Turfen

Turfen ist ein beliebtes Spiel unter Krankenhausärzten. Turfen heißt, einen schwierigen, multimorbiden Patienten an eine andere Fachabteilung zu verkaufen um endlich Ruhe zu haben. Es gibt auch einen Doppel Turf oder Turf Ping Pong: Neurologie in die Innere und wieder zurückt. Ein Turf muß immer gut durchdacht und strategisch  geplant sein.

Mit meinem Kollegen Frank in Essen, der auf der Inneren gearbeitet hat, ging das immer sehr gut.

Beispiel:

Patient, total verwahrlost, eingekotet, seit Wochen nicht gewaschen, wurde bewußtlos unter einer Brücke gefunden. Der Notarzt, der sich beim Eintreffen, die Nase zuhält, meint grinsend, das ist  bestimmt neurologisch. Er habe eingekotet, könne ja einen epileptischen Anfall gehabt haben.  „Danke Herr Kollege, denke ich. Neee ist klar.“

Wahrscheinlich war der Patient einfach zu betrunken die Toilette zu finden.  Einen Zugang hat der Notarzt nicht gelegt, der Patient sei so dreckig. Also bleibt die  Arbeit erstmal an mir hängen. Neurologisch  hat der Patient nichts. Die Laborwerte sind erwartungsgemäß eine  Kastrophe. Transfusionspflichtige Anämie, Nierenversagen. Typisch neurologisch… Ich rufe Frank an, der schlecht gelaunt kommt und meint mit mir stundenlang diskutieren zu müssen, wieso der Patient so schlecht zurecht ist. Haaalllooo?! Guck Dir dir mal die Werte an.  Schließlich gibt er sich geschlagen und nimmt den Patienten  in seine Abteilung auf.

Heute auf der Aufnahmestation:

Frau L.

Frau L. ist 85 Jahre, liegt freundlich lächelnd im Bett. Wieso sie hier ist, weiß sie nicht. Wir auch nicht. Die Angehörigen sind vorsichtshalber bei der Aufnahme nicht mitgekommen. Die Laborwerte sind in Ordnung, EKG und Röntgen auch, Blutdruck sei entgleist  gewesen heißt es. Die Werte hier sind gut.

Während wir Visite machen, unterhält sich Frau L. mit einem  Bild (Kunstdruck von Monet) über der Wand. Sie sieht Hände aus der Wand kommen und begrüßt nebenbei  ihre Mutter.

Okay, vom Alter und von der Demenz gehört die Patientin in meine Abteilung.

Da erzählt der Pfleger mir, dass Frau L. nachts den Bürostuhl der Station als Toilette  mißbraucht hat. Das will ich mir jetzt nicht vorstellen. Den Stuhl kann man nur noch verbrennen. 

Ja, sie habe Durchfall gehabt… Ahhh Durchfall, denke ich. Und nehme den diensthabenden gastroenterologischen  Kollegen ins Visier. Der ist jedoch auf Zack und lehnt dankend die Aufnahme  in seine Abteilung ab. Einmal Durchfall und die Laborwerte  in Ordnung? Nichts für ihn. Schade, Turf nicht geglückt.

Okay. Angriff auf die Unfallchirurgie.  Die Patientin sei eventuell gestürzt. Ich bewege die Hüfte, die Patientin hat Schmerzen. Der Unfallchirurg, der schon fliehen wollte, kehrt seufzend zurück. Im Röntgen später ist eine Fraktur ausgeschlossen.

Ich gebe mich geschlagen, nicht mein Turf Tag heute ;-).

Wer kauft sowas?

Ich trage  gerne Jeans, Jeans oder auch mal eine Jeans. Für eine italienisch-irische Hochzeit Anfang Mai am Comer See sollte jetzt es etwas Besonderes sein. Ein Kleid! Gut dann nach der Arbeit  los in die Essener Innenstadt. Die war voll. Die war warm. Das bin ich nicht mehr gewohnt. Aber es hilft nichts.

Im ersten Geschäft:   Ich suche ein schlichtes, gerade geschnittes Kleid ohne viel Brimborium. Die Verkäuferin zeigt mir einen seitlich  gerafften Leinensack mit einer großen angenähten Tasche vorne drauf. Darin sehe ich aus, als würde ich demnächst  am Hamburger Hafen verschifft werden. Welcher Designer hatte einen schlechten Tag?Und was soll man in diese Tasche tun? Und vor allen Dingen wer kauft sowas? Ich nicht. Weiter geht´s. Ein bodenlanges buntes Hippiekleid mit asymetrischen Riesendrucken. Ich muß meine Oberweite mühsam bändigen und sehe aus wie ein Michelinmännchen auf Speed. Besonders schick dazu meine blauen Sneakersocken. Aber auch ohne Socken sieht es nicht besser aus. Wer kauft sowas?  Als Alternative ein Anzug mit weißer Jacke und Hose. Fühle mich wie ein Arzt  auf Safari.  Dann folgt eine zipfeligebunte  Tunika mit weißem Hosenrock. Ich fühle mich wie Crusty der Clown und sehe auch  so aus. Wer kauft sowas?

Erschöpft und genervt geht es weiter. Da! Ein traumschönes Kleid, gerade geschnitten, Knielänge, China Look.  Winzgröße 34. Aaargh! Wer kauft sowas? Ich leider nicht.

Genervt steige ich in meine geliebte Jeans.  Dort!  Ein korallfarbener  Schal und traumschöne Ohrringe.

Die  kaufe ich! 😉

Edit:

Werde bei der Hochzeit eine weiße Hose, hohe Schuhe, ein schickes Irgendwasdrüber und die neuen Ohrringe tragen. Ende. Abends ist es dunkel  und es sind sowieso  alle betrunken.

Wünsche frohe Ostern

gehabt zu haben (gruselige Satzstellung, ich weiß).  Ostern im Krankenhaus zu arbeiten ist fast schlimmer als Weihnachten.

Irgendwo scheint Karfreitag ein Rudel Senioren einen Bus gechartert zu haben. Ab ging es dann ins Krankenhaus.

Umsonst Essen und täglich werden die Betten gemacht. Hat man ja zu Hause nicht.

In Zimmer 10: Frau W. , 90 Jahre, sehr biestig.

Ich: „Guten Morgen Frau W. , wie geht es Ihnen?“

Frau W. mit schriller Stimme: „Was geht Sie das an? Lasst mich doch in Ruhe.“

Ich (habe schon den Kaffee auf, obwohl ich noch keinen getrunken habe):  „Danke schön“.  (Breche die Visite ab, habe ich keine Lust zu).

Zimmer 11: Herr A., dement, die Ehefrau hat ihn hier abgegeben, ist telefonisch nicht erreichbar.

Herr A. weiß nicht was er hier soll. Ich auch nicht. Während wir sprechen, behält Herr A. seine Kopfhörer auf und hört  Schlager.  Das erschwert die ohnehin schon sehr zähe Kommunikation. Munter  schmiert er mit seinen Marmeladenfingern auf der Bettwäsche rum. Ich hasse Marmelade im Krankenhaus.

Zimmer 12:

Es riecht hier wie in einem seit fünf Monaten nicht gesäubertem Hyänenkäfig. Ich versuche nur durch den Mund zu atmen. Es gelingt mir nicht. Ursache für den penetranten Geruch ist Frau K, sehr munter und leider auch sehr dreckig. Sie zeigt mir ihre ödematösen Unterschenkel, bei den Füßen verschlägt es mir wirklich die Sprache. Wasser? Seife? Seit wann sind die Unterschenkel so dick? (und wie lange nicht gewaschen??) „Schon laaange, Frau Doktor, seit vier Jahren. “  Dick oder nicht gewaschen? Ich will es nicht wissen…

Zimmer 1:

Eine demente Patientin  die sich den Arm gebrochen hat. Daneben der Ehemann. Typ Finanzbuchhalter, Hemd und Pullunder und einen Block mit Stift unter dem Arm. Die schwer demente Frau halluziniert seit Tagen. Passiert schon mal in fremder Umgebung. Das ist dem Mann nicht zu erklären. Er lässt sich meinen Namen geben. Wir sind Schuld. Ja klar, an allem. Auch am Klimawandel. Ich erkläre ihm sämtliche Befunde zum zehnten Mal. Hilft nichts, nach einer halben Stunde steht er im Sekretariat und will schon wieder mit mir sprechen.

Oben auf der Station macht ein Ehemann Terz, weil seine 150 Kilogramm schwere Frau so schlecht Luft kriegt.

Auf dem Flur kommt mir Frau L. mit ihrem Rollator lächend entgegen.  Hallo Frau Doktor! Geht es Ihnen gut? Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!

Danke schön Frau L.! Frohe Ostern.

Urlaubsschubladen

Ich liebe Schubladendenken. Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu. Funktioniert gut. Gefällt mir.

Beim Einchecken auf dem Flughafen ein Päääärchen vor uns. So wie die aussehen, wird das dauern. Schublade auf.

Sie, blond, braungebrannt, enge Hotpants, Stiefel, Riesenpilotenbrille auf der korrigierten Nase, guckt arrogant auf die wartende Schlage hinter sich. Er, ein etwas ranziger  Typ ewiger Junge, ausgewaschene hochpreisige Jeans, KrokodiloderwasauchimmerLeder Cowboyboots. Dazu eine Tonne Handgepäck von der Größe eines Surfbretts.  Düsseldorfer Schick halt. Stundenlange Diskussion am Schalter über was auch immer. Wahrscheinlich kein vegetarisches laktoseglutenfreies Essen an Bord. Oder so. Schublade zu.

Im Wartebereich vor dem Gate eine blasse dunkelhaarige ätherisch aussehende Mama mit Kind auf dem Arm. Wieso werden die Kinder eigentlich  immer auf der Hüfte getragen?  Beine? Laufen? Alleine? Die Bio Mama flößt dem Kind diverse homöpathische Tropfen ein. Natürlich muß das Kind auch vor der bösen Sonne geschützt werden und trägt nur Ökobaumwolle.  Bioschublade zu.

Vor mir im Flugzeug dann eine zwanzigjährige Blondine. Typ zierliches Eichhörnchen. Schublade auf. Und richtig: Erst müssen die Hände eingecremt werden, dann  die Lippen, dann das Gesicht.  Jaja, die Luft ist ja so trocken nach einminütiger Flugdauer. Und in der Vogue steht ja drin, immer schön cremen. Dann natürlich alle fünf Minuten  auf die Toilette, das nächste Mal vielleicht einen Gangplatz buchen??  Dann noch diverse Kissen, sie hat sogar auf einem Kissen gesessen. Ichschwör! Der Müll aus der riesigen Handtaschen wird natürlich  liegen gelassen oder mit zierlicher Hand in die TUI Kotztüte gestopft, die dann auf dem Boden landet. Das Eichhörnchen ist in der Schublade und fühlt sich wohl.

Auf meiner Strandinsel angekommen, packe ich alles in meine Urlaubsschublade:  Sonnenmilch, endlose Strandtage, Sonnenbrand, Wein, Wind, Barfußgefühl. Es geht halt nichts über meine Schubladen 😉

Urlaub

Klick weg

Personalisierte Werbung ist doch wirklich das Letzte. Es kann einem den Tag schon um sieben Uhr morgens vermiesen.

Beim Einloggen in meinen mail Account poppt(schreibt man das wirklich so?)  parallel die unsägliche unerträgliche Bärbel Schäfer mit Weight Watchers Werbung auf. “ Ich habe 9 Kilo abgenommen trotz Job und Familie.“

Danke schön Bärbel, geh sterben, ich fand Dich schon immer fies, grummel ich.  Und denke mit schlechtem Gewissen an die herrlichen Trüffel Tortelloni und den Pfirsich Prosecco von gestern abend. Klick weg.  

Danach erscheint eine Werbung für eine Berufsunfähigkeitsversicherung. „Schon ab 29 Euro im Monat abgesichert„. Darunter ein lächelnder Senior mit seinem Enkel auf den Schulter. (Häää?! Krank sein und dann ein 20 Kilo Kind auf dem Rücken, wer´s  glaubt).  Klick weg.

Dann will mir Tchibo ein Schmetterlingsstanzenset (was für ein Wort) für 29 Euro andrehen. Ich habe Basteln schon immerimmer gehasst.  Und wer kommt auf die Idee Schmetterlinge aus Papier auszustanzen?  Bestimmt nur spätgebärende grauhaarige Mütter aus Essen-Stadtwald. Klick weg.

Schließlich bietet mir Edarling  Singles aus meiner Umgebung an. „Johnnybegood“, 50 Jahre  sei jetzt online. Würg. Nein danke, ich bin bestens versorgt. Und wieso überhaupt Männer ab 50???  Doppelklick weg.

Kurz bevor ich mich auslogge, schlägt mir Zalando die neuen Nike free Laufschuhe vor. In Schwarz-rot…Ich klick drauf… 😉

Bratzentag

Was ist eine Bratze? Umgangssprachlich ein nicht ganz so feines Wort für einen speziellen Frauentyp, den  ich nicht ausstehen kann. Frech und dumm.

Beim Einkaufen in meinem Hofladen von Bauern Ridder hatten wir ein Prachtexemplar  einer sogenannten Biobratze vor uns.

Schon beim Einparken fiel Madam unangenehm auf. Natürlich  in einem bratzigen putzigen  Renault Clio parkte sie so dicht neben uns, das ich schon mit der Tür aufpassen musste, obwohl noch geschätzte 1000 qm Platz frei waren.

Schwarzer Pferdeschwanz mit zahlreichen grauen Haaren drin, Typ: Ichfärbenichtmehr. Ein sogenanntes Silver girl. Bestimmt  diejenige, die beim Elternsprechtag immer stundenlange Diskussionen über Milch- und Kopiergeld führt.Die Kinder heißen  Johannes und Greta. Wohnt in Essen-Stadtwald. Wette ich ein Monatsgehalt drauf.

Die Biobratze imponiert durch ihre durchdringende, penetrante Stimme sowie eine  ubiquitäre unangenehme Präsenz. Der Laden ist nicht groß, ein Ausweichen leider unmöglich. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Der Käsekuchen in dem Hofladen ist zu lecker, als ich drauf verzichten könnte.

Weiter ging es in einer Arztpraxis mit einer Arzthelferinbratze.

Ich stehe vor dem Empfangstresen. Vor mir ein chronifziertes Hartz IV Wesen mit Schnupfen, heulend: „Ich muss zum Arzt, ich kann nicht mehr, ich bin so krank.“

Arzthelferin: „Ja, geh mal durch und setz dich in den Warteraum.“

Dann bin ich an der Reihe.

Ich sage freundlich: „Guten Tag.“

Arzthelferinbratze (wendet sich erstmal ab, ich bin wohl unsichtbar, Tarnumhangoderwas, redet dann mit ihrer Bratzenkollegin, sortiert dann noch 500 Karteikarten gemächlich nach Farben  weg, sehr sehr wichtig, Ordnungmussjasein), dann endlich dreht sie sich betont langsam wieder zu mir um, streckt ihr Kinn ruckartig nach vorne und sagt knapp: „Bitte?“

Ich rolle schon innerlich die Augen, äußerlich wohl auch und beginne mich  warm zu laufen.

„Mein Name ist La Bära, ich hatte angerufen und wollte zum Arzt (jaaaa, auch Ärzte müssen mal zum Arzt, leider).

Bratze: „Wir nehmen keine Patienten mehr an. Erst um 15 Uhr wieder.“

Ich (bekomme schon hektische Flecken am Hals. Wenn ich krank bin, habe ich keine Geduld, wenn ich gesund bin, auch nicht): „Ich habe um acht Uhr angerufen, ihre Kollegin hat mir gesagt, dass sie keine Termin vergeben und ich heute morgen einfach  so kommen kann.“ Es ist jetzt 8.20 Uhr.

Bratze: „Nein, der Herrrrr Doktor hat beim Reinkommen gesagt, dass er keine Patienten mehr annimmt.“

Ich: „Wann hat er das gesagt?“

Bratze: „Um viertel nach acht.“
Ich: „Wieso kommt er denn nicht pünktlich zur Arbeit? Ich denke, Sprechstunde ist ab acht Uhr. Kein Wunder, dass es hier nicht läuft.“

Bratze (hysterisch nach Luft schnappend): „Das müssen Sie wohl dem Herrrrrrn Doktor (wie sie das immer betont) überlassen, wann er anfängt. Wir nehmen keine Patienten mehr an heute morgen.“

Ich: „Muß ich nicht verstehen. Wozu rufe ich denn dann an ?

Das kann die Bratze mir auch nicht erklären und dreht sich weg. Ich mustere ihren grob gestrickten gelben Wollpulloverrücken. Überlege kurz, ob ich mich am Tresen ankette. Verwerfe dann den Gedanken.  Drehe  bei und streiche die Segel. Kotze innerlich, weil ich für solche Bratzen in meinen Diensten im Krankenhaus häufig nachts um drei Uhr aufstehen musste und innerhalb von fünf Minuten parat war. Um die Migräne zu behandeln.

Als ich zu Hause die Beschwerdemail an den Arzt schreibe, überfliege ich kurz die Praxis Homepage. Motto der „patientennahen Hausarztpraxis“: „Bei uns fühlen Sie sich wohl“. Ich lache trocken und huste wieder röchelnd.. Bratzentag.