ich schon mit der Tür aufpassen musste, obwohl noch geschätzte 1000 qm Platz frei waren.

Schwarzer Pferdeschwanz mit zahlreichen grauen Haaren drin, Typ: Ichfärbenichtmehr. Ein sogenanntes Silver girl. Bestimmt  diejenige, die beim Elternsprechtag immer stundenlange Diskussionen über Milch- und Kopiergeld führt.Die Kinder heißen  Johannes und Greta. Wohnt in Essen-Stadtwald. Wette ich ein Monatsgehalt drauf.

Die Biobratze imponiert durch ihre durchdringende, penetrante Stimme sowie eine  ubiquitäre unangenehme Präsenz. Der Laden ist nicht groß, ein Ausweichen leider unmöglich. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Der Käsekuchen in dem Hofladen ist zu lecker, als ich drauf verzichten könnte.

Weiter ging es in einer Arztpraxis mit einer Arzthelferinbratze.

Ich stehe vor dem Empfangstresen. Vor mir ein chronifziertes Hartz IV Wesen mit Schnupfen, heulend: „Ich muss zum Arzt, ich kann nicht mehr, ich bin so krank.“

Arzthelferin: „Ja, geh mal durch und setz dich in den Warteraum.“

Dann bin ich an der Reihe.

Ich sage freundlich: „Guten Tag.“

Arzthelferinbratze (wendet sich erstmal ab, ich bin wohl unsichtbar, Tarnumhangoderwas, redet dann mit ihrer Bratzenkollegin, sortiert dann noch 500 Karteikarten gemächlich nach Farben  weg, sehr sehr wichtig, Ordnungmussjasein), dann endlich dreht sie sich betont langsam wieder zu mir um, streckt ihr Kinn ruckartig nach vorne und sagt knapp: „Bitte?“

Ich rolle schon innerlich die Augen, äußerlich wohl auch und beginne mich  warm zu laufen.

„Mein Name ist La Bära, ich hatte angerufen und wollte zum Arzt (jaaaa, auch Ärzte müssen mal zum Arzt, leider).

Bratze: „Wir nehmen keine Patienten mehr an. Erst um 15 Uhr wieder.“

Ich (bekomme schon hektische Flecken am Hals. Wenn ich krank bin, habe ich keine Geduld, wenn ich gesund bin, auch nicht): „Ich habe um acht Uhr angerufen, ihre Kollegin hat mir gesagt, dass sie keine Termin vergeben und ich heute morgen einfach  so kommen kann.“ Es ist jetzt 8.20 Uhr.

Bratze: „Nein, der Herrrrr Doktor hat beim Reinkommen gesagt, dass er keine Patienten mehr annimmt.“

Ich: „Wann hat er das gesagt?“

Bratze: „Um viertel nach acht.“
Ich: „Wieso kommt er denn nicht pünktlich zur Arbeit? Ich denke, Sprechstunde ist ab acht Uhr. Kein Wunder, dass es hier nicht läuft.“

Bratze (hysterisch nach Luft schnappend): „Das müssen Sie wohl dem Herrrrrrn Doktor (wie sie das immer betont) überlassen, wann er anfängt. Wir nehmen keine Patienten mehr an heute morgen.“

Ich: „Muß ich nicht verstehen. Wozu rufe ich denn dann an ?

Das kann die Bratze mir auch nicht erklären und dreht sich weg. Ich mustere ihren grob gestrickten gelben Wollpulloverrücken. Überlege kurz, ob ich mich am Tresen ankette. Verwerfe dann den Gedanken.  Drehe  bei und streiche die Segel. Kotze innerlich, weil ich für solche Bratzen in meinen Diensten im Krankenhaus häufig nachts um drei Uhr aufstehen musste und innerhalb von fünf Minuten parat war. Um die Migräne zu behandeln.

Als ich zu Hause die Beschwerdemail an den Arzt schreibe, überfliege ich kurz die Praxis Homepage. Motto der „patientennahen Hausarztpraxis“: „Bei uns fühlen Sie sich wohl“. Ich lache trocken und huste wieder röchelnd.. Bratzentag.

Chirurgen Auto

Das  Krankenhaus, in dem ich arbeite, liegt direkt in der Innenstadt. Freie Parkplätze sind hier Mangelware, so dass viele Mitarbeiter in einer kostenpflichtigen Tiefgarage parken.

Dort stehen dann halt immer die gleichen  Autos. Mit der Zeit weiß man auch welches Auto zu wem gehört.

Der schwarze  ungewaschene Mazda mit dem Kindersitz und den leeren Wasserkästen hinten drin gehört dem netten Internisten.

Wir machen uns beide einen Sport draus und versuchen morgens immer nebeneinander  zu parken. (Und wehe das klappt nicht).

Die Chirurgen fahren riesige SUV´s oder Jeeps. Meist gucken sie ein bißchen spöttisch auf meinen geliebten Honda runter.

Mein „Lieblingschirurg“, der nie grüßt und immer arrogant guckt, fährt auch so einen hypertrophen Panzer. Damit belegt er mindestens  zwei Plätze, weil er nicht richtig parken kann.

Der Anästhesist  wechselt schon mal zwischen Porsche Panamera oder BMW irgendwas.

Die Senologin  schleicht mit ihrem Porsche heran.

Heute morgen hatte ich auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen süßen putzigen Peugeot 207, Cabrio, himmelblau, vor mir. So ein richtiges Frauenauto. Niiiiedlich.

Ich habe ihn locker überholt. Überraschend fuhr der Peugeot  dann nach mir in die Tiefgarage.

Und * Trommelwirbelundtusch*: Aus dem WinzAuto quälte sich mit verzerrtem Gesicht der Zweimeter Arroganz Chirurg.

Ich habe ihn so laut gegrüßt, dass es in der Tiefgarage mit Echo hallte.  Und habe  dann grinsend gefragt: „Neues Auto Herr Kollege?“

Herr Kollege versuchte zu fliehen, errötete und murmelte etwas von: „Auto kaputt, der meiner Frau….“

Es gibt Tage, die so richtig gut beginnen. 😉

Geriatrisches Telefonat

Heute am Telefon:
Am anderen Ende eine ältere knarzige  Stimme: „Mein Doktor hat mir eine Einweisung für das Krankenhaus gegeben. Ihr sollt mich mal wieder fit machen.“
Ich (hasse spontanes Duzen): “ Worum geht es denn genau bei Ihnen?“
Stimme: „Ja hab ich doch gesagt, wieder fit werden.
Ich: „Wieso sind Sie denn nicht fit?“
Stimme: „Ja, weil ich so ein komisches Gefühl im Kopf habe. Und auch mein Rücken und Blutdruck. Und mein Zucker erst.“
Ich (kriege langsam auch ein komisches Gefühl im Kopf): „Können Sie denn laufen?“
Stimme:  „Ja, bis nach Edeka schaffe ich wohl noch.“
Ich (Edeka reicht für die TK):  „Gut, ich gebe Ihnen dann die Durchwahl für die Tagesklinik, dort können Sie einen Termin ausmachen.“
Stimme: “ Was ist denn eine Durchwahl?“
Ich (lautlos den Kopf auf den Schreibtisch schlagend): „Das ist die Telefonnumer von der Tagesklinik. Dort können Sie direkt anrufen.“
Stimme: „Moment, ich hole ebend einen Stift „. (Wieso sagen eigentlich so viele Leute ebend mit D am Ende? Oder auch Kernspind?)
Ich höre Geraschel und Gewühle am anderen Ende. Eine Viertelstunde vergeht. Mindestens. Ich überlege, was wir am Wochenende kochen können. Hähnchen vielleicht, immer gut.
Stimme (mich aus meinen Kochplänen reißend): „Der schreibt nicht.“
Wundertmichjetztnicht.
Ich (gebe auf):  „Herr M, wir rufen Sie dann zurück. Ihre Nummer sehe ich auf meinem  Telefon.“
Stimme Herr M:  „Ja, und dann müssen wir noch eine Fruchtwasseruntersuchung machen, hat mein Neurologe gesagt.“

Ich (kannnichtmehr vor unterdrücktem Lachen, rolle über den Boden, komme nicht mehr hoch): „Sie meinen bestimmt eine Nervenwasserentnahme?“

Herr M (über die Schulter zu seiner Frau rufend): „Inge, war das jetzt Fruchtwasser? Oder Nervenwasser? Irgend sowas halt.“

Irgend sowas kann ich.  Das kriegen wir schon hin, mein lieber Herr M!

Google Tochter

Heute auf der Visite:

Zimmer 2: Herr B., freundlich lächelnd, siebzig Jahre alt, kommt zur Demenzabklärung. Schon seine mit zahlreichen Äderchen durchzogene rötlich blau schimmernde Nase und seine Liebe zu hochprozentigem  Alkohol lässt mich  auf eine Korsakow Demenz tippen. Neben ihm seine etwas ängstliche Ehefrau.

Daneben pumpt sich schon die latent aggressiv Tochter auf. “ Ich arbeite ja auch im Krankenhaus, ichkennmichaus“ (wahrscheinlich putzt sie im Labor…).

Ich frage mich, wieso die 45 jährige so viel Tagesfreizeit hat seit drei Tagen vormittags im Krankenhaus hocken.

In der Hand der Tochter mehrere eng beschriebene Zettel, sorgfältig in einer Plastikhülle. Ich ahne  Schlimmes.

Und richtig, es kommt die ganz grosse Nummer:

Sämtliche Symptome, die der Vater seit 10 Jahren hat, angefangen vom Schwindel beim Aufstehen, Nackenschmerzen, zitternden Knien, Verstopfung, Durchfall, komischer Haut, zittrigen Händen und Gedächtnisstörungen sind hier penibel aufgeführt.

Und jetzt *Trommelwirbelundtusch*: Die von der Tochter gegoogelte  Diagnose lautet nicht, wie wir vermuten, auf Säuferdemenz sondern: Testosteronmangel!

Absoluter Dummfug denke ich, Testosteronmangel macht keine Demenz.  Aber es steht mir wohl auch auf der Stirn geschrieben, denn da legt die Google Tochter auch schon los: „Schulmediziner, alle keine Ahnung. Wir  laufen von Arzt zu Arzt und keiner nimmt uns Ernst…

Die Google Tochter rückt mir immer mehr auf die Pelle. Ich versuche auszuweichen.  Keine Chance, hinter mir ist der Schrank.

Ich versuche zu flüchten. Es klappt nicht. Ich ergebe mich  in den nächsten Wortschwall von  Wikipediahalbwissen, der beginnt mit  den Worten:  „Und auf Vitamin H haben Sie wohl auch nicht getestet…“

Ich schließe die Augen. Verfluche Larry Page. Versuche mich in ein angehörigenfreies Paralleluniversum zu beamen.  Es gelingt nicht. 😉

Mittwoch

Sechs Uhr morgens, Nieselregen, es ist dunkel, ich bin müde, habe Muskelkater vom Badminton. Auf der A3 meint  ein kleiner beschissener KIA ohne Blinker rüberzuziehen und einige Kilometer vor mir her zu schleichen. Dankeschönauch.  In der Tiefgarage trödelt ein riesiger schwarzer Mercedes vor mir und überlegt stuuuundenlang, in welche Parklücke er jetzt nun reinfahren kann. Machhin.

Draußen steht ein NAW mit flackerndem Blaulicht und wartet auf den Anästhesisten. Baulärm. Der Kranausleger schwankt im Wind.  Ich höre das hektische Piepsen der Intensivmonitore. Krankenhaus schläft nie.

In der Frühbesprechung warten zwei blasse, übernächtigte Assistenzärzte. Gott sei Dank nicht viele Aufnahmen, keine ausgelagerten Patienten. Eine Patientin ist erwartungsgemäß (wie es im Arztjargon heißt) gestorben.   Ein Rudel Unfallchirurgen lärmt mir auf der Treppe entgegen. Vor mir auf dem Flur meckert  ein Mann mit einem Pflaster am Ohr über das „verbaute“ Krankenhaus. Nebenan schimpft meine Sekretärin mit dem Schreibdienst. Ich brauche Kaffee. Dringend.

Mein Schreibtisch sieht gut aus, fast alle Akten weggearbeitet. Es klopft. Die freundliche  Blonde vom Controlling legt mir einen neuen meterhohen  Stapel Akten auf den Tisch und ignoriert meine wütenden Blicke.

Mittwoch. Mitte der Woche. Eigentlich schon fast Wochenende.   Aber da muß ich arbeiten. Krankenhaus schläft nie. 😉