Rechts Links

Typischer Samstagnachtdienst:

Drei Uhr (schlimmste  Zeit um aufzustehen)

Mike (symptomatischer Name) F., 21 Jahre, hackenstramm. Eine Red Bull Whiskey Fahne, die man schon an der Ambulanztür riecht. Mike hat sich geprügelt wie fast jeden Samstagabend. Weil ihn jemand in der Disko „irgendwie komisch“ angeguckt hat.

Mike kommt dann immer direkt zum Durchchecken. Er könnte sich ja was gebrochen haben. Und das Krankenhaus hat ja immer auf und freut sich nachts auf  Kunden. Kennt man ja. Und 10 Euro muß er ja auch nicht mehr zahlen, obwohl das mußte er nie.

Im PACS Verzeichnis  stehen mindestens schon 40 Röntgenaufnahmen innerhalb von zwei Jahren  von Mike.  Röntgen  Hand rechts, links, Nasenbein in zwei Ebenen,  Röntgen Schädel in zwei Ebenen, Daumen rechts und links in  zwei Ebenen, Schulter rechts links.

Beim letzten nächtlichen Mike Besuch hatte sogar der Chirurg  Prinz Valium die Nase gestrichen voll. Er rannte in den Behandlungsraum. Kurzes Palaver. Nach zwei Minuten erschien ein blaßer Mike und verschwand wort-,und grußlos.

„Wie hast du das hingekriegt?“

Prinz Valium lächelt stolz (ein lichter Moment ist ja sonst eher selten bei ihm):Ganz einfach.Ich habe gesagt, wenn wir ihn weiter so oft röntgen, wird er impotent oder kriegt Strahlenkrebs. Oder beides!“

Respekt Herr Kollege. Könnte von mir kommen.

 

Trotzdem

Der Stellenwechsel klopft an und reißt die Tür auf. Einladungen  zum Abschied sind verschickt. Ich habe mein Büro ausgeräumt. Die Zeit rennt schneller als Usain Bolt davon.

Die Wände sind jetzt erschreckend  kahl und wirken surreal fremd.  Zwei Nägel sind noch drin. Habe ich vor sechs Jahren selbst reingeschlagen, obwohl es ja verboten ist.  Scheiß auf QM. Hammer habe ich von zu Hause mitgebracht. Meine Schränke sind leer. Nur der Kalender mit den Hundebildern, den D. mir zu Weihnachten geschenkt hat  und  die rote Kaffeemaschine sind noch da. Meine Sachen  habe ich in zwei kleinen Kartons verstaut. Wieso habe ich eigentlich immer so viele Schuhe im Büro? Drei Paar Winterstiefel und zwei Paar Sneakers. Unglaublich. Ein paar alte Kittel werfe ich weg.  Wo kommen die vielen Badmintonbälle her? Meine struppige Palme habe ich mit nach Hause genommen. Obwohl die bestimmt MRSA verseucht ist. Pflanzen und MRSA? Geht das? Muß ich mal nachlesen.

Ich bin gut im Wegwerfen. Und auch in Abschieden trainiert. Aber dieser Abschied ist endlos.

Ich mache viele Dinge bewußt zum letzten Mal. Und es zerreisst mir ein bißchen das Herz. Und macht einen dicken Kloß im Hals. Und ein Bloßjetztnichtheulengefühl.

Zum letzten Mal nach dem Dienst bei Müllers mit dem miesen Service frühstücken, zum letzen Mal an den Auesee, zum letzten Mal auf den Markt, zum Rhein, Richtung Holland, zum letzten Mal in die Weinzeit, zum letzten Mal direkt nach Arbeit bei B. auf der Terrasse selbstgemachten eiskalten Erdbeer prosecco trinken.

Freunde, die seit zwanzig Jahren auf der gleichen Stelle hocken, muntern mich auf:  “ Sei doch froh, endlich mal was Neues!“

Oder auch: „Auf zu neuen Ufern. „

Trotzdem.

 

 

 

 

Zwei Uhr vierzig

Heute in der Übergabe. Ein übermüdeter rotäugiger Assistenzarzt berichtet von den nächtlichen Aufnahmen.  Drei  DIN-A4 Seiten vollgeschrieben, 18 Aufnahmen.

Um zwei Uhr vierzig: 85 jährige marcumarisierte Patientin, lebt alleine zu Hause. Hat sich vor 10 Tagen am Unterschenkel gestossen. Seitdem ein Hämatom (sprich ein simpler blauer Fleck) dort. Hat Quarkwickel  gemacht. Das Hämatom ist noch nicht wegegangen. Hat sich gestern Abend Sorgen gemacht und mit einer Nachbarin gesprochen. Diese blöde fürsorgliche Kuh Dame hat empfohlen sofort zum Krankenhaus zu fahren. Aber der blaue Fleck mußte noch Sachen packen. Nachdem sie den Inhalt eines Kleiderschrankes in zwei Taschen verstaut und die Katze versorgt hatte, rief sie den  RTW.  Ankunft im Krankenhaus 2 Uhr vierzig. Nachts.

Eine eiserne Regel für diensthabende Ärzte lautet: Falls jemand mit gepackten Taschen kommt, aufnehmen! Wehr Dich nicht. Du kriegst sie nicht los. Und wenn es Dir mühsam gelungen ist,  dann kommen sie wieder.

Falls Du Pech hast,  mit Rechtsanwalt, wutschnaubenden Angehörigen und Bild Zeitung im Schlepptau.

Falls Du Glück hast, alleine um 2 Uhr vierzig.

Im Stillen

Geriatrie ist ein hartes Brot.

Visite bei Frau D.  Das P  für Privat leuchtet aus ihren fünf Ringen, die an ihren Fingern stecken.

Ich komme zur Visite, sage: „Guten Morgen!“

Frau D.  begrüßt mich mit: „So ein Sauladen!“  Sowas höre ich gerne am frühen Morgen.

Und dann ergießt sich ein Sermon aus mäkeliger Unzufriedenheit über mich. Zimmer zu klein, Fernseher zu klein, alles zu alt, zu was auch immer, unfreundliches Personal, Essen schmeckt nicht.

Ich drehe  mich um und gehe raus. Und wünsche mir im Stillen, dass Frau D. Erfahrungen mit einem kongolesischen Krankenhaus macht.

Weiter geht es auf der nächsten Station.

Noch eine Privatpatientin, eine von den oberen 10.000 hier. Alte Dynastie am Rhein. Man sollte ihren Namen kennen. Mir sagt er nichts. Wohne hier nicht.

Gleiches Spiel.

Ich grüße.

Frau St. sitzt in ihrem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen. Trinkt Kaffee.

Als sie mich und  die Pflege sieht, springt sie aus ihrem Stuhl auf. Und zieht ihren beigen Rock hoch. Ich erblinde kurz. Darunter trägt sie noch nicht mal Chanel Nr. 5.

Sie keift: „Gucken Sie sich das an!!!“

Nein, danke nicht noch mal.

„Ich bekomme keine Unterwäsche hier! Unverschämtheit!!“

Meine liebe Frau St. Wir haben für obdachlose Patienten eine Grundausstattung, wohlgemerkt für Obdachlose. Sie hingegen haben eine Familie, die ihnen jeden Tag frische Wäsche bringen kann.

Ich wünsche mir im Stillen, dass Frau St. Erfahrungen in einem somalischem Krankenhaus macht.

Im Stationszimmer angekommen, erzählt mir die Pflege, dass Herr Sch. nachts gestürzt ist. Er ist ohne Pantoffeln aufgestanden, hat nicht geschellt und dann gefallen. Er hat ein dickes Monokelhämatom und sieht aus, als hätte er gegen Klitschko gekämpft und gewonnen. Die Enkelin, eine  dummdreiste Person mit Rockerstiefel, war heute morgen zu Besuch und hat  ihn mit ihrem Smartphone fotografiert. Sie wolle sich bei der Geschäftsführung beschweren.

Ich wünsche mir im Stillen, dass Ihr bald alle von Pflegerobotern und Ärzten versorgt werdet. Ach nein, das sage ich lieber nicht.

Übergabe

Übergabe ist eine kurze (leider manchmal auch längere) Besprechung, in der wir uns über Patienten  austauschen. Was ist nachts passiert? Wer ist aufgenommen worden? Wer ist verstorben? Haben die Chirurgen  uns mal wieder geärgert? Oder wir die?

Wir versammeln uns  mit sechs Diensthabenden in einem kleinem Arbeitsraum auf der Aufnahmestation. Ich stehe.  Immer. Angelehnt an eine Arbeitsplatte (ich muß aufpassen, manchmal stehen frische Urinproben dahinter…) Sobald man sich setzt, dauert die Besprechung noch länger. Finde ich.

Übergaben sind für die Assistenzärzte ein zweischneidiges Schwert. Wenn man übelgelaunte Oberärzte (wie mich) dabei hat, die auf jeden Fehler lauern oder einen Scheiß Laborwert wissen wollen, an den man natürlich nicht gedacht hat: Kein Spaß!

Übergabe Start:

Dr. K: „Ich habe einen 18 jährigen Jungen aufgenommen, der im Schwimmbad fast ertrunken wäre.  Die haben einen Tauchwettbewerb gemacht und er ist nicht mehr hochgekommen.“

Oberarzt Dr. vonundzuhundertzwanzig Prozent: “ Wie lange war er unter Wasser?“

Dr.K (leicht schwitzend): „Geschätzt eine Minute.“  

Oberarzt: „Kardiopulmonale Reanimation?“ (Ärzte sprechen selten in ganzen Sätzen)

Dr. K. : „Laienreanimation 3 Minuten, Beim Eintreffen des NAW leicht somnolent, ansprechbar. Neurostatus regelrecht.“

Oberarzt: „Gekühlt?“

Dr.K.:  „Ja. Prophylaktisch.“

Oberarzt: „CCT Befund?“

Dr. K.: “ Kein Ödem, keine Ischämie (Dr. K. wähnt sich in Sicherheit, gleich hat er Feierabend, bis jetzt ist es gut gelaufen)

Oberarzt: „Wer hat ihn rausgeholt?“

Dr. K. (überlegt kurz, ob er seinen Telefonjoker anrufen soll):  „Der Bademeister!“

Oberarzt: “ Wie heißt der Bademeister?“

Totenstille. Allgemeine Fassungslosigkeit. Sechs Ärzte gucken  jetzt ungläubig auf den Oberarzt.

Der errötet seinerseits, räuspert sich verlegen: „Ähhm, ´Tschuldigung. Weil, ich gehe da immer schwimmen. Dreimal die Woche. Ich wohne da gleich in der Nähe.“

Übergabe Ende.

 

 

 

 

Memo

Sonntag. Es regnet. Ich habe Dienst. Ich habe keine Lust. Memo: Im nächsten Leben einen Bürojob.

Früh aufstehen. Ich habe zugenommen. Memo: nicht mehr am Wochenende wiegen.Die A 40 ist endlich mal frei. Ich bin ja schon mit kleinen Dingen zufrieden.

Ich grummel mich über die Stationen. Eine dauergewellte Privatpatientin redet mich zu, das Zimmer ist unerträglich warm und nicht gelüftet. Mir ist warm. Ihr nicht. Zugedeckt bis zur Nasenspitze. Sie redetundredetundredet. Endlose Gespräche über ihre kaum sichtbaren Knöchelödeme. Sie verabschiedet mich mit: „Endlich hört jemand zu.“ Memo: Nicht zu freundlich sein am Wochenende.

Kein Kaffee mehr da, ich versuche mich an Senseo. Memo: nächstes Mal Tee.

Ich laufe über die letzte Station. Mir kommt eine Patientin mit ihrem Rollator entgegen. Wir kennen uns, sie ist jetzt schon das siebte Mal hier stationär. Sie stoppt mich. Aaargh, denke ich. Nicht noch ein Endlos Gespräch. Zu spät.

„Frau Doktor! Ich muss Ihnen mal was sagen. Sie haben abgenommen!! Hab ich schon gestern zu meiner Tochter gesagt!!

Memo: Arbeiten am Wochenende kann auch Spaß machen.

 

 

 

 

 

 

Volksgarten

Gestern nachmittag im Volksgarten. Wir sitzen in der Sonne, trinken was Leckeres. Auf den Nebentisch  steuert ein älterer Herr im blauen Anzug mit Rollator zu. Hinter ihm seine silberlockige Ehefrau. Goldene Halskette, korallenroter Blazer, rosafarbener Lippenstift. Ich gucke auf meine ausgewaschene Jeans und schäme mich. Ein bißchen.

Er parkt mühsam ein und läßt sich in den Stuhl fallen.  Seine Frau hat mittlerweile am Nebentisch eine Bekannte entdeckt. Diese ist ebenfalls  rollatorbestückt. Vorne im Korb liegen vier Flaschen König Pilsener. Ich überlege kurz, ob man Punkte bekommt, wenn man betrunken Rollator fährt.

Mittlerweile entwickelt  sich nebenan ein lebhaftes Krayer Gepräch:

Köpi: „Was hat er denn?“ (gemeint ist der Ehemann, der sich in 50 cm Entfernung befindet)

Korallenblazer: “ Fast schon Parkinson“

Köpi (typisch ruhrgebietssensibel): „Schlimm. Kann er denn noch denken?“ (ich zucke zusammen).

Blazer: „Ja, geht noch.“

Köpi: „Hauptsache!

Blazer: „Ja, jeden Tag drehen wir eine Runde im Volksgarten. Gut für die Muskeln.“

Köpi, nickt zustimmend: „Ich hab auch mit die Knochen (ja, sie hat „die“ gesagt). Kenn ich. Ja, wenn man einmal zum Liegen kommt, ist aus.“

Genau.  Geriatrische Weisheiten im Volksgarten. Ich mag es.

 

 

 

Arztbrief

Typische Medizinerfloskeln, über die  man in jedem Arztbrief stolpert.

-…unseres Erachtens nach unzureichende häusliche Versorgung… – wir haben uns den Mund fusselig geredet, aber die demente 90jährige Dame geht wieder nach Hause und läßt den Herd an, weil der Sohn aus Hamburg/Düsseldorf/Stuttgart es so will.

…auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat verließ der Patient das Krankenhaus – Sehen Sie doch zu,  wie Sie mit  Ihren Zuckerwerten von 400 mg/dl  zurecht kommen. Wir sind nicht Schuld, wenn Sie  ins hyperglykämische Koma fallen. Hastdunudavon!

…wie bereits in den zahlreichen Voraufenthalten kam Herr M. mit rezidivierenden hypertensiven nächtlichen Krisen bei medikamentöser Incompliance – Wir können ihn nicht mehr sehen. Immer müssen wir nachts aufstehen und seinen Bluthochdruck behandeln, weil er seine Tabletten nicht nimmt. Gnarr, gnarr.

…entließen wir ihn in stabilen Allgemeinzustand auf niedrigem Niveau… – gerade noch mal hingekriegt.

… Wir danken für die prompte Übernahme… – Bleibt Euch Chirurgen ja gar nichts anderes übrig, als den Ileus zu operieren. Von wegen“ nur Verstopfung“.

-…wies der Patient  Orientierungsstörungen auf… Hat sich nachts zu Frau M. von Zimmer 8 ins Bett gelegt und sie zu Tode erschreckt.

-…wies der Patient deutliche Orientierungsstörung auf… Hat nachts in  den Papierkorb von Zimmer 8  gepinkelt.

-…unter ambulant begonnener Neuroleptikamedikation kam der Patient erneut deutlich vigilanzgemindert zur Aufnahme…Bitte HerroderFrau Hausarzt lass doch mal das Risperdal weg. Er schläft dann nur noch. Haben wir dir schon so oft gesagt. Echt jetzt.

-… schwere Alkoholintoxikation und verließ die Station am nächsten Tag ausgenüchtert ohne Rücksprache…Hat uns die ganze Nacht auf Trab gehalten, Pfleger Kai über den Kittel gekotzt und die Krankenkasse hat es bezahlt.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Bära

 

Gewisse Dinge

Es gibt gewisse Dinge, die ich nicht am Montag morgen sehen, hören,  machen möchte, bevor ich Kaffee getrunken habe.

Kaum im Büro höre ich nebenan die hektische Stimme einer Verwaltungs“fachangestellen“. „Totenschein…, nicht richtig ausgefüllt…., diensthabende Ärztin schon weg….Bestatter steht  da…, wer macht es jetzt??? „ Wer wohl? Ich ergebe mich in mein Schicksal morgens um 07.30 Uhr einen Totenschein auszufüllen. Bringtbestimmt Unglück. Echt jetzt.

Weiter geht es auf der Frühbesprechung. Schwester Katja erzählt von Herrn M.

Herr M. hat eine Hirnblutung und nebenbefundlich (so ein typischer medizinischer Ausdruck) eine leere Augenhöhle nach Tumoroperation. Ein wirklich netter Mann, aber wenn ich mit ihm spreche, gucke ich schluckend  in eine leere Augenhöhle, weil dort keine Prothese hält. Katja, die schon Kaffee getrunken hat, erzählt ausführlich mit grinsendem Blick in unsere blassen Gesichter, wie sie die Augenhöhle saubergemacht und eine grüne Tamponade rausgezogen hat.

Mir wird flau, der muskelbepackte Physiotherapeut  kotzt fast und hält sich dann entschlossen die Ohren zu. Ich muß dadurch. Echt jetzt.

Weiter geht es auf der Visite. Eine ältere Dame hilflos in der Wohnung aufgefunden. Der Sanitäter hat sich übergeben müssen, als er die Wohnung gesehen hat. Das Pflegepersonal hat die Patientin schon dreimal geduscht und man riecht sie immer noch vom Flur aus.

Endlich Pause. In der Cafeteria. Der Kaffeeautomat ist kaputt. Worst case in einem Medizineralltag. An der Kasse vor mir steht ein Patient mit blutgefüllten Redons, hinter mir einer im Bademantel und Urinbeutel.

Ich fliehe in mein Büro und esse dort.

Der Controller kommt rein, legt mir einen gefühlten Meter Akten auf meinen erst am Freitag komplett geleerten Schreibtisch und verschwindet mit einem „Schönen Tag noch!“ grinsend in den Feierabend. Wie gesagt, es gibt gewisse Dinge….