Chirurgen Auto

Das  Krankenhaus, in dem ich arbeite, liegt direkt in der Innenstadt. Freie Parkplätze sind hier Mangelware, so dass viele Mitarbeiter in einer kostenpflichtigen Tiefgarage parken.

Dort stehen dann halt immer die gleichen  Autos. Mit der Zeit weiß man auch welches Auto zu wem gehört.

Der schwarze  ungewaschene Mazda mit dem Kindersitz und den leeren Wasserkästen hinten drin gehört dem netten Internisten.

Wir machen uns beide einen Sport draus und versuchen morgens immer nebeneinander  zu parken. (Und wehe das klappt nicht).

Die Chirurgen fahren riesige SUV´s oder Jeeps. Meist gucken sie ein bißchen spöttisch auf meinen geliebten Honda runter.

Mein „Lieblingschirurg“, der nie grüßt und immer arrogant guckt, fährt auch so einen hypertrophen Panzer. Damit belegt er mindestens  zwei Plätze, weil er nicht richtig parken kann.

Der Anästhesist  wechselt schon mal zwischen Porsche Panamera oder BMW irgendwas.

Die Senologin  schleicht mit ihrem Porsche heran.

Heute morgen hatte ich auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen süßen putzigen Peugeot 207, Cabrio, himmelblau, vor mir. So ein richtiges Frauenauto. Niiiiedlich.

Ich habe ihn locker überholt. Überraschend fuhr der Peugeot  dann nach mir in die Tiefgarage.

Und * Trommelwirbelundtusch*: Aus dem WinzAuto quälte sich mit verzerrtem Gesicht der Zweimeter Arroganz Chirurg.

Ich habe ihn so laut gegrüßt, dass es in der Tiefgarage mit Echo hallte.  Und habe  dann grinsend gefragt: „Neues Auto Herr Kollege?“

Herr Kollege versuchte zu fliehen, errötete und murmelte etwas von: „Auto kaputt, der meiner Frau….“

Es gibt Tage, die so richtig gut beginnen. 😉

Geriatrisches Telefonat

Heute am Telefon:
Am anderen Ende eine ältere knarzige  Stimme: „Mein Doktor hat mir eine Einweisung für das Krankenhaus gegeben. Ihr sollt mich mal wieder fit machen.“
Ich (hasse spontanes Duzen): “ Worum geht es denn genau bei Ihnen?“
Stimme: „Ja hab ich doch gesagt, wieder fit werden.
Ich: „Wieso sind Sie denn nicht fit?“
Stimme: „Ja, weil ich so ein komisches Gefühl im Kopf habe. Und auch mein Rücken und Blutdruck. Und mein Zucker erst.“
Ich (kriege langsam auch ein komisches Gefühl im Kopf): „Können Sie denn laufen?“
Stimme:  „Ja, bis nach Edeka schaffe ich wohl noch.“
Ich (Edeka reicht für die TK):  „Gut, ich gebe Ihnen dann die Durchwahl für die Tagesklinik, dort können Sie einen Termin ausmachen.“
Stimme: “ Was ist denn eine Durchwahl?“
Ich (lautlos den Kopf auf den Schreibtisch schlagend): „Das ist die Telefonnumer von der Tagesklinik. Dort können Sie direkt anrufen.“
Stimme: „Moment, ich hole ebend einen Stift „. (Wieso sagen eigentlich so viele Leute ebend mit D am Ende? Oder auch Kernspind?)
Ich höre Geraschel und Gewühle am anderen Ende. Eine Viertelstunde vergeht. Mindestens. Ich überlege, was wir am Wochenende kochen können. Hähnchen vielleicht, immer gut.
Stimme (mich aus meinen Kochplänen reißend): „Der schreibt nicht.“
Wundertmichjetztnicht.
Ich (gebe auf):  „Herr M, wir rufen Sie dann zurück. Ihre Nummer sehe ich auf meinem  Telefon.“
Stimme Herr M:  „Ja, und dann müssen wir noch eine Fruchtwasseruntersuchung machen, hat mein Neurologe gesagt.“

Ich (kannnichtmehr vor unterdrücktem Lachen, rolle über den Boden, komme nicht mehr hoch): „Sie meinen bestimmt eine Nervenwasserentnahme?“

Herr M (über die Schulter zu seiner Frau rufend): „Inge, war das jetzt Fruchtwasser? Oder Nervenwasser? Irgend sowas halt.“

Irgend sowas kann ich.  Das kriegen wir schon hin, mein lieber Herr M!

Google Tochter

Heute auf der Visite:

Zimmer 2: Herr B., freundlich lächelnd, siebzig Jahre alt, kommt zur Demenzabklärung. Schon seine mit zahlreichen Äderchen durchzogene rötlich blau schimmernde Nase und seine Liebe zu hochprozentigem  Alkohol lässt mich  auf eine Korsakow Demenz tippen. Neben ihm seine etwas ängstliche Ehefrau.

Daneben pumpt sich schon die latent aggressiv Tochter auf. “ Ich arbeite ja auch im Krankenhaus, ichkennmichaus“ (wahrscheinlich putzt sie im Labor…).

Ich frage mich, wieso die 45 jährige so viel Tagesfreizeit hat seit drei Tagen vormittags im Krankenhaus hocken.

In der Hand der Tochter mehrere eng beschriebene Zettel, sorgfältig in einer Plastikhülle. Ich ahne  Schlimmes.

Und richtig, es kommt die ganz grosse Nummer:

Sämtliche Symptome, die der Vater seit 10 Jahren hat, angefangen vom Schwindel beim Aufstehen, Nackenschmerzen, zitternden Knien, Verstopfung, Durchfall, komischer Haut, zittrigen Händen und Gedächtnisstörungen sind hier penibel aufgeführt.

Und jetzt *Trommelwirbelundtusch*: Die von der Tochter gegoogelte  Diagnose lautet nicht, wie wir vermuten, auf Säuferdemenz sondern: Testosteronmangel!

Absoluter Dummfug denke ich, Testosteronmangel macht keine Demenz.  Aber es steht mir wohl auch auf der Stirn geschrieben, denn da legt die Google Tochter auch schon los: „Schulmediziner, alle keine Ahnung. Wir  laufen von Arzt zu Arzt und keiner nimmt uns Ernst…

Die Google Tochter rückt mir immer mehr auf die Pelle. Ich versuche auszuweichen.  Keine Chance, hinter mir ist der Schrank.

Ich versuche zu flüchten. Es klappt nicht. Ich ergebe mich  in den nächsten Wortschwall von  Wikipediahalbwissen, der beginnt mit  den Worten:  „Und auf Vitamin H haben Sie wohl auch nicht getestet…“

Ich schließe die Augen. Verfluche Larry Page. Versuche mich in ein angehörigenfreies Paralleluniversum zu beamen.  Es gelingt nicht. 😉

Mittwoch

Sechs Uhr morgens, Nieselregen, es ist dunkel, ich bin müde, habe Muskelkater vom Badminton. Auf der A3 meint  ein kleiner beschissener KIA ohne Blinker rüberzuziehen und einige Kilometer vor mir her zu schleichen. Dankeschönauch.  In der Tiefgarage trödelt ein riesiger schwarzer Mercedes vor mir und überlegt stuuuundenlang, in welche Parklücke er jetzt nun reinfahren kann. Machhin.

Draußen steht ein NAW mit flackerndem Blaulicht und wartet auf den Anästhesisten. Baulärm. Der Kranausleger schwankt im Wind.  Ich höre das hektische Piepsen der Intensivmonitore. Krankenhaus schläft nie.

In der Frühbesprechung warten zwei blasse, übernächtigte Assistenzärzte. Gott sei Dank nicht viele Aufnahmen, keine ausgelagerten Patienten. Eine Patientin ist erwartungsgemäß (wie es im Arztjargon heißt) gestorben.   Ein Rudel Unfallchirurgen lärmt mir auf der Treppe entgegen. Vor mir auf dem Flur meckert  ein Mann mit einem Pflaster am Ohr über das „verbaute“ Krankenhaus. Nebenan schimpft meine Sekretärin mit dem Schreibdienst. Ich brauche Kaffee. Dringend.

Mein Schreibtisch sieht gut aus, fast alle Akten weggearbeitet. Es klopft. Die freundliche  Blonde vom Controlling legt mir einen neuen meterhohen  Stapel Akten auf den Tisch und ignoriert meine wütenden Blicke.

Mittwoch. Mitte der Woche. Eigentlich schon fast Wochenende.   Aber da muß ich arbeiten. Krankenhaus schläft nie. 😉

Machmallauter – The drugs don´t work – The Verve

All this talk of getting old
It’s getting me down my love
Like a cat in a bag, waiting to drown
This time I’m coming down
….
And I hope you’re thinking of me
As you lay down on your side
Now the drugs don’t work
They just make you worse
But I know I’ll see your face again

Now the drugs don’t work
They just make you worse
But I know I’ll see your face again…“

The Verve können anders und Ernst. In dem Lied geht es um den krebskranken Vater, der die letzten Meter seines Lebens erreicht hat. Medikamente helfen nicht mehr.

Todkrank sein ist halt nichts für sissies.

Zum guten Schluß

eine kleine Geschichte.
40 jährige Tochter einer Patientin, die hier mit Herzinsuffizienz liegt.
Tochter ruft mit ihrem Handy auf unserer Station an.
Schwester Moni geht dran.
Tochter: „Ich sitze hier gerade in der Cafeteria. Können Sie mir meine Mutter mit dem Rollstuhl runterschieben?“
Moni (hyperventilierend, parallel auf dem Krankenhausflur schellen gerade sechs Patienten Sturm, zwei übergeben sich, einer hat übelriechenden Durchfall):
„Nein, kann ich nicht, dazu haben wir keine Zeit.“
Tochter: “ Wieso denn das nicht? Ist doch nur eine Kleinigkeit.  Patienten sind Kunden, unverschämt,blah blah, werde mich beschweren, Chefarzt sprechen, blah, blah…“
Moni: „Wieso kommen Sie nicht selbst und holen ihre Mutter?“  (Die Cafeteria ist zwei Stockwerke unter der Station.)
Tochter: „Ich? Nein, das ist nicht meine Aufgabe.“

Mutter = Aufgabe.

Mir ist kalt. Moni legt wortlos auf.

Machmallauter – Harder than you think – Public enemy

Soundtrack von End of watch, dem neuen Actionfilm mit  Jake Gyllenhaal und Michael Peña.

Hörenswerte und kraftvolle Musik von public enemy.

Sehenswert ist End of watch, wenn ihr auf die ruckelige Kameraführung nicht mit Übelkeit reagiert.
Sehenswert ist End of watch, um sich den Mund von Jake Gyllenhaal in Großaufnahme anzuschauen.
Sehenswert ist End of watch, wenn ihr auf schmutzige Sprache steht.
Sehenswert ist End of watch, wenn ihr am Ende weinen wollt.
Nicht sehenswert ist End of watch, wenn ihr mit einem Lächeln aus dem Kino gehen wollt. 😉

Kaffeesöhne

Kaffeesöhne.

Kaffeesöhne sind Angehörige, die ihre Eltern zweimal im Jahr besuchen. Meistens zum Samstagskaffee. Kaffeesöhne wohnen häufig weiter weg, in Trier oder Bonn oder  München. Manchmal auch in Hamburg oder Berlin. Häufig Rechtsanwälte. Gerne politisch sozialdemokratisch aktiv.

Es hat auch einen guten Grund, wieso die Kaffeesöhne so weit weg wohnen.

Entweder sind die Eltern schrecklich, so dass die Söhne fliehen mussten oder umgekehrt. Wenn man Pech hat, sind beide schrecklich.  Wenn die Eltern der Kaffeesöhne im Krankenhaus liegen, laufen die Söhne, gerne am Wochenende in aggressiver Präsenz auf. Eine Visitenkarte (ichkanndieschonnichtmehrsehen) wird dem Pflegepersonal hingehalten. Und wehe es kommt nicht sofort ein Arzt, der umfassend über die Blutwerte der letzten 10 Jahre Auskunft gibt. Ob der anwesende Arzt 150 Betten und ambulante Patienten und die Intensivstation zu versorgen hat, egal.  Der Kaffeesohn hat Vorfahrt. Er ist Rechtsanwalt oder kennt einen. Oder er kennt einen, der bei der BILD arbeitet.

Verloren hat man als Arzt, wenn es zusätzlich zu dieser Konstellation noch eine rothaarige pensionierte vegan lebende Lehrertochter gibt. Die wohnt unverheiratet unzufrieden mit vielen Falten und Katzen in Düsseldorf. Ihr Hobby ist es, Mutti zu pflegen und uns auf den Sack zu gehen mit täglichen Telefonaten.

Auch wenn wir für Mutti alles richtig machen, werden wir anschließend beschimpft, weil Mutti mit 92 Jahren nicht mehr ganz so mobil ist. Vorher sei sie ja noch Auto gefahren (nee is klar, mit kontrakten Achillessehnen, mach mir das mal bitte vor).

Es klopft gerade jemand herrisch an meine Tür.  Bestimmt der nächste Sohn, der jetzt mal einen richtigen Arzt sprechen will, bevor er zur Bild geht. ;-).