Natürlich

Unikliniken sind spezialisiert und speziell. Es gibt immer die neueste Studie der Woche.

„Wie, Sie haben noch nicht den 50seitigen Artikel über die RAAS Blockade und das Outcome bei nierentransplantierten blonden männlichen Meerschweinchen gelesen??  Stand doch gestern im New Oklahoma and Hawaii Journal for medicine and irreproducible results. „ Mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Ich ziehe dann beide Augenbrauen hoch (eine kann ich nicht): „Natürlich habe ich das gelesen!“  Irgendeine Sau wird ja immer durchs Dorf getrieben.

Und es gibt immer das Wort der Woche.

Letzte Woche war es Ambit Pumpe. Ich dachte, dass hätte was mit dem Bergbau zu tun, Grundwasser abschlürfen oder so (typisch Ruhrgebietskind). War aber die neuste Schmerzpumpe auf Intensiv. Natürlich wusste ich das.

Natürlich wusste ich auch, das der Phosphatwert bei Herrn D auf Zimmer 5 sky high war. Letzte Woche hieß es noch erhöht.

Und eine Kontraktionsalkalose begegnet mir jeden Tag. Und natürlich kenne ich den Chair Rise Test.

Und dass man LABA und auch LAMA (nicht das mit dem Höcker) in der COPD Therapie einsetzt, das Natürlichste der Welt. Genau wie darmsensitive Integrinantikörper.

Aber das Natürlichste war heute folgender Spruch bei der Visite: “ Frau Doktor, ich kann wieder schei****. Bin wie neugeboren!“

 

 

 

 

 

 

 

Ggf.

Abkürzungen sind in der Medizin gebräuchlich, manchmal sinnvoll, häufig nervig, selten  gefährlich. Diese Woche las ich in einem! Arztbrief diese Diagnosen.

1. HCA Pneumonie

2. Z.n.  GI-Blutung

3.  HWI 01/2013, Z.n. ACB-Operation (LIMA auf LAD,  RCA und RCX)

4. MRSA-Besiedlung

5. VHF, ggf. watchman device

6. Progrediente CNI, derzeit im Stadium G4A3 nach KDIGO eGFR nach MDRD aktuell 17ml/min/1,73m², GFR-Verlust von ca. 10ml/min/1,73m² pro Jahr

Dawirdmirschwindelig. Ggf.

 

 

Stelle 9

Ich habe Probleme mit meinem Diktierprogramm.  Ich kann diktieren, aber nicht an meine Sekretärin verschicken.Die Zeit der Kassetten sind vorbei, kann man gut finden, muss man aber nicht.

Ich rufe um 9.30 Uhr bei der klinikeigenen EDV Hotline an. Es läuft ein Anrufbeantworter. Kurz vorher bin ich an der Cafeteria entlang gelaufen auf dem Weg zur Dialyse. Da drin saß an einem großen Tisch das fast komplette EDV Team und frühstückte.

„Alle Plätze sind besetzt. Bitte warten Sie oder schicken Sie uns eine Mail. „

Ich entschließe mich zu warten.

Endloses Gedüdel am anderen Ende. Halte mich an meinem Kaffee fest.

Dann sagt die Stimme plötzlich: „Sie sind an Stelle 10.“

Weiter endloses Gedüdel.

Stimme: „Sie sind an Stelle 9.

Gerade als ich beginne mit einer Hand doch eine Mail an die EDV Schnarchline zu schicken, höre ich ein Klicken:

„Müllermeierschmidt“ knarzt mir eine Stimme ins Ohr.

Ich berichte ihm mein Problem.

Müllermeierschmidtratlos: “ Ja, da kenne ich mich nicht aus. „

War ja klar, das der Einzige, der keine Ahnung hat, am Telefon sitzt. Noch bin ich professionell nett.

„Da müssen Sie gleich noch mal anrufen.

„Kann mich ihr Spezialist nicht anrufen?“ Ich müsste da noch ein paar Patienten behandeln.

„Nein, das geht nicht. Da müssen Sie eine Mail schreiben, dann können wir zurückrufen. Nur wenn wir ein Ticket ausstellen können wir Sie anrufen!

Überlege gerade. Ein Patient mit einem akuten Herzinfarkt.

Eine Stimme sagt: „Sie sind an Stelle 9. Nur wenn Sie eine Mail schreiben….“

🙂

 

 

 

Gewonnen

Heute auf Zimmer 9.

Herr T. Er hat einen Gamma Nagel nach Hüftfraktur bekommen, alles gut verlaufen aber er ist nicht gerade therapiewillig. Das heißt, er hat keinen Bock auf Physiotherapie.

Herr T.: „Ich kann nicht aufstehen!“

Martin hilft ihm beim Transfer aus dem Bett ohne große Probleme.

Herr T. (verwundert, überlegt): „Ich kann nicht stehen!

Martin: „Doch, das tun Sie gerade.“

Herr T. (kneift ein Auge zusammen): „Ja, aber nur mit Rollator!“

Martin schiebt den Rollator einen Meter nach vorne. Herr  T. steht jetzt. Martin hält ihn leicht am Arm.

Herr T. (nimmt einen neuen Anlauf):  „Ja, aber nur mit ihrer Hilfe.“

Martin lässt ihn los.  Herr T. steht wie eine deutsche Eiche.

Herr T. (triumphierend ): „Ja, aber nur mit Schuhen!“

Gewonnen Herr T.!  🙂

 

 

 

Bald

Heute auf der Station. Mein Assistenzarzt ruft mich an, Panik in der Stimme. Frau P. geht es schlecht.

Frau P. ist gestern aufgenommen worden, Jahrgang 50 erst. Schwere Korsakow Demenz, komplett immobil, seit einem Jahr nicht mehr gelaufen, aus dem Heim mit Eß-, und Trinkschwäche. Das heißt, sie ist trocken wie die Wüste Gobi, Zunge borkig, schwere Schluckstörung.  Wir hatten gestern schon über eine PEG nachgedacht. Die Mutter von Frau P. lebt auch im Heim. 85 Jahre, fast blind, dialysepflichtig, aber fit in Kopf und Geist.

Frau P. hat eine Patientenverfügung.  Sie möchte keine lebensverlängernden Maßnahmen. Die Kopie habe ich gestern in der Akte gesehen.

Das alles schießt mir durch den Kopf als ich zu Zimmer 4 laufe.

Frau P. liegt im Bett, Kopf überstreckt, tief röchelnde Atmung, komatös, Blutdruck kaum meßbar. Ich weiß gleich, dass sie sterben wird. Wahrscheinlich Lungenembolie, Herzinfarkt.  Was immer es ist, sie wird es nicht überleben. Ich stehe vor dem  Bett.  Und gehe meinen Algorithmus durch. EKG, BGA, Labor, EKG, Röntgen Thorax, Intensiv. Nein,  Patientenverfügung.  Ich gebe ihr Furosemid und Morphin. Sauerstoff lasse ich weiter laufen.

Jetzt muß ich die Mutter anrufen. Muß ihr sagen, dass Ihre Tochter im Sterben liegt. Schlucke trocken, lege mir die ersten Sätze zurecht. Finde keine Telefonnummer, rufe im Heim der Tochter an, bekomme die Nummer.  Die Mutter ist gerade in der Dialyse. Die Pflegerin im Heim verspricht mir, mit der Mutter zu kommen.

Nach einer Stunde ist die Mutter da. Frau P. ist seit einer halben Stunde tot. Die Mutter sitzt klein und grau auf dem Flur in der Ecke. Ich gehe mit meinem Assistenten zur ihr. Wir erklären was passiert ist. Sie weint und fragt, ob sie ihre Tochter ein letztes Mal sehen kann.

Wir gehen zusammen in das Zimmer von Frau P.

Frau P. ist eingesunken und verändert, ihr Gesicht schon fahl. Die Schwestern haben das Kinn mit einem Handtuch hochgebunden. Die Mutter streichelt ihr über das kalte Gesicht. Weint. 

“ Hat sie gelitten?

“ Nein.“

„Mein Kind. Ich wollte doch vor dir gehen.“ 

Das ist mir zu viel, mein Herz brennt. Ich habe einen Kloß im Hals. Mein Assistent hat Tränen in den Augen. Meine Nase läuft, beiße mir auf die Zunge.

Die Mutter streichelt ihr noch ein letztes Mal über die grauen Haare.

„Ich komme bald nach.“

 

 

 

 

Ja!

Stellenwechsel machen nicht immer Spaß. Da gibt es die Kollegen, die seit 10 Jahren auf der gleichen Stelle hocken. Flexibel wie eine Pyramide in Ägypten. Habnwirschonimmersogemacht.Da gibt es die Chefs, die eine Führungsstruktur wie bei den alten Preußen haben. Stillgestanden. War es die richtige Entscheidung?

Trotzdem denke ich morgens Ja!, wenn ich nur noch 14 km zur Arbeit fahren muß. Und nicht mehr 60 km.

Ja! denke ich, wenn ich nur noch alle zwei Wochen tanken muss und der Tankwart mich nicht kennt.

Neiiiiiin, denke ich, wenn ich mir die Riesenbaustelle á la BER  anschaue, in die meine Klinik verwandelt wird.Und ich vor lauter Bohrlärm nix mehr hören kann. Und ich in eine Pfütze trete, auf dem Stationsflur, weil ein Rohr geplatzt ist.

Jaaaaa!, denke ich, wenn ich dann in dem neuen tollen Hörsaal stehe. Und ein bißchen stolz bin.

Ach nö, wenn ich in die volle und laute Cafeteria gehe, in der eine Riesenschlange schnatternder Studenten vor mir steht.

Ja toll!, wenn ich eine Gesundheitsmesse organisiere und einen Altersanzug anprobiere.

Neeemussdassein, wenn mein Chef wieder leitliniengerecht kontrakte 98 jährige mit einem Fettsenker behandelt.

Ach nein, wenn die Visite wieder drei Stunden dauert. Knie Rücken und so.

Jajaja!, wenn Chef mir die neuesten Studien vom Kongress aus Nizza erzählt.

Nein, wenn ich mich mal wieder mit der langsam denkenden Verwaltung zanke.

Und ein dickes JAAAA!, wenn Mehtap mir die fehlende Akte bringt. Zusammen mit einem Kinderriegel und einem Hanuta.

🙂

 

 

 

 

 

 

 

Rückblick

Jahresende, Zeit der Rückblicke im blog!
1. Auf einer Skala von 1 bis 6: Wie war das Jahr?
Eine gute Zwei. Aufregend.
 2. Zugenommen oder abgenommen?
Wie gesagt, das Alter, die schweren Knochen, Stress, Cocktails. Echt jetzt.
 3. Haare länger oder kürzer?
Wie immer, vielleicht lasse ich doch mal wieder wachsen. Um sie wieder abzuschneiden. Um sie wieder wachsen zu lassen usw…
 4. Besserer Job ?
Im Vergleich zum letzten ist alles besser.
 5. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mhhh, weniger. Nicht mehr soviel fürs Training. Mir ist nicht zu helfen.
 6. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?
Materiell nix, ansonsten die Erfahrung, dass Unikliniken auch nur mit Wasser kochen und chaotisch organisiert sind. Diktiergerät Wartezeit drei Monate.
 7. Dein Unwort des Jahres?
Wirschaffendas.
 8. Dein Wort des Jahres?
Ichwilldasnichtschaffen.
 9. Mehr bewegt oder weniger?
10.000 Schritte am Tag. Na ja, nicht immer.
 10. Erkrankungen dieses Jahr?
Nö 🙂
 11. Das schönste Erlebnis:
Nach meinem Vortrag (nicht vor!), Red hair days mit D. in Breda, Regen in London, enge Gassen mit D. in Yorck, Weizenbier alleine im Garten mit Millionen Gänseblümchen. Warten auf D.am Flughafen.
 12. Das schlimmste Erlebnis:
Wenn Freunde mich nicht fragen, wie es mir geht.
 13. Das gefährlichste Erlebnis?
Habe mich von Ikea verfahren. Stand dann in der Altstadt auf einer Kreuzung und wurde von einer Straßenbahn bedroht.
 14. Das leckerste Essen?
And the winner is: *Trommelwirbelundtusch* Aloo gobi (Kartoffeln mit Blumenkohl) vom Rajdarbaar. Und der Spieß von meinem Papa mit viel Zwiebeln!
 15. Der beste Drink?
Rumtopf von meiner Mama. Wie immer. Aber der Negroni in München war auch nicht zu verachten
 16. Das beste Lied?
„Und los“ von den Fantastischen Vier. Und The Beatles mit „A day in the life“.
 17. Der beste  Film?
Mad Max – Fury road.
 18. Die beste Band?
Sondaschule fand ich gut.
 19. Zum ersten Mal getan?
Ein headset Mikrofon auf einer Bühne ins Haar gefriemelt, drei Gänge Menü gekocht. Ohne Hilfe. Beides.
 20. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
* Stellenwechsel.
* Straßen NRW, wie immer.
* Angela Merkel.
*Flugzeuge mit einem Knie Sitz Abstand von Minus 10 cm.
 21. Worauf ich nicht mehr verzichten möchte?
 Diesel für 99 Cent, friendsandfamily.
 22. Dein Leitspruch für dieses Jahr war…?
Manchmal kann man nichts machen außer weiter. Bin ich nicht weise?!
23. Deine Vorsätze für 2016:
Meiner Mutter ein neues smartphone aufschwatzen.
Geduldiger werden (*prust*). Und so halt.

Bildungsfernsehen

Ist ja unglaublich, was man an einem verregnetem Tag so im Fernsehen sehen kann!

Ich habe Claudia Effenberg gesehen, die Beziehungstipps gegeben hat (ist das nicht die Fußballmatratze begabte Dirndldesignerin)??

Ich habe eine Tiertrainerin mit dunklen Augenbrauen wie Raupen gesehen, die sich begeistert über achsoniedliche Fellnasen ausgelassen hat. Das heißt Hund! Sitz und mach Platz!

Ich habe Hochzeiten gesehen, mit einem Budget von 20.000 Euro, wo über die lokäischn (wie hieß das eigentlich früher???) gemeckert wurde.

Ich habe „Deutschland sucht den Superspast Superstar“ gesehen, wo Kandidaten  ihren Namen furzen können.

Ich habe faszinierende Menschen bestaunt, die vollkommen grammatikfrei Deutsch sprechen können.

Ich habe Frauentausch gesehen, wo eine Kölner Homosexuellen WG auf eine Allgäuer Christin mit 5 Kindern  trifft.  Und der schmierlappige deoferne Thorsten auf die putzwütige Silvia.

 

Ich durfte Shakira-Samantha, 17 Jahre alt, alleinerziehende Mutter, arbeitssuchend aus Bergheim bewundern.  Sie war bisher zweimal in Jugendhaft und einmal bei Super Nanny (die konnte aber auch nicht helfen).

Da bekommt der Begriff Bildungsfernsehen eine komplett neue Bedeutung.

 

 

 

 

Vortrag

Chef will einen Klinik Abend mit Vorträgen für die Niedergelassenen machen. Der Vortrag soll nur 20 Minuten dauern. Ganz einfach, was Schnelles. Das können Sie ja gut.

Als ich den Flyer lese, wird mir komisch im Magen. Ich bin um 17 Uhr dran. Vor mir ein Priv. Doz., nach mir eine Professorin aus dem UKM, danach mein Chef aus der Charité.  Das Ganze im neuen Hörsaal.

Ich kriege feuchte Hände, mein Magen tanzt Tango.

Um es kurz zu machen: Ich habe mich noch nie auf einen Vortrag so vorbereitet wie auf diesen. Täglich bastel ich an meinen Folien. Vor der Arbeit, in der Arbeit, nach der Arbeit. Im Schlaf. Lese im New England Journal, lese in den Leitlinien, lese, schreibe, lösche.  Finde meine Präsentation zu bunt, zu unwissenschaftlich, zu lang. Kürze sie. Ein bißchen Buntes lasse ich. Erzähle den Vortrag dreimal täglich mit Stoppuhr. Rede im Auto laut vor mich hin.

Speicher es auf zwei sticks. Habe Angst, dass open office nicht gelesen wird.  Gucke mir vorher den Hörsaal an. Hoffentlich stolpere ich nicht über die Stufen.

D Day: Kalte Hände, ich räuspere mich alle drei Sekunden. Ich bin underdressed. War ja irgendwie klar. Alle im Anzug, ich im Kittel. Aber hohe Schuhe. Die Professorin aus dem UKM gibt mir nicht die Hand. Es wird ein Gruppenfoto von allen Vortragenden gemacht. Ich in der Mitte. Der Fotograf mustert mich und sagt:  Sie haben so viel in der Kitteltasche drin, das beult aus, können Sie es bitte auräumen? Na super. Hole mein Stethoskop, meinen Reflexhammer und die Ricolas aus meiner Tasche. Die zierliche Professorin wirft mir einen spöttischen Seitenblick zu. Du mich auch.

Sitze in der ersten Reihe. Und dann geht es los. Chef kündigt mich an. Ich falle nicht die Stufen hoch. Ich muss mir das headset reinfriemeln. Meine Haare stehen ab. Der Scheinwerfer blendet mich. Ich muss hinter dem Pult stehen bleiben, darf nicht laufen. Meine Mikrofonstimme hört sich seltsam fremd an. Ich atme zu schnell. Nach zwei Minuten  gucke ich genauer ins Publikum, sehe den orthopädischen Professor hinten sitzen. Er trinkt einen Kaffee. Ich werde ruhiger. Bin  sieben Minuten zu früh fertig. Alle klatschen, eine kurze Frage vom Chef. Ich bin durch. Schwebe von der Bühne. Ohne zu fallen. Dauergrinsen.

In der Pause schlägt der orthopädische Professor mir auf die Schulter. Gut gemacht.

Ach ja, die UKM Professorin verheddert ebenfalls ihr headset. Und ihre Haare stehen ab.

🙂