Zwischen den Tagen

ist in der Klinik eine knubbelige Zeit. Heute auf der Visite knatschende Angehörige, knatschende Patienten, erschöpftes krankes Personal.

Auf  Zimmer 4:

Ich (erkältet, heiser, eigentlich schon tot): “ Welche Beschwerden haben Sie denn Frau W?“

Frau W: “  Ich verstehe Sie nicht. Sie müssen lauter sprechen. Mein Hörgerät, wissen Sie, da fehlen die Batterien, schon seit drei Wochen.“

Ich (aaargghh, versuche zu schreien, Hals schmerzt dabei noch mehr und löst sich dabei in kleine scharfkantige Fetzen auf): „Wie geht es Ihnen?“

Frau W (sich ratlos ans Ohr greifend):  „Aaaah, wie es mir geht? Na gut. Ich weiß gar nicht, was ich hier soll, meine Tochter hat mich ins  Krankenhaus gebracht.“

Ich: „Und wo ist ihre Tochter jetzt?“

Frau W. “ Die ist ist jetzt für 14 Tage im Urlaub, mußsichjaauchmalerholen. Die pflegt mich ja sonst.“

Ah, ja. Die Solidargemeinschaft trägt ja die Kosten.

Auf Zimmer 11:

Hier liegt der delirante Patient Herr T. Er musste wieder aufgenommen werden mit einem neuen Herzinfarkt und einer Pneumonie.  Dafür geht es ihm erstaunlich gut. Er versucht nicht,  mich zu schlagen oder mir ins Gesicht zu spucken. Am Vortag hatte der Sohn angerufen. Er  hatte sich bitterlich darüber beschwert hatte, wir hätten seinen Vater beim letzten Aufenthalt  nur „verwaltet“. Wenn er mit verwalten  “ Leben retten“ meint, bitte sehr.

Die Ehefrau ist bei der Visite mit im Zimmer: „Wir waren ja so enttäuscht, dass es im Krankenhaus so schlecht ging und im Heim auf einmal so gut nach der Entlassung.“

Ich: „Versteh ich jetzt nicht. „ (ich habe mit der Frau endlose Gespräche geführt über den Zustand ihres Mannes und wir waren froh, das er überlebt hat).

Sie: Ja, hier war er so müde und im Heim geht es ihm jetzt gut. Er ist bestimmt hier nur mit Tabletten zugestopft worden.“

Ich (merke, wie mir die Magensäure mal wieder bis zu dem Ohren steigt): “ Seien Sie doch froh, dass es ihrem Mann wieder besser geht.Und die Tabletten, mit denen wir ihn vollgestopft haben, scheinen ja doch zu helfen.“

Sie überlegt und schaut mich dann erstaunt an „Ja, stimmt, da haben Sie Recht.“

Weiter auf Zimmer 12:

Frau G mit einer schweren Hypokaliämie und einem Infekt.

Frau G (unwillig): „Wann kann ich nach Hause?“

Ich: Wenn die Werte in Ordnung sind.“

Frau G. „Sie wollen mich doch bestimmt nur festhalten, um Geld zu machen.“

Ich (geh doch mit deinem Kaliumwert von 2,1 nach Hause und sieh zu, wie du damit klarkommst): Das ist kein Gefängnis. Sie können auch jetzt gerne gehen.“

Frau G: “ Aber nein, ich habe mir doch heute Sauerkraut zum Mittagessen bestellt, das esse ich so gerne. Das geht nicht.“

Ich schließe die Augen. Versuche mich in ein patientenfreies Paralleluniversum zu beamen. Es gelingt mir nicht.  😉

Dieser Beitrag wurde unter Aaargh!, Allgemein, Alltag!, Klinikkram! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Zwischen den Tagen

  1. M. schreibt:

    Gruselig aber leider wahre Worte….Einen guten Rutsch dir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s