Heimat

D. ist Engländer. Wir waren auf Heimatbesuch in Yorkshire.

D. durchlief verschiedene Stadien vor und auf diesem Besuch.

Stadium 1:  Sterling abholen.

Stadium 1 a: Mich zehnmal anrufen. Auf dem Weg zur Bank, in der Bank, nach der Bank, zu Hause. Er wird Sterling abholen, er holt Sterling ab, er hat Sterling abgeholt.

Stadium 1 b: Bilder von den bunten Sterling Scheinen schicken.

Stadium 2: Die Urlaubstage werden durchgeplant. Wir werden uns mit Mr. Nightingale treffen, er wird mir das kircheneigene Schaf zeigen, das den Rasen mäht.

Stadium 3: Die Pläne werden verworfen, das Schaf ist nicht mehr da.

Stadium 4/5/6/: Fish and Chips. Mit Curry Mayonnaise.

Stadium 7 -12:  Yorkshire breakfast.

Stadium 13: Ich spreche Englisch und bestelle mir lässig ein hard boiled egg.

Stadium 14: D. tankt weiter seinen Englischspeicher auf. Ich tanke die klare Seeluft und kann mich an dem Cliff und den buttergelben Narzissen nicht satt sehen

Stadium 15: Laufe fast vor ein Auto, weil ich mal wieder in falsche Strassenrichtung gucke.

Stadium 16: Lerne, dass Kids, die sich Hosen in Socken stecken, wahrscheinlich shoplifter sind.

Stadium 17:  Gehe Sonntags einkaufen, in Ruhe.

Stadium 18: Bye bye Yorkshire. Bye bye dales and moors.

 

 

 

Magnetpilz

Auf meiner neuen Station gibt es einen riesigen offenen Pflegestützpunkt mit einem Tresen. Es wirkt ein bisschen wie eine Rezeption im Hotel. Der Unterschied ist, wir sind kein Hotel. Vorne befinden sich zwei PC Arbeitsplätze, an denen ich häufig sitze.

Um zu arbeiten. Was natürlich nicht gelingt, da jeder Angehörige an mir vorbei stolpert, mich sieht und mal eben etwas wissen will. Wo sind die Messer, Wasser, Kaffee, Sozialarbeiter, wieso ist die Erde rund und der Mond hell usw. usw. usw. Manchmal komme ich mir vor, wie der Magnetpilz von PvZ, der die Helme der Zombies anzieht.  Ich ziehe die Probleme an, wenn ich vorne sitze.

HD_MAGNET

 

Magnet Nummer 1:

Gestern strebt ein Ehepaar in Lodenmänteln  auf mich zu. Ich ducke mich hinter dem Bildschirm, zu spät. Sie stehen vor mir, gucken auf mich runter.

Keine Begrüßung, kein guten Tag: „Mein Bruder geht morgen!“

Ich (das kann sein, wir haben 79 Patienten, wer soll der Bruder sein, grüßen Sie erst mal ) warte ab, sage nichts.

Loden: „Er braucht die Tabletten für 5 Tage!!“ Kein Bitte.

Ich: “ Morgen ist Donnerstag, ein normaler Arbeitstag. Sie können zu dem Hausarzt gehen.“

Loden: “ Der ist im Urlaub!“

Ich: „Dann gehen Sie zu der Vertretung.“

Loden (berentet, Tagesfreizeit) giftet mich an: “ Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Wenn Sie meinen.  Wenn Sie es verantworten können!!!“

Ja, kann ich. Als ob es draußen keine Ärzte gibt.  Nebenbei, hätte der Loden Bitte und Danke gesagt, hätten wir dem Bruder die Tabletten mitgegeben.

Magnet Nummer 2:

Ich sitze vorne, gucke die Laborwerte durch. Höre herrisches Absatzgeklacke. Vor mir steht eine dunkelhaarige Pagenkopfrau.

„Wo liegt Herr Müllermeierschmidt?“ Begrüßung scheint irgendwie so out zu sein.

Ich: „Herr Müllermeierschmidt ist gestern entlassen worden.“

Dem Pagenkopf fallen fast die Augen aus dem Kopf.

„Ich habe mich extra aus  Bochum hierhin gekämpft, um ein Gutachten zu erstellen!!“

Ich (Bochum ist zwei Kilometer entfernt): „Ich kämpfe mich auch jeden Tag hierhin.“

Der Pagenkopf hechtet fast über den Tresen. Mir reicht´s. Dies ist ein Krankenhaus, Menschen werden aufgenommen, entlassen, verlegt, sterben. Nicht immer nach Termin. Rufen Sie vorher an.

Wenn das so weiter geht, werde ich mich in die Kirschbombe oder die Kokosnuss Kanone verwandeln. Oder doch die Kartoffelmine? 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langer Tag

Einkaufen nach der Arbeit, ich liebe es.

Gehe zu Real in Bochum, einmal hin, alles drin. Es läuft ganz gut, bin schnell fertig. Bis ich an der Kasse lande.  Wer mich kennt: Auf der Arbeit endlose Geduld mit schusseligen Assistenzärzten, nach der  Arbeit keine 2 Sekunden Geduld für irgendwas. Oder irgendjemanden.

Es kommt, wie es kommen musste.  Vor mir an der Kasse steht ein Mann.

Er redet. Mit der Kassiererin. Und legt im Zeitlupentempo seine Sachen aufs Band.  Und redet. Schiebt natürlich keinen Warentrenner dazwischen. Wieso muss ich das eigentlich immer machen?  Und nebenbei redet er.  Ich könnte ihn aus seinem schmierigen Hemd kloppen. Es geht um seine Mutter, die im Krankenhaus liegt. Natürlich blöde Ärzte, und der Pflege hätte er erst mal Bescheid gestoßen. Die Mutter hätten sie kaputt gemacht. Ich schaue auf die fünf Zigarettenpackungen, die Tonne Schokolade, die er aufs Band geworfen hat und auf seine gelben Fingernägel. Wenn er nach Mutti kommt, kein Wunder, dass es Mutti schlecht geht. Dann zahlt er noch mit Karte. Bis er die Karte aus seiner speckigen Hose zieht. Endlose Zeiten und Dimensionen vergehen. Und dann noch die Payback Karte. Dann kapiert er nicht, dass man auf dem Gerät unterschreiben muss. Nebenbei redet er und redet er. Und stielt mir meine Lebenszeit. Ich stöhne laut auf. Endlich bemerkt er, dass er nicht alleine auf der Welt und im Real ist.

Momentchen junge Frau!“

Ich: „Wäre schön, wenn ich heute nochmal nach Hause komme!“

Habe einen langen Tag hinter mir mit Dir und Mutti.

Audit

Das Audit droht. Ich weiß nicht, wer sich Soeinenscheiß hat einfallen lassen. Audits nützen nichts und niemandem.

Halbes Jahr vor dem Audit: Leichtes Grummeln im Bauch. Aber ist ja noch Zeit. Erstelle diverse Kernprozesse anstatt Patienten zu behandeln.

Ein Monat vor dem Audit: Unruhe im Kopf und Bauch. Aber was soll es? Ich kann meine Arbeit.

Drei Wochen vor dem Audit: Ich hoffe, die anderen auch.

Zwei Wochen vor dem Audit: Lese mir das QM Handbuch im Intranet durch. Hätte ich es mal gelassen. Was um Himmels willen ist FMEA? Brauche ich es? Ist es ansteckend?

Eine Woche vor dem Audit: Forste die BTM Bücher durch. Alles gut. Das Pflegepersonal wischt wie wild die Schränke durch. Lebenswichtige Telefonlisten, die mit Tesa befestigt sind, verschwinden. Weil mit Tesa kleben, darf man nicht. Immer laminieren.

Drei Tage vorher: Ich google die Audit Firma. Gucke mir die Auditoren an. Sehen eigentlich ganz nett aus. Auch Ted Bundy sah nett aus.

Audit Tag: Kann nicht frühstücken. Ich laufe durch die Arztzimmer, gucke ob kein Datenmüll in den Papierkörben ist. Erstelle für 70 Patienten neue Diagnoselisten, weil sie auf dem falschen Formular stehen. Dann ab in den Hörsaal. Die Auditoren sind freundlich. Ich lache. Weiter geht’s auf die Stationen. Mein Kollege verpisst sich. Egal. Die Auditorin will wissen, ob unser Klavier ein Techniksiegel hat. Soll ich das Klavier hochheben? Wann der Raps im Rapsbad ausgewechselt wird. Zwischendurch immer wieder Lachen. Mir tut langsam mein Gesicht weh. Zur Tagesklinik. Wer macht den Backofen sauber und wie oft? Alles gut, alles schön, fertig, Ende und aus.

Nach dem Audit ist vor dem Audit.

Frühstück

Es ist wie jeden Morgen. Die Pflege sammelt sich zum Frühstück. Sie gehen in Gruppen, die eine um halb 10, die nächste um 10 Uhr. Pro Gruppe acht schnatternde Frauen. Es kommt wie es kommen muss.

Phase 1: Wer geht mit wem frühstücken? Melanie will nicht mit Sandra, weil Sandra nicht raucht.  Sandra nicht mit Kim, weil sie raucht. Melanie nicht mit Kim, weil sie so viel redet. Katja will gar nicht frühstücken, weil sie Diät macht. Wer nimmt die Schülerinnen mit? Wo sind die überhaupt? Dauer der Diskussion: 15 Minuten. Mindestens.

Phase 2: Diverse pinke, glitzernde Frühstückstaschen/Körbe/Beutel werden gesucht, gepackt, vergessen. Ein Aufschrei aus der Küche. Jemand vom Wochenende hat Katjas Käse gegessen. Dauer: 10 Minuten. Plus 20 Minuten. um Katja zu beruhigen. Zwischendurch geht Sandra verloren, weil sie Herrn P. zum EKG fahren muss.

Phase 3: Diverse Toilettengänge. Kurz Haare kämmen, Labello auftragen. Handy suchen. Feuerzeug, Zigaretten. Melanies Lieblingstasse muss mit. Die Lieblingstasse ist weg. Steht auf meinem Schreibtisch.  Wer hat die Tasse?

Phase 4: Warten auf den Aufzug. Merken, dass es kalt ist. Die Stationsjacke suchen. Die Jacke hat Kim aus der ersten Gruppe an.  Zwischendurch geht Sandra zur Toilette. Lässt die Tasche auf der Toilette liegen.

Phase 5: Der Aufzug ist weg.

365 Tage im Jahr, jeden einzelnen Tag.

 

Enger Freund

Auf Zimmer 5 liegt eine Patientin mit einer LWK Fraktur. Schmerzen, aber sonst nichts Dramatisches. Wenn da nicht der Sohn wäre.

Der Sohn, stets bekleidet mit einer Wollmütze, ist schon vor mir morgens auf der Station. Und ich fange früh an.

Dann säuft  trinkt er erstmal allen Patienten den Kaffee weg. Plündert in der Küche, ob es etwas Essbares für ihn gibt. Natürlich ohne zu fragen. Hat man oder die Mutter ja für gezahlt.

Vorgestellt hat er sich mit: „Ich bin ein enger Freund von Herrn Müller, dem Geschäftsführer!!!!!!“(gefühlte 100 Ausrufezeichen folgen drohend).

Dann hockt der Sohn sich für fünf Stunden neben die Mutti.  Und zwar auf den Toilettenstuhl (örgs).  Nervt die Pflege, nervt die Ärzte, nervt die Physiotherapeuten, nervt den Sozialdienst.  Spricht täglich mit dem Chef. Er ist ja ein enger Freund von  Herrn Müller.

Außerdem sei er Bioingenieur . Was ist das ? Und muss man da nicht arbeiten?  Und es sei ja hier komplett falsch gebaut worden. Von wegen antibakteriell und so. Mit Mikroorganismen kennt er sich aus. Sagt er und hockt weiter auf dem Toilettenstuhl. Ich gucke auf seine schlunzige Wollmütze. Da tummeln sich genug Mikroorganismen, um einen biologischen Krieg zu gewinnen.

Endlich wird die zugegeben nette Patientin entlassen (sie war nicht das Problem).

Einen Tag später treffe ich den Geschäftsführer im Treppenhaus. Spreche ihn an: „Bei uns hat Frau H. gelegen. Die Mutter Ihres Freundes.“

Herr Müller erblasst, zieht an der Krawatte.  „Um Gottes willen. Das war nie, nie mein Freund!  Trägt er noch die schreckliche Wollmütze? “ Und eilt erschaudernd weiter.

 

 

Silvester

Phase 1:Woanders oder zu Hause?  Zur Wahl stehen: Überteuertes Buffet mit fremden Menschen, seltsame Musik, ungewollte Böller im Ausschnitt und nach Hause laufen. Oder Raclette in bequemen Hosen, Luftschlangen um den Hals, unsere Musik.

Phase 2: Doch Schminke und die hohen Schuhe. Aber zu Hause. Konzerte auf 3 Sat in Endlosschleife.

Phase 3: Hohe Schuhe aus, D. hat schließlich auch seine Pantoffeln an.

Phase 4/5/6: Sekt.

Phase 7: Nur kurz aufs Sofa legen.

Phase 8: Um 23.55 Uhr aufwachen. Hektisches Gezappe am Fernseher um den Sender mit dem Countdown zu finden. Sich über die GEZ ärgern, die für die fiese Musik verbraten wird.

Phase 8 a: D. beim Raketen anzünden bewachen. Aufpassen, dass die Raketen nicht ins Wohnzimmer fliegen.

Phase 9: Nachbarn ein Neues Jahr wünschen, die man nicht kennt.

Phase 10: Eierlikör und Ramazotti trinken. Aufpassen, dass man nicht ins falsche Haus wankt.

Phase 11: 100 Whatsapp Nachrichten versuchen zu beantworten. Sich für 2018 vornehmen, nie nie nie wieder Eierlikör und Ramazotti zu trinken. Frohes neues Jahr!

Aufzug Knigge II

Bitte erst aussteigen lassen. Alles andere macht wirklich keinen Sinn. Und nicht wie eine aufgescheuchte Büffelherde mich und den zittrigen Parkinson Patienten über den Haufen rennen.

Nach hinten durchgehen oder eng an die Seite stellen. Es ist nutz-, und respektlos  wie ein Mehlsack vor der Tür stehen zu bleiben.

Immer in die Richtung drücken, zu der Sie möchten. Das heißt, wenn Sie nach unten wollen: Pfeil nach unten drücken. Und nicht wie wild mit fliegenden Fingern stakkato artig auf beide Tasten. Beschweren Sie sich nicht, wenn Sie dann vom EG in die neunte Etage fahren, obwohl Sie in den Keller wollten.

Reden Sie nicht mit mir. Ich will nicht Ihre gesamte Krankengeschichte hören. Ein knapper Gruß, falls überhaupt, reicht.

Überlegen Sie vorher, wo Sie hin möchten. Und nicht erst auf die Zwei, ach nein die Drei, oder war es doch die Vier?  drücken.

Wenn der Aufzug für 450 Kilo zugelassen ist und schon acht Personen drin stehen, quetschen Sie sich bitte nicht mit Ihrem BMI von 45 inklusive Kinderwagen dazu.

Wenn ein Krankenbett im Aufzug ist, bitte steigen Sie nicht ein und starren penetrant auf den luftnötigen, blassen Patienten und nebeln ihn mit dem Geruch von Kurzgebratenen ein, der in Ihrer Jacke hängt. Oder noch schlimmer mit Angel von Thierry Mugler.

Danke 🙂