Machmallauter – George Ezra – Budapest

Gitarre und britische Männerstimme. Mehr braucht es nicht.

Aber was singt er da im Refrain? Ich versteh´immer nur „Libido“. Aber es soll wohl

„But, for you, you. I’d lose it all.“ heißen.

Aber bei „Pata pata“ von Miriam Makeba habe ich auch immer „Grugabad“ verstanden. Herbert Grönemeyer habe ich verdächtigt im Refrain von  „Bochum“   „Allkauf“ zu singen und nicht „Glückauf“. 

Dear me! Those dialects…

Schritte

Vor meinem Büro ist ein  langer Flur mit wieheißtessoschön viel Durchgangsverkehr. Herden von Ärzten, Patienten, Besuchern ziehen über diesen Flur auf dem Weg zu den Stationen, Sekretariaten, Cafeteria.

Mittlerweile erkenne ich die Schritte von den meisten Kollegen :

Etwas schleifender dumpfer Schritt: mein alter Chef.

Herrischer, klackender kurzer Stiefelschritt: meine neue Chefin.

Stakkatoartiger Turnschuhschritt gefolgt von lautem Türenschlagen: meine Kollegin.

Eiliges Crocksgetrampel und Geschnatter: eine Horde Anästhesisten auf dem Weg zum OP.

Schneller Holzclogschritt: die nette große Gynäkologin.

Leiser,  schleichender Lederschuhschritt mit After shave, das in mein Zimmer zieht: die Verwaltung.

Langsamer, unregelmäßiger stoppender Schritt mit rollendem Infusionsständer: Der Chemopatient von den Gastroenterologen, den ich gestern gesehen habe, auf dem Weg zur Cafeteria.

Wie sich meine Schritte wohl anhören.

Anspruch

Heute auf Visite. Frau E., 87  Jahre alt. Nackenkissen unter dem graugelocktem Kopf, zweite Bettdecke über den Beinen. Privat. Vorwurfsvoller Blick. Mir ahnt nichts Gutes. Und richtig. Es geht sofort zur Sache.

Ich: „Wie geht es Ihnen?“

Frau E.: “ Ich habe mein kleines Fläschchen heute nicht gekriegt!“

Ich (gucke zu Schwester Katrin): „Was für ein Fläschchen? Antibiose?“

Frau E, unwillig: „Na, das Orangensaft Fläschchen! Das habe ich im letzten Jahr jeden Morgen bekommen!“

Katrin: „Die Küche schickt Ihnen das nicht mehr hoch, weil Sie Diabetes haben.

Frau E.:  Ja, aber ich habe Anspruch drauf! Ich bin privat. Ich will meinen Saft.“

Ich versuche Frau E. es nochmal und nochmal zu erklären. Krankenhaus kein Hotel, Pflege keine Kellner. Sinnlos.

Mir platzt der Arztkittelkragen.

Als wir rausgehen, wirft Frau E. uns noch hinterher:  „Ziehen Sie die Decke richtig über meine Beine.“

Waschbär mit Brille

Ich brauche dringend neue Klamotten. Da ich eine natürliche Scheu vor vollen Innenstädten und „Einkaufmoolz“ a la Centro habe: Nur online.

Bein Durchklicken der verschiedenen Kataloge überkommt mich eine leichte Übelkeit (es kann nicht an den  Medis liegen, ich habe doch einen Magenschutz).

Nein, es liegt an der unsäglichen „pfiffigen und frischen“ Frühjahrsmode.

Ich mustere ein weißes T-Shirt. Vorne ist Papagei mit einer Perlenkette drauf gedruckt. Dieses Shirt  wird noch von dem nächsten übertroffen. Dort grinst  mich ein Waschbär mit Brille an.  Gucke, ob ich nicht bei Kindermode gelandet bin. Nein, bin ich nicht.  Auf der nächsten Seite lächelt mich der „head of design“ an. Er ist  für die Konzeption des Kataloges zuständig. Wohl weder head noch Design. 

Ich klicke mich durch wilde LSD Muster, die mich an die Kaleidoskope erinnern, die ich als Kind hatte.  Weiter geht es mit dem großflorigen Lianen Dschungel Stil. Wenn ich das tragen würde, nehme jeder Elefant vor mir laut trompetend Reißaus.

Ich begucke misstrauisch eine Bluse, auf der sich vorne eine riesige Mohnblume befindet. Sieht angezogen wahrscheinlich aus, als hätte mich jemand in die Brust geschossen. Der Höhepunkt ist ein grünes Shirt mit einem alten braunen Schuh drauf, durch den echter Schnürsenkel gezogen ist.

Ich bekomme eine Gänsehaut.  Mustere mein rot-weiß gestreiftes T-Shirt und die blaue Jeans, die ich trage. Noch gut genug. Brauche nichts Neues.

Barbara Schulte

„Der Personalstreit im Klinikum Essen an der Hufelandstraße dauert an. Das Landgericht Essen erklärte jetzt die Kündigung der früheren kaufmännischen Direktorin Barbara Schulte im Mai 2013  für unwirksam. 160 000 Euro soll das Klinikum zahlen, was einem halben Jahresgehalt entspricht.“

Nur mal kurz zum Nachrechnen: Frau Schulte hatte ein Jahresgehalt von 320.000 Euro. In Worten: Dreihundertzwanzigtausend.

Mit welcher Begründung? Hat sie Menschenleben gerettet? Hat sie schwierige OP´s geleistet? Herzen oder Nieren transplantiert? Gehirne operiert? Menschen den Hintern abgewischt?  Kotze beseitigt? Menschen gepflegt? Menschen beim Sterben begleitet? Menschen reanimiert? Zwei Tage nicht geschlafen? 12 Tage am Stück gearbeitet? Ein Chefarzt der Thoraxchirurgie bekommt nicht ein Drittel von Frau Schultes Gehalt, geschweige denn das Pflegepersonal und die Assistenzärzte.

Die schamlosen Tintenpisser sind die Leader. Und ich weiß nicht wieso.

Verarscht

Von der EU und unseren Politikern wurde großspurig verkündet, dass die Privatisierung von Wasser vom Tisch sei. Fast zwei Millionen EU-Bürger haben in einer von den europäischen Gewerkschaften organisierten Bürgerinitiative mit ihren Unterschriften dafür gesorgt, dass diese EU-Pläne vorerst gestoppt wurden.

Dies ist gelogen. In der neuen Gesetzgebung der EU ist zwar enthalten, dass die Wasserversorgung nicht unter den Privatisierungszwang fällt. Enthalten ist jedoch ein zeitlicher Vorbehalt, dass diese Entscheidung in 5 Jahren überprüft wird!  Die Großkonzerne wie Nestle und Co. haben anscheinend gute Lobbyarbeit geleistet und wollen auf diesem Weg die Privatisierung in der Zukunft betreiben. Dann könnten Städte verpflichtet werden, Wasserwerke und Grundversorgungsunternehmen an Konzerne zu verkaufen. (Hamburg und Berlin sind Beispiele dafür, wobei Hamburg soeben das Stromnetz von Vattenfall zurückgekauft hat.)

Die Privatisierung von Wasser hat bisher nirgendwo zu einer besseren Wasserqualität geführt. Absehen vom Profit und ist der Preis und der Rendite der Unternehmen.
Dort wo schon privatisiert worden ist, sind z.B.die Versorgungsleitungen nicht gewartet werden. Dadurch steigen die Gesundheitsgefahren.

Ein guter Roman zu diesem Thema ist „Fremde Wasser“  von Schorlau.

Es geht nicht nur um Wasser, es geht um die gesamte Grundversorgung.

Geht mal wieder auf die Strasse, geht mal wieder demonstrieren!

Hier der link auf den Artikel von WDR5 und ein Interview mit Christa Hecht als Audiodatei,

http://www.wdr5.de/sendungen/neugiergenuegt/freiflaeche/wasserexpertin100.html

Via Ano, thx!

Echt jetzt

Ärzte als Patienten. Soll ja nichts Schlimmeres geben. Abgesehen von Lehrern.

Wenn ich könnte, würde ich mich selbst operieren. Echt jetzt. Am ersten Tag im Krankenhaus muss ich eine diagnostische Rundreise starten, EKG, Röntgen, NLG/EMG, CT. Als ich vor dem EKG warte, höre ich auf dem Flur eine bekannte Frauenstimme. Kann sie nicht sofort zuordnen. Als ich um die Ecke biege, stoße ich auf die dunkelhaarige penetrante Pharmareferentin, die mich immer auf der Arbeit nervt. Zu spät. Sie hat mich entdeckt. „Was machen Sie denn hier??“  Es gelingt mir sie abzuschütteln. Vor dem Röntgen stöbere ich in meinen Laborwerten. Alles gut. Obwohl, wieso habe ich so hohe Leukos? CRP ist aber okay. Doch eine Diszitis? Na ja. Cholesterin super. Wozu brauchen Unfallchirurgen eigentlich Cholesterin? Total uninteressant. Echt jetzt. Mein EKG gucke ich durch: Sinustachykardie, kein Wunder. Der junge Assistenzarzt versucht schwitzend mir eine Viggo zu legen. Er desinfiziert extra lange. Ich habe nur zwei gute Venen.  Aber er schafft es.  Er hängt eine Infusion an, ich frage was das ist. Er wird rot und sagt leise: Perfalgan.  Ich grinse, überlege, ob ich was sagen soll, lasse es dann aber. Perfalgan hilft bei starken Schmerzen so gut wie Mineralwasser. Echt jetzt.

Ich werde irgendwie vorsichtig behandelt. Seltsames Gefühl. Nur die Visite ist für alle gleich früh. Morgens um 6.30 Uhr. Nix mit ausschlafen. Alle Ärzte, die um mein Bett stehen, sind übermüdet und sind bei der letzten Visite um 19.30 Uhr immer noch müde. Arme Kollegen. Sie tun mir leid. Echt jetzt.  Beim Einschleusen in den OP grinst der tätowierte Pfleger: „Guten Morgen Doc, jetzt hüpf mal hier rüber.“  Endlich mal Normalität. Wir reden kurz über Schalke. Im OP bekomme ich Dormicum. Schönes LeckmichamArschGefühl. Der Chirurg erzählt mir, dass er aus „Versehen“ einer jungen hübschen Patientin seinen Namen bei facebook verraten hat. Er bekommt sie jetzt nicht mehr los. Selbst Schuld Herr Kollege, echt jetzt.

Zurück auf der Station vermeide ich alles was dem Pflegepersonal Arbeit machen könnte. Ich darf nur in Begleitung aufstehen, mache ich natürlich nicht. Lege mich dabei fast auf den Hintern weil mein Bein noch keine Kraft hat. Mache mein Bett alleine.  Trage mein Tablett raus. Bloß nicht nerven. Echt jetzt.

Habe Angst vor MRSA. Desinfiziere mir im Minutentakt die Hände. Gebe keinem die Hand. Benutze nur meine eigenen Handtücher. Mustere mißtrauisch meine Viggoeinstichstellen. Bei der Entlassung lese ich sofort meinen Brief, netterweise haben die ihn erst gar nicht zugeklebt.

Der Hausarzt sieht mich fragend an, was er jetzt machen soll. Steht alles in dem Brief, lies doch! Manchmal möchte ich einfach nur Patient sein und von nix Ahnung haben. Echt jetzt.