Patientensprüche

Gestern haben wir eine Liste gemacht mit den häufigsten Patientensprüchen.

1. „Haben Sie mich vergessen???“ (Nein, aber die Reanimation ging nicht schneller..)
2. „Ich bin privat und will jetzt sofort den Professor sprechen.“ (Professor gibts koanen….)
3. „Bis gestern konnte mein Vater noch laufen.“ (der Pat. ist eine einzige Kontraktur…)
4. „Ich bin schließlich auch ein Notfall.“ (Sie haben sich den Fuß verstaucht, der Patient vor Ihnen hat einen Puls von 190…)
5. „Krieg ich jetzt was zu essen??“ (Patient mit akutem Bauch und Kotzerei)
6. „Jetzt warte ich schon 3 Stunden!“ (nach spätestens einer halben Stunde)
7.Das geht schon seit vier Wochen so, aber heute Nacht ist es besonders schlimm....“.(Nachts um halb drei in der Notaufnahme, aarrrghhh)
8.“ Mein Kind hat Fieber….nein, gemessen haben wir noch nicht….“
9.  „Aber noch ein bißchen Blut drinlassen….. „(bei Blutabnahmen, kannesnichtmehrhören)
10. „Wissen Sie, der Bruder meines Schwagers dessen Freund die Tochter studiert Medizin….ich kenn mich da aus!“
11. „Aber der ist  doch viel später gekommen. Warum kommt der jetzt vor mir dran?? „(Antwort: Sie haben einen Pickel im Nacken und ihr Nachbar erbricht gerade Blut)
12. „ Hier wird ja nichts gemacht“ (nein, nur EKG, Röntgen, Labor, Magenspiegelung, Ultraschall innerhalb von zwei Tagen ).

Natürlich

Es gibt ja so Tage, da läuft alles schief. Die Milch für das Müsli ist sauer. Ihhhhh. Das Tor von der Tiefgarage geht natürlich nicht hoch, ich suche mir einen neuen Parkplatz in der Innenstadt und bekomme natürlich ein Knöllchen.

Eine Kollegin ist krank, die Arbeit muß natürlich übernommen werden.

Ich komme auf ein Patientenzimmer zur Visite. Natürlich steht da ein Angehöriger, der mich wild gestikulierend sofort mit den Worten begrüßt:

“ Wenn hier etwas mit meiner Frau schief läuft, dann gehe ich zur Rheinischen Post.“

„Ooohh“, denke ich, “ zur Rheinischen Post“.

Das ist ja schon eine Steigerung.

Normalerweise wird  man immer erst mit der BILD bedroht.

Und natürlich kommt noch ein Nachschlag:

„Und mein Schwager ist Rechtsanwalt. DamitSiesnurwissen!“
Wenigstens bekomme ich diesmal keine Visitenkarte des Schwagers überreicht…

Natürlich fahre ich noch im Mai mit Winterreifen durch die Gegend und habe ein klitzekleines schlechtes Gewissen.

Ich mache abends meine Steuern (natürlich wieder auf den letzten Pfiff).
Natürlich funktioniert dieser ELSTER Driss nicht bei der Datenübermittlung und ich bekomme Stehhaare. Natürlich habe ich wieder keinen passenden Briefumschlag und weiß mal wieder nicht wieviel Porto drauf kommt.
Und natürlich habe ich nach meiner Party mit den vielen leckeren Cocktails ein Kilo zugenommen.

Aber natürlich wird am Ende alles gut. Ich gucke in die Sonne und rieche an meiner Pfefferminze, die den Winter überlebt hat,freue mich auf meine Sonnenblumen, die langsam wachsen, irgendwie wird es immer alles gut. Das ist die Natur.

Herr W.

In meinem Beruf habe ich schon viele Menschen sterben sehen. Junge Menschen, alte Menschen,  tumorkrank, lungenkrank, nierenkrank, seelisch krank.  Und obwohl ich schon so lange dabei bin, macht es mich immer wieder fassungslos, wenn ich beim Sterben zusehen muß.

Bei Herrn W., 89 Jahre alt, der genau so dichte silbergraue Haare hatte wie mein Opa, habe ich heute Visite gemacht.  Wir haben uns noch über sein hartes Leben unterhalten. Viel körperliche Arbeit, ein Weltkrieg, er hatte Hände, die verschlissen waren vom Bergbau. Er war schwer herz-und lungenkrank. Als ich das Zimmer verlassen wollte, fragte er mich noch : „Frau Doktor, meinen Sie ob ich hier auf meinen Beinen oder im Sarg rauskomme?“.

Heute Nachmittag wurde ich angefunkt, es ginge ihm nicht gut. Wenn das eine Krankenschwester sagt, sollte man zügig kommen.

Herr W. saß nach Luft schnappend am Tisch, schon fahlgrau im Gesicht, um Mund und Nase ein weißes Dreieck.

Ich habe dann noch Sauerstoff gegeben, schnell herzentlastende Medikamente gespritzt. Aber es war mir klar, das Herr W. jetzt sterben wird. Und das ich nichts mehr machen kann. Und das ich dabei sein werde.

Ich habe dann die Hand auf seine dichten silbergrauen Haare gelegt. Herr W. ist dann innerhalb von einer Minute gestorben.

Ja, ich weiß das Leben ist endlich, aber es macht mich trotz aller Routine immer wieder fassungslos.

02327

Heute wendete ein riesiger LKW vor mir auf der Krayer Straße. Bei dem lahmarschigen  zeitraubenden  Rangieren konnte ich mir in aller Ruhe die LKW Plane durchlesen. Darauf gedruckt eine Telefonnummer mit der Vorwahl 02327 (steht für Bochum Wattenscheid, kurz auch Wattsche genannt).

Sofort hatte ich meinen ersten Tag im ML Krankenhaus vor Augen. Dort habe ich mein psychiatrisches Jahr absolviert. Es ist eine eher „weiche“ Psychiatrie. Wir mußten damals keine Arztkittel tragen. Praktisch,  weil ich ich nicht waschen und bügeln musste, schlecht wegen Kotze  entzügiger Patienten auf meinen Hosen.

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich auch  noch kein Namensschild. Als Anfänger sollte  ich auf der geschützten Station anfangen.

In Jeans und T-Shirt dort angekommen sprach mich sofort ein Patient an: „Bist Du  neu hier?“

Ich : „Ja.“

Patient: „Auf welchem Zimmer liegst Du ?“

Ich:  „Auf dem Arztzimmer.“

Der Patient guckte erst verschreckt, überlegte, grinste und dann mussten wir beide laut lachen.

Guter Start in 02327!

Motzkis

Momentan ist wieder die Phase der motzenden Angehörigen, kurz auch Motzkis genannt.
Heute auf der Visite wurde ich von einer Tochter angefunkt, Zahnärztin (also nur Ahnung von Zähnen und vonsonstnix)
Die Mutter, nebenbei sehr nett, war mit einer unkomplizierten Herzrhythmusstörung am Morgen eingeliefert worden.
Tochter: „Meine Mutter liegt auf auf Zimmer Zwei. Was hat Sie? “ (Wie wäre es mal mit Guten Morgen oder so??):
Ich: „Wie heißt ihre Mutter?“ (ist ja nicht so, dass wir nur ein Zimmer zwei haben).
Tochter: „Wie sind die Laborwerte?“
Ich erkläre ihr jeden einzelnen Laborwert.

Tochter: „Und das EKG?“
Ich: Sie hat eine Absoluta, die ist aber bekannt.“
Tochter: „Ich will, dass ein kardiologisches Konsil gemacht wird.“
Ich (merke, das ich rote Flecken am Hals bekomme, wer das bei mir sieht, sollte ganz schnell weglaufen): „Ob ein Konsil gemacht wird, bestimme ich.“
Tochter: „Sie geben mir ja keine Auskunft.“
Ich: „Nein, ich habe ihnen nur 10 Minuten lang die Befunde ihrer Mutter erklärt. Nebenbei muß ich nicht mit Ihnen am Telefon reden, das ist eine reine Nettigkeit von mir. „(Schweigepflicht, weissu)
Tochter: Wie ist der Vitamin D Spiegel?
Ich (Du blöde Schnepfe, deine Mutter ist gerade mal drei Stunden hier, hat Labor, EKG, Röntgen und Echo bekommen…und Du willst den *piiiiep*Vitamin D Spiegel wissen)
Ich: „Haben wir nicht bestimmt.“
Sie:  „Aber das ist so wichtig.“

Ich: %&/%(%/$!!!! (KümmerDichumDeinen ZahnsteinundDeine HaareaufdenZähnenundlass michmeineArbeit machen).

Meine Sekretärin hat mir dann notfallmäßig  eine Rosinenschnecke gebracht, als sie meine hektischen Flecken gesehen hat. ;-).

 Bild WDR, Ekel Alfred aus „Ein Herz und eine Seele.“ Thx.

Demut

Demut heißt , dass ich  Einsicht  in die Notwendigkeit und Hinnehmen von Gegebenheiten habe.

Demut heißt aber auch für mich, mein tolles Leben nicht als  selbstverständlich hinzunehmen.

Demütig werde ich wenn:

– ich einen  40jährigen krebskranken Familienvater sehe, der seine kommende Beerdigung mit seiner weinenden Ehefrau bespricht.  Auf dem Nachttisch ein Bild, dass seine kleine Tochter gemalt hat.

– ich am Krankenbett einer 60jährigen Krebspatienten stehe, die plötzlich einen schweren Schlaganfall bekommen hat und dadurch blind geworden ist. Morgen wird sie tot sein.

– ich auf der A3 an einem schweren Verkehrsunfall vorbeifahre, den der Fahrer nicht überlebt hat.

– ich sehe, dass Brustkrebspatientinnen immer jünger werden.

– ich Hirntoddiagnostik bei einer Patientin mache, die zwei Jahre jünger ist als ich.  Die Familie sitzt währenddessen auf dem Flur und weint.

Kitteltaschen

Arztkitteltaschen sind wichtig, quasi unser Rucksack während der Arbeit. Es gilt die Regel: Je unerfahrener der Arzt, desto schwerer und bepackter der Kittel!

Heute beim Aussortieren fand ich:

Meinen Funk, meinen Reflexhammer, mein rotes Stethoskop, Kleingeld, einige Bonbonpapierchen, zerknitterte Durchschläge von meinen Konsilen (gib mir ein Stück Papier und es sieht nach einer Minute aus wie frisch aus dem Papierkorb), vier Kugelschreiber (einer davon funktioniert) und ein Pfund verbogene Büroklammern. Die Büroklammern verbiege ich immer bei nervigen Telefonaten. Gewicht des Kittels mit Inhalt: 500 Gramm

Als Assistenzarzt hatte ich wesentlich mehr:  mindestens zwei Klinikleitfäden (einer für  Notfallmedizin, einer für  Neurologie), eine Medicheckliste, zwei Funker (Intensiv und Normal), ein Stethoskop, der Reflexhammer, einen Stauschlauch, fünf funktionierende Kugelschreiber, drei Stationsbelegungspläne, ein Päckchen Kaugummi (Stimorol Lakritz), eine Liste mit wichtigen Telefonummern (Ordnungsamt, Pizzataxi und so), ein Labello. Gewicht des Kittels mit Inhalt: 5 Kilo

In der Psychiatrie gab es keine Kittel.  Es war besonders angenehm, wenn ein alkoholentzügiger Patient einem über die neue Jeans kotzte.

Als Chefarzt wird mein Kittel nur noch 200 Gramm wiegen: nur noch ein silbernder Kuli, der Porscheschlüssel und sonst nix! 😉

   Bild von Kittelbaera, thx!

Schrottwichteln

Heute bin ich auf einer meiner drei Weihnachtsfeiern. Und das ohne Alkolhol, weilichjafahrenmuss *grummel*. Das heißt, ich kann keine kleinen Ferkelein wie Sekt mit Eierlikör oder Baccardi razz trinken *seufz*. Jaja, aber ich kann ja auch ohne Alkohol Spaß haben, aber nicht wenn ich zum Schrottwichteln gezwungen werde.

Schrottwichteln, in Skandinavien auch „Julmüllklapp“ genannt, verlangt nach fiesen Sachen, die keiner braucht oder mag oder beides. Eierkocher, Wagenheber, Landkarten…

Ich habe heute in aller Eile mein Geschenk zu Hause vergessen.

Daher musste ich mir schnell im Krankenhaus was besorgen. Meine Wahl fiel zuerst auf die grüne Strickjacke von Schwester Jasmin, die sie leider zu Hause hatte. Daher habe ich mich für eine wirklich entsetzliche Vase entschieden, die im Fundus stand. Dran noch ein Baldriansäckchen gehangen und mein Ruf als beliebte Kollegin war endgültig den Bach runter!

Aber ich war ja nicht die Schlimmste! Nein, nein, andere haben Katzenfutter oder ein Stück Rasen verschenkt (obwohl wenn es Schalker Rasen wäre, dann hätte ich es sooo gerne gehabt ;-).

Bild von Steffi_Franco , danke schön!

Untergeschoss

Aus mal wieder gegebenem Anlaß: Was ist daran so schwierig, richtig Fahrstuhl zu fahren?   Das kann dochallesnichtwahrsein!

Heute: In den Aufzug stieg eine 50jährige Frau mit brauner, herausgewachsener Dauerwelle, muffiger Wolljacke und ohne Deo:  Geht es hier in den ersten Stock?“

Ja, klar, selten dämliche Frage, wohin auch sonst? Dafür sind Fahrstühle gemacht!

Dann drückte sie erstmal auf U,U wie Untergeschoss!!!!!!!! Mit dem Ergebnis, das dieser Fahrstuhl erstmal nach unten fuhr. Daraufhin wollte die müffelnde Wolljacke aussteigen.

Ein wie ich leidender Mitfahrer meinte: „Hier ist der Keller, Sie wollten doch auf die Erste?!“

Gut, das Mufflon Madame parkte im Schneckentempo wieder ein.

Dann waren wir endlich im ersten Stock.

Diese selten dämliche Ziege Madame stand im Weg rum und machte keine Anstalten auszusteigen.

Mein Mitleider: Hier ist die Erste, sie wollten doch raus?“

Das Mufflon:Ahh, ja, stimmt.“

Ich hätte nix gesagt und sie einmal quer durch Krankenhaus fahren lassen. AAArrggghhhhh! Jetzt wißt Ihr auch, wieso ich einen shining Avatar habe!

  Bild von juampatronics, thx!

Bitte und Danke

Heute im Krankenhaus. Ich hetzte über den Flur, schnell ein Konsil auf der Intensivstation machen. Und da passierte es mal wieder. Ein älterer Herr, der mir mit seinem Rollator fast vors Schienenbein lief, krächzte mir entgegen: “ Ehh Cafeteria???.“

Ich: „Nein, ich heiße nicht Cafeteria und bin  auch keine Cafeteria. Die ist in der  zweiten Etage!“ Aaarghh!

Auf Ein Wort Sätze reagiere ich nicht mehr. Was ist daran so schwierig in Subjekt, Prädikat und Objekt zu sprechen?? Und Bitte und Danke ist für viele ein Fremdwort, als hätten sie ihr gutes Benehmen an der Krankenhauspforte abgegeben!

Als ich nach Hause kam, parkte in meiner Einfahrt breit und bräsig der Mercedes meines Migrantenhintergrundnachbarn. Wieso eigentlich immer Mercedes? Hupen wirkte leider nicht.  Nachdem ich aber  ein paar Fotos von seinem Auto knipste, rannte er mit einem Bruder, Schwager, Neffe usw. aus dem Haus.    „Eehh, mussu nich´Polizei rufen!“ Immerhin schon mal eine persönliche Anrede und ein Adjektiv! Kann man sich ja schon glücklich schätzen!

Einen schönen ersten Advent!

Foto von Óscar Palmer, Danke ;-)!