Enger Freund

Auf Zimmer 5 liegt eine Patientin mit einer LWK Fraktur. Schmerzen, aber sonst nichts Dramatisches. Wenn da nicht der Sohn wäre.

Der Sohn, stets bekleidet mit einer Wollmütze, ist schon vor mir morgens auf der Station. Und ich fange früh an.

Dann säuft  trinkt er erstmal allen Patienten den Kaffee weg. Plündert in der Küche, ob es etwas Essbares für ihn gibt. Natürlich ohne zu fragen. Hat man oder die Mutter ja für gezahlt.

Vorgestellt hat er sich mit: „Ich bin ein enger Freund von Herrn Müller, dem Geschäftsführer!!!!!!“(gefühlte 100 Ausrufezeichen folgen drohend).

Dann hockt der Sohn sich für fünf Stunden neben die Mutti.  Und zwar auf den Toilettenstuhl (örgs).  Nervt die Pflege, nervt die Ärzte, nervt die Physiotherapeuten, nervt den Sozialdienst.  Spricht täglich mit dem Chef. Er ist ja ein enger Freund von  Herrn Müller.

Außerdem sei er Bioingenieur . Was ist das ? Und muss man da nicht arbeiten?  Und es sei ja hier komplett falsch gebaut worden. Von wegen antibakteriell und so. Mit Mikroorganismen kennt er sich aus. Sagt er und hockt weiter auf dem Toilettenstuhl. Ich gucke auf seine schlunzige Wollmütze. Da tummeln sich genug Mikroorganismen, um einen biologischen Krieg zu gewinnen.

Endlich wird die zugegeben nette Patientin entlassen (sie war nicht das Problem).

Einen Tag später treffe ich den Geschäftsführer im Treppenhaus. Spreche ihn an: „Bei uns hat Frau H. gelegen. Die Mutter Ihres Freundes.“

Herr Müller erblasst, zieht an der Krawatte.  „Um Gottes willen. Das war nie, nie mein Freund!  Trägt er noch die schreckliche Wollmütze? “ Und eilt erschaudernd weiter.

 

 

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4 Antworten zu Enger Freund

  1. Ginge in Germany schreibt:

    Oh dear.

    But remember: the afternoon cakes are for PRIVATE patients only. You have been warned. 🙂

  2. Frau Meyer schreibt:

    Deinen Arbeitsalltag hast du wieder so brillant dargestellt, dass ich deinen Text laut im Büro vorgelesen habe. Die Bezeichnung Freund wird meines Erachtens ohnehin inflationär verwendet.

    Liebe Grüße und Beileid zu solchen Patientenangehörigen (lieber Gott, lass mich nie so werden)

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