Geriatrisches Telefonat

Heute am Telefon:
Am anderen Ende eine ältere knarzige  Stimme: „Mein Doktor hat mir eine Einweisung für das Krankenhaus gegeben. Ihr sollt mich mal wieder fit machen.“
Ich (hasse spontanes Duzen): “ Worum geht es denn genau bei Ihnen?“
Stimme: „Ja hab ich doch gesagt, wieder fit werden.
Ich: „Wieso sind Sie denn nicht fit?“
Stimme: „Ja, weil ich so ein komisches Gefühl im Kopf habe. Und auch mein Rücken und Blutdruck. Und mein Zucker erst.“
Ich (kriege langsam auch ein komisches Gefühl im Kopf): „Können Sie denn laufen?“
Stimme:  „Ja, bis nach Edeka schaffe ich wohl noch.“
Ich (Edeka reicht für die TK):  „Gut, ich gebe Ihnen dann die Durchwahl für die Tagesklinik, dort können Sie einen Termin ausmachen.“
Stimme: “ Was ist denn eine Durchwahl?“
Ich (lautlos den Kopf auf den Schreibtisch schlagend): „Das ist die Telefonnumer von der Tagesklinik. Dort können Sie direkt anrufen.“
Stimme: „Moment, ich hole ebend einen Stift „. (Wieso sagen eigentlich so viele Leute ebend mit D am Ende? Oder auch Kernspind?)
Ich höre Geraschel und Gewühle am anderen Ende. Eine Viertelstunde vergeht. Mindestens. Ich überlege, was wir am Wochenende kochen können. Hähnchen vielleicht, immer gut.
Stimme (mich aus meinen Kochplänen reißend): „Der schreibt nicht.“
Wundertmichjetztnicht.
Ich (gebe auf):  „Herr M, wir rufen Sie dann zurück. Ihre Nummer sehe ich auf meinem  Telefon.“
Stimme Herr M:  „Ja, und dann müssen wir noch eine Fruchtwasseruntersuchung machen, hat mein Neurologe gesagt.“

Ich (kannnichtmehr vor unterdrücktem Lachen, rolle über den Boden, komme nicht mehr hoch): „Sie meinen bestimmt eine Nervenwasserentnahme?“

Herr M (über die Schulter zu seiner Frau rufend): „Inge, war das jetzt Fruchtwasser? Oder Nervenwasser? Irgend sowas halt.“

Irgend sowas kann ich.  Das kriegen wir schon hin, mein lieber Herr M!

Google Tochter

Heute auf der Visite:

Zimmer 2: Herr B., freundlich lächelnd, siebzig Jahre alt, kommt zur Demenzabklärung. Schon seine mit zahlreichen Äderchen durchzogene rötlich blau schimmernde Nase und seine Liebe zu hochprozentigem  Alkohol lässt mich  auf eine Korsakow Demenz tippen. Neben ihm seine etwas ängstliche Ehefrau.

Daneben pumpt sich schon die latent aggressiv Tochter auf. “ Ich arbeite ja auch im Krankenhaus, ichkennmichaus“ (wahrscheinlich putzt sie im Labor…).

Ich frage mich, wieso die 45 jährige so viel Tagesfreizeit hat seit drei Tagen vormittags im Krankenhaus hocken.

In der Hand der Tochter mehrere eng beschriebene Zettel, sorgfältig in einer Plastikhülle. Ich ahne  Schlimmes.

Und richtig, es kommt die ganz grosse Nummer:

Sämtliche Symptome, die der Vater seit 10 Jahren hat, angefangen vom Schwindel beim Aufstehen, Nackenschmerzen, zitternden Knien, Verstopfung, Durchfall, komischer Haut, zittrigen Händen und Gedächtnisstörungen sind hier penibel aufgeführt.

Und jetzt *Trommelwirbelundtusch*: Die von der Tochter gegoogelte  Diagnose lautet nicht, wie wir vermuten, auf Säuferdemenz sondern: Testosteronmangel!

Absoluter Dummfug denke ich, Testosteronmangel macht keine Demenz.  Aber es steht mir wohl auch auf der Stirn geschrieben, denn da legt die Google Tochter auch schon los: „Schulmediziner, alle keine Ahnung. Wir  laufen von Arzt zu Arzt und keiner nimmt uns Ernst…

Die Google Tochter rückt mir immer mehr auf die Pelle. Ich versuche auszuweichen.  Keine Chance, hinter mir ist der Schrank.

Ich versuche zu flüchten. Es klappt nicht. Ich ergebe mich  in den nächsten Wortschwall von  Wikipediahalbwissen, der beginnt mit  den Worten:  „Und auf Vitamin H haben Sie wohl auch nicht getestet…“

Ich schließe die Augen. Verfluche Larry Page. Versuche mich in ein angehörigenfreies Paralleluniversum zu beamen.  Es gelingt nicht. 😉

Mittwoch

Sechs Uhr morgens, Nieselregen, es ist dunkel, ich bin müde, habe Muskelkater vom Badminton. Auf der A3 meint  ein kleiner beschissener KIA ohne Blinker rüberzuziehen und einige Kilometer vor mir her zu schleichen. Dankeschönauch.  In der Tiefgarage trödelt ein riesiger schwarzer Mercedes vor mir und überlegt stuuuundenlang, in welche Parklücke er jetzt nun reinfahren kann. Machhin.

Draußen steht ein NAW mit flackerndem Blaulicht und wartet auf den Anästhesisten. Baulärm. Der Kranausleger schwankt im Wind.  Ich höre das hektische Piepsen der Intensivmonitore. Krankenhaus schläft nie.

In der Frühbesprechung warten zwei blasse, übernächtigte Assistenzärzte. Gott sei Dank nicht viele Aufnahmen, keine ausgelagerten Patienten. Eine Patientin ist erwartungsgemäß (wie es im Arztjargon heißt) gestorben.   Ein Rudel Unfallchirurgen lärmt mir auf der Treppe entgegen. Vor mir auf dem Flur meckert  ein Mann mit einem Pflaster am Ohr über das „verbaute“ Krankenhaus. Nebenan schimpft meine Sekretärin mit dem Schreibdienst. Ich brauche Kaffee. Dringend.

Mein Schreibtisch sieht gut aus, fast alle Akten weggearbeitet. Es klopft. Die freundliche  Blonde vom Controlling legt mir einen neuen meterhohen  Stapel Akten auf den Tisch und ignoriert meine wütenden Blicke.

Mittwoch. Mitte der Woche. Eigentlich schon fast Wochenende.   Aber da muß ich arbeiten. Krankenhaus schläft nie. 😉

(Noch)

So, der erste Arbeitstag nach den Feiertagen ist vorbei. Noch halten meine guten Vorsätze.
Noch habe ich nicht gehupt (der eine Holländer auf der A3 zählt nicht) und bin recht brav Auto gefahren (finde ich jedenfalls.) Sogar auf der rechten Spur (aber das war eher ein Versehen).
Noch habe ich nur ruhige Musik gehört (die Toten Hosen habe ich leise gestellt).
Noch habe ich gestern gesunde Sachen gegessen (zwei zehn Veilchenlakritze und die eine kleine Orangenpraline zählen nicht). Heute gibt es in der Cafeteria Barbecuesteak mit Kartoffelschiffchen mit 630 kcal (ich bin heute viel gelaufen und habe morgens nur eine Orange gegessen, da kann ich mir das noch erlauben, findichdoch).
Noch ist mein Schreibtisch aufgeräumt. Mein Auto sieht auch noch passabel aus.
Noch trinke ich Wasser. „Quellbrunn Medium“ steht auf meinem Schreibtisch. Gestern habe ich die Flasche sogar zur Hälfte ausgetrunken. Das eine Glas Sekt gestern abend nach dem ersten Arbeitstag zählt nicht (ich habe es nämlich mit geschlossenen Augen getrunken, das gilt dann wie gar nicht getrunken).
Ich habe sogar heute morgen den grummeligen Chirurgen gegrüßt, noch…;-)

Machmallauter – The drugs don´t work – The Verve

All this talk of getting old
It’s getting me down my love
Like a cat in a bag, waiting to drown
This time I’m coming down
….
And I hope you’re thinking of me
As you lay down on your side
Now the drugs don’t work
They just make you worse
But I know I’ll see your face again

Now the drugs don’t work
They just make you worse
But I know I’ll see your face again…“

The Verve können anders und Ernst. In dem Lied geht es um den krebskranken Vater, der die letzten Meter seines Lebens erreicht hat. Medikamente helfen nicht mehr.

Todkrank sein ist halt nichts für sissies.

New year’s day

So, der Sekt ist kalt gestellt. Die Küche ist aufgeräumt (naja,fast). Die Haare liegen gut. Hohe Schuhe heute Abend? Mal gucken. Wo ist mein zweiter türkiser Ohrring?? Immerdasgleiche.
In Aserbaidschan ist schon new year´s day. Lasst es rocken! Auf ein buntes lebendgieriges 2013! 😉

Zum guten Schluß

eine kleine Geschichte.
40 jährige Tochter einer Patientin, die hier mit Herzinsuffizienz liegt.
Tochter ruft mit ihrem Handy auf unserer Station an.
Schwester Moni geht dran.
Tochter: „Ich sitze hier gerade in der Cafeteria. Können Sie mir meine Mutter mit dem Rollstuhl runterschieben?“
Moni (hyperventilierend, parallel auf dem Krankenhausflur schellen gerade sechs Patienten Sturm, zwei übergeben sich, einer hat übelriechenden Durchfall):
„Nein, kann ich nicht, dazu haben wir keine Zeit.“
Tochter: “ Wieso denn das nicht? Ist doch nur eine Kleinigkeit.  Patienten sind Kunden, unverschämt,blah blah, werde mich beschweren, Chefarzt sprechen, blah, blah…“
Moni: „Wieso kommen Sie nicht selbst und holen ihre Mutter?“  (Die Cafeteria ist zwei Stockwerke unter der Station.)
Tochter: „Ich? Nein, das ist nicht meine Aufgabe.“

Mutter = Aufgabe.

Mir ist kalt. Moni legt wortlos auf.

Machmallauter – Harder than you think – Public enemy

Soundtrack von End of watch, dem neuen Actionfilm mit  Jake Gyllenhaal und Michael Peña.

Hörenswerte und kraftvolle Musik von public enemy.

Sehenswert ist End of watch, wenn ihr auf die ruckelige Kameraführung nicht mit Übelkeit reagiert.
Sehenswert ist End of watch, um sich den Mund von Jake Gyllenhaal in Großaufnahme anzuschauen.
Sehenswert ist End of watch, wenn ihr auf schmutzige Sprache steht.
Sehenswert ist End of watch, wenn ihr am Ende weinen wollt.
Nicht sehenswert ist End of watch, wenn ihr mit einem Lächeln aus dem Kino gehen wollt. 😉