Süß oder salzig?!

Winterzeit, Fortbildungszeit.

Ein Kongress in München. Ich werde vor dem gate  von einer aggressiven schwarzhaarigen Promoterin von Barclay abgefangen, die mir eine Visa Karte aufschwatzen möchte. Ein Geschenk… Neee, is klar. Geh weg.

Beim Einchecken: Vierzig Euro für den Koffer. Acht Kilo, nicht drüber, sondern  alleiniges Gewicht… Acht Kilo. Noch bin ich gut gelaunt.

Die Maschine ist voll. Knie Sitz Abstand minus 1 cm. Und die blöde Kuh vor mir macht den Sitz nach hinten. Halloooo??!!  Flugzeit 1 Stunde, 10 Minuten. Bleib senkrecht sitzen!!   Vor mir ausrasierte Nacken, weiße Hemden, teure Uhren.  Neben mir liest einer die Welt im Großformat, bohrt mir seinen Ellenbogen in die Seite. Lies schneller!

Die Stewardessen bieten einen Snack an: Süß oder salzig? Chips oder Prinzenrolle? Will nichts. Der Seitenbohrer bestellt drei Getränke.  Und will süß und salzig. An solchen Menschen wird die Welt untergehen.

In MUC Nebel. Hotel neben der Messe und einer Großbaustelle. Die Bayern Arena glüht giftig rot. Scheiß Bayern. Salzig.

Der Taxifahrer ist cool. LED Beleuchtung im Taxi. Entspannt. Süß.

Auf dem Kongress lässt mir eine hochbehackte arrogante Uschi die Tür ins Gesicht fallen. Süß oder salzig?! Salzig.

Ein Sales Manager will mir seine Visitenkarte nicht geben. Weil ich im Ruhrgebiet arbeite. Da fährt er nicht hin. Hoffe, du versinkst im Salzsee. 

Beim Trinken aus einem Wasserglas entdecke ich eine große Scherbe im Glas. Süß oder salzig?! Salzig.

Ein Blödmann hat meine Kongresstasche geklaut. Süß oder salzig? Salzig!!!

Steak und Cocktail mit Wasabi Nüssen im Hotel. Süß! Aber sowas von.

Neben mir an der Bar: Arrogante Münchner, mit trainiertem Biceps und rosafarbenen Hemden, die sich über 300.000 Euro lustig machen. Salzig.

Auf dem Kongress wird ein weißhaariger imposanter Professor von seinen  Kollegen auseinander genommen. Sehr salzig. Sehr.

Frühstück im Hotel mit einem Kollegen und viel Rührei und Kaffee. Süß.

Rückflug. Boarding dauert eine Stunde. Sechs Passagiere sind überbucht. Salzig.

Am Abend mit D. in DUS. Merke, dass ich mein heißgeliebtes schwarzes Armband mit Glitzersteinchen und Druckknöpfen auf dem Flughafen in MUC verloren habe. Wird mir für 30 Euro zurückgeschickt.

Salzig.

D. tröstet mich.

Süß.

Ein Kollege schickt mir eine SMS. Sein Schwiegervater ist gestorben, vor drei Wochen sein Vater. Sehr salzig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zimmer 31

Zimmer 31. Neunzigjährige Patientin mit Niereninsuffizienz. Auf Befehl Bitte  des Chefs gestern fluchtartig zu uns verlegt worden. Das macht mich mißtrauisch.

Und richtig.

Heute morgen ruft mich gleich mein aufgelöster Assistenzarzt an. Der Sohn will sofort mit mir, dem Chef, der Geschäftsführung, der Kanzlerin, Gott und der Bild Zeitung sprechen. Reihenfolge egal.

Ich gehe in  Zimmer 31. Vor mir steht ein wutentbrannter Mittsechziger im Nadelstreifen Anzug, Lederschuhen und gestreiftem Hemd mit einem braungefärbtem Waschlappen in der Hand. Mutti sitzt jammernd und gekrümmt auf dem Toilettenstuhl.

Er fuchelt mit dem Waschlappen vor meinem Gesicht. Ich versuche mir vorzustellen, dass die braunen Streifen was ganz anderes sind. Modernes Pop Art Muster der 70er. Jetzt auch auf Ihrem Waschlappen. Ich sollte Werbung machen. Den Beruf wechseln. Ganz weit weg arbeiten.

Aber nein. Es ist genau das, was ich befürchte.

Der Anzugsohn hat Mutti damit den Hintern abgewischt. Und ihr die Hämorrhoiden wieder reingedrückt. Das würde er jeden Tag machen. Zweimal. Auch hier.  Er würde sich von der Pflege nicht beim Waschen rausschicken lassen.  Nur er könne das.

Er zeigt es mir.

Neee, ich will das jetzt nicht sehen. Es ist Montag, noch kein Kaffee. Zuviel Bilder und Information überfluten mein müdes Hirn.

Vorsichtig weise ich den Waschlappen darauf hin, dass es andere Methoden gibt.

Ein quiekender Aufschrei. Er mache das schon so seit 10 Jahren. Er lebe mit Mutti schließlich in einer Wohnung. Das war mir irgendwie klar. Noch mehr Bilder. Und er schlafe mir ihr in einem…..

Es reicht. Ich täusche eine Besprechung vor und flüchte  in die Stationsküche. Aynur kommt, sieht mein Gesicht.

Sagt grinsend: “ Na, mit dem Sohn von Zimmer 31 gesprochen??“

 

 

Mimimi

Ich mag diesen Sommer nicht. Ich bin ein Hitze Mimimi.

Ich brauche keine Temperaturen über 25 Grad. Weil mein Leben da endet.

Wenn ich schon diese Sommerhysterie höre und lese:

“ Das Wetter wird sooo toll, da müssen wir raus, Sonne tanken“. Ja, klar raus an den Baldenysee. Wie 300000 andere Radfahrer, Skater, Gassigeher auch.  Ich muss das nicht. Mimimi.

“ Nach der Arbeit noch eben abkühlen und  Schwimmen gehen.“  Noch eben Schwimmen gehen, nee is klar. Wie 300000 andere Menschen auch. Stundenlang vor der Kasse anstehen, Schulter an Schulter mit fremden Leuten im pipiwarmen Wasser stehen. Miiiiihhhhmimi.

„Mal zum entspannen in den Biergarten“ Ja, 3000000 andere auch (ich wiederhole mich, ich weiß). Umzingelt von suizidalen Wespen, die sich in meinen warmen Weißwein stürzen und ranzigen Salaten mit matschigen Pommes am Nebentisch. Mimimi.

„Und die lauen Sommernächte…“ Ja, schlaflos umgeben von drei Ventilatoren.

Ich frage mich, wie die bei RTL oder wo auch immer es schaffen, debil glückselig grinsende nicht schwitzende Leute vor die Kamera zu bekommen, die den Sommer so fantastisch finden und neckisch am Eis schlecken. Müssen die alle nicht arbeiten? Glaub nicht.

Ich habe heute auf den Kurvenwagen getropft. Und fast auf den neuen Patienten.

Ich möchte wieder ohne schlechtes Gewissen auf der Couch liegen und in den Regen gucken. Tee trinken. Schals umbinden. Und Sauerbraten essen.

Mimimi.

beaker-muppet

Machmallauter – Sondaschule – Mülheim

Frisches auf die Ohren. Das Gefühl der Heimatverbundenheit lässt sich schwer beschreiben. Aber besingen! Rote Köpi Kästen, Strassen, A 40, nette Menschen, coole Musik, Essenmülheimoberhausendortmund, Gewohnheit, anstrengender Alltag. Es gibt nur Dur – in Mülheim-Ruhr. Von Duisburg bis nach Dortmund ist die Welt in Ordnung. Statt zur Beichte geht es ins Stadion.

Thx Jan! 🙂

Boris Müller

Er, Ende 70, rotes Gesicht, erweiterte Äderchen auf der Nase, sieht aus wie Boris Becker kurz vor einem Herzinfarkt.
“Guten Morgen Herr Müller.  Sie haben bei der Aufnahme gestern angegeben, dass Sie keine Vorerkrankungen haben und  keine Medikamente einnehmen. Respekt!“.
Boris Becker Herr Müller guckt mich an, in seinem Kopf klicken langsam die Rädchen.

Ich: “Oder nehmen doch was ein?”

Zuckt mit den Schultern. Nickt. Knüddelt einen Zettel aus der Nachttischschublade.

“Da.”

Ah, ich liebe diese Einwortsätze. Ich gucke auf den Zettel und lese die Liste an Medikamenten durch.
“Herr Müller. Sie nehmen Simvastatin, Delix, Metoprolol, Metformin, ASS und Plavix ein!“
“Weiß nicht.”
“Steht hier drauf!”
Plavix und ASS  heißt das Boris Müller einen Stent hat und einen Herzinfarkt gehabt hat. Dazu noch Bluthochdruck und Diabetes und eine Fettstoffwechselstörung.

“Herr Müller, hatten Sie mal einen Herzinfarkt?”
“Ja. Letztes Jahr war das.” Woooow, mehr als ein Satz.
“Und da hat man Ihnen Stents gesetzt?”
„Haben da irgendwas gemacht. So Röhrchen halt.”

Jaaa, die berühmten Röhrchen.

„Und Sie haben auch Zucker?“

„So ein bißchen.“

Ich schaue auf den sportlichen HbA1c Wert von 10 % und einen Nüchtern Wert von 311 mg/dl. Spricht gegen ein bißchen Zucker. Spricht  für viel Zucker.

Boris Müller zeigt auf seinen rechten Fuß.

„Da.“

Ich blicke auf Freddy Krueger artige Krallen, schrundige gelbe Hacken und ein dickes Panaritium an der Großzehe.

„Brauch Fußpflege!“

Wie ich sowas hasse! Echt jetzt! Kümmern sich Jahrzehnte nicht um ihre Füße. Aber kaum im Krankenhaus angekommen, muß pronto die Fußpflege angaloppieren. Ich erinnere mich an eine Patientin, die vier Tage bei uns gelegen hat. Die Tochter beschwerte sich nach der Entlassung schriftlich bei der Geschäftsführung, dass wir Mutti mit langen Zehennägeln entlassen haben. Die sind ja sicherlich auch innerhalb der vier Tage hier so lang geworden. Aber ich merke, ich schweife ab.

Zurück zu Boris.

Frage ihn, was er beruflich gemacht hat.

„Auf´m Bau. Bin dann vom Gerüst gefallen. Ging nicht mehr“.

Ich merke, wie mein Herz weich wird. Jetzt hat er mich. Handwerkern verzeihe ich irgendwie viel, Ein Wort Sätze, Röhrchen im Herz, schlampiger Zucker, knuddelige Medikamentenlisten.

Aber Herr Müller, über Ihre Füße müssen wir nochmal sprechen!!

Ein Bein

Ärztewitz: Was machen 3 Internisten auf einer 10 Betten Station den ganzen Tag?
Antwort:  Visite den ganzen Tag!

Internistische Chefarztvisiten sind lang und grausam.

Dienstag, Punkt 14 Uhr. Chef verspätet sich 30 Minuten. Großartig, ich wollte um 20 Uhr ins Kino.

Zimmer 1: Frau Müllermeierschmidt mit Z.n. Nierentransplantation, aktuell hier wegen Schwindel. Nierentranplantation.  Oh ha! Das kann dauern! Nephrologen sind sehr pingelig. Und richtig: Der Chef nimmt jede einzelne Pille unters Korn, wie ist der Tacrolismus Spiegel, wo ist das Cellcept hin verschwunden, wie ist die GFR? Wieso ist das Lasix reduziert? Nebenbei erzählt er noch von den neusten Studien eines Bludruckmedikaments. Wahrscheinlich an 20 hypophysektomierten Meerschweinchen getestet. Alle schwarz weiß. Die Meerschweinchen. Mein Rücken schmerzt langsam. Ich stelle mich auf ein Bein. Chef runzelt die Stirn. Nehme das Bein wieder runter.

Endlich ins Zimmer: Worst Case. Die Tochter ist da. Die will endlich mal alles gaaaaaaaanz genau wissen. Nicht, dass wir es ihr alles gestern gaaaaaaaaaanz genau erklärt haben.  Mein Rücken schmerzt, ein Bein, Chef guckt, Bein schnell wieder runter.

Meine Assistenzärztin wird nervös, verhaspelt sich. Chef zieht die Augenbrauen hoch. Lächelt ohne nett zu sein. Mein Knie tut weh.

Nächstes Zimmer:

Patient mit einer Motoneuronerkrankung, Chef kennt sich da nicht so aus. Verhakt sich wieder an den Blutdruckmedikamenten.

Weiter geht es. Die nächsten Zimmer laufen ähnlich zäh. Ich kann den Chef gerade noch davon abhalten bei einer kontrakten 95jährigen Patientin leitliniengerecht einen Cholesterinsenker anzusetzen. Ich habe Durst.

Im nächsten Zimmer erzählt eine Patientin mit grauen Krussellocken langatmig, dass sie vor einem Jahr ein Blutdrucktablette nicht vertragen habe. Eine kleine gelbe (die sind irgendwie immer klein und gelb). Lehne mich unauffällig gegen die Wand, ein Bein. Chef mustert mich mißtrauisch. Ich habe Durst. Und Hunger. Der Chef hat makellos geputzte weiße Lederschuhe. Hemd und Krawatte bei der Hitze. Haare frisch geschnitten. Ich fühle mich zauselig.

Ich merke gerade beim Schreiben, dass der Artikel genauso lang wird wie eine internistische Chefarztvisite.

Deshalb Schluß und Ende und Punkt. Muss doch noch ins Kino.

Kaaaabooom!!! Mad Max – Fury road

Geh in den Film wenn

Du Charlize Theron ohne Haare und einarmig sehen möchtest.

Du wissen möchest, wozu Blutbeutel gut sind.

Du auf roten Sand, Explosionen, Dürre, Feuer, Wüste, Staub und das grosse Nichts stehst.

Du 120 Minuten vor Spannung  die Luft anhalten kannst.

Du Benzin, Nitro und Motorengeruch in der Nase liebst.

Du den abgefahrensten Action Film aller Zeiten sehen willst.

Du mit einem breitem Grinsen aus dem Kino kommen schweben  möchtest.

Kaaabooom!

Haken und Häkchen

Neue Stelle, neues EDV System. Diesmal von Siemens. Die Sparte hat sich danach aufgelöst. Das System war ein Sonderangebot, Wühltisch quasi.

Ich möchte eine Verschlüsselung freischalten.

Klicke auf Arztfreigabe.

Geht nicht.

Klicke natürlich noch 10 mal drauf (als ob das je was gebracht hätte).

Geht natürlich immer noch nicht.

Sehe,  dass oben ein Häkchen schwarz hinterlegt ist.

Rufe die Controllerin an.

Sie: „Damit Sie es freigeben können, muss ich das Häkchen rausnehmen!“

Ich: „Wieso machen Sie es denn überhaupt rein?“

Sie: „Weil es sonst nicht in Ihrer Liste auftaucht.“

Ich bekomme eine leichtes Ziehen, rechte Schläfe. Auge juckt.

Ich: „Also muss ich jetzt jedes Mal anrufen?!“

Sie: „Ja.“

Sind ja nur 10 Fälle pro Tag.

Gut, das Häkchen ist raus. Möchte den Fall freigeben.

Sehe, dass eine Diagnose fehlt.

Kann die Diagnose nicht eingeben.

Klicke 10 mal, leichter Kopfdruck usw.

Rufe die Controllerin an:

Sie:  „Damit Sie die Diagnose eingeben können, muss der Haken drin sein!“

Jetzt starker Kopfdruck, pochend, hämmernd. Das linke Auge juckt jetzt. Und zuckt. Spüre ein hysterisches wirres Lachen in mir aufsteigen.

Kopfkino. Teere und federe den Siemens Chef.

Hänge ihn an einem rostigem Haken Häkchen auf.

Und schalte ihn nie mehr frei.

Irgendwann

Wir Altersmediziner sind die underdogs der Ärzte. Wir behandeln alles über 80.  Egal ob zwei Beine, ein Bein, kein Bein. Man kennt uns nicht so genau, man weiß nicht so genau, was wir machen. Die Kardiologen und die übrigen richtigen Ärzte gucken uns etwas mißtrauisch,  innerlich naserümpfend an. “ Die behandeln ja nur kratzende, beißende Omis!!“ Aber irgendwann kommen sie alle zu uns. Wenn die Tante gefallen ist, die Eltern alt werden und nicht mehr so  tun, wie erwartet. Dann grüßt man uns freundlich. Auf einmal. Oder wie mein Kollege Markus sagt: Irgendwann kriegen wir euch alle!!! Wir machen uns mittlerweile einen Spaß draus.

Vor dem Aufzug steht ein grummeliger dickbäuchiger Chirurg.

Markus: Damit würde ich nicht fahren!!“

Chirurg, ratlos: Hääähh?“

“ Kollege, Treppensteigen hält gesund. Nicht, dass du bald bei uns am Gemeinschaftstisch auf Station 4 a sitzt. Und Hirnleistungstraining mit Memory machst!“  Wir verschwinden schnell um die Ecke, bevor der Chirurg es kapiert. Obwohl, bei Chirurgen dauert das schon mal.

Oder wir gucken stirnrunzelnd auf die knusprigen Pommes, die sich der Gastroenterologe freudig auf seinen Teller schaufelt. Schütteln entsetzt den Kopf. Nicht gesund. Transfette, Schlaganfallrisiko, weißmanja.

Und dann? Landet ihr bei uns. Nicht jetzt, nicht gleich. Irgendwann. Weil: Irgendwann kriegen wir euch alle!!!