Magnetpilz

Auf meiner neuen Station gibt es einen riesigen offenen Pflegestützpunkt mit einem Tresen. Es wirkt ein bisschen wie eine Rezeption im Hotel. Der Unterschied ist, wir sind kein Hotel. Vorne befinden sich zwei PC Arbeitsplätze, an denen ich häufig sitze.

Um zu arbeiten. Was natürlich nicht gelingt, da jeder Angehörige an mir vorbei stolpert, mich sieht und mal eben etwas wissen will. Wo sind die Messer, Wasser, Kaffee, Sozialarbeiter, wieso ist die Erde rund und der Mond hell usw. usw. usw. Manchmal komme ich mir vor, wie der Magnetpilz von PvZ, der die Helme der Zombies anzieht.  Ich ziehe die Probleme an, wenn ich vorne sitze.

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Magnet Nummer 1:

Gestern strebt ein Ehepaar in Lodenmänteln  auf mich zu. Ich ducke mich hinter dem Bildschirm, zu spät. Sie stehen vor mir, gucken auf mich runter.

Keine Begrüßung, kein guten Tag: „Mein Bruder geht morgen!“

Ich (das kann sein, wir haben 79 Patienten, wer soll der Bruder sein, grüßen Sie erst mal ) warte ab, sage nichts.

Loden: „Er braucht die Tabletten für 5 Tage!!“ Kein Bitte.

Ich: “ Morgen ist Donnerstag, ein normaler Arbeitstag. Sie können zu dem Hausarzt gehen.“

Loden: “ Der ist im Urlaub!“

Ich: „Dann gehen Sie zu der Vertretung.“

Loden (berentet, Tagesfreizeit) giftet mich an: “ Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Wenn Sie meinen.  Wenn Sie es verantworten können!!!“

Ja, kann ich. Als ob es draußen keine Ärzte gibt.  Nebenbei, hätte der Loden Bitte und Danke gesagt, hätten wir dem Bruder die Tabletten mitgegeben.

Magnet Nummer 2:

Ich sitze vorne, gucke die Laborwerte durch. Höre herrisches Absatzgeklacke. Vor mir steht eine dunkelhaarige Pagenkopfrau.

„Wo liegt Herr Müllermeierschmidt?“ Begrüßung scheint irgendwie so out zu sein.

Ich: „Herr Müllermeierschmidt ist gestern entlassen worden.“

Dem Pagenkopf fallen fast die Augen aus dem Kopf.

„Ich habe mich extra aus  Bochum hierhin gekämpft, um ein Gutachten zu erstellen!!“

Ich (Bochum ist zwei Kilometer entfernt): „Ich kämpfe mich auch jeden Tag hierhin.“

Der Pagenkopf hechtet fast über den Tresen. Mir reicht´s. Dies ist ein Krankenhaus, Menschen werden aufgenommen, entlassen, verlegt, sterben. Nicht immer nach Termin. Rufen Sie vorher an.

Wenn das so weiter geht, werde ich mich in die Kirschbombe oder die Kokosnuss Kanone verwandeln. Oder doch die Kartoffelmine? 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langer Tag

Einkaufen nach der Arbeit, ich liebe es.

Gehe zu Real in Bochum, einmal hin, alles drin. Es läuft ganz gut, bin schnell fertig. Bis ich an der Kasse lande.  Wer mich kennt: Auf der Arbeit endlose Geduld mit schusseligen Assistenzärzten, nach der  Arbeit keine 2 Sekunden Geduld für irgendwas. Oder irgendjemanden.

Es kommt, wie es kommen musste.  Vor mir an der Kasse steht ein Mann.

Er redet. Mit der Kassiererin. Und legt im Zeitlupentempo seine Sachen aufs Band.  Und redet. Schiebt natürlich keinen Warentrenner dazwischen. Wieso muss ich das eigentlich immer machen?  Und nebenbei redet er.  Ich könnte ihn aus seinem schmierigen Hemd kloppen. Es geht um seine Mutter, die im Krankenhaus liegt. Natürlich blöde Ärzte, und der Pflege hätte er erst mal Bescheid gestoßen. Die Mutter hätten sie kaputt gemacht. Ich schaue auf die fünf Zigarettenpackungen, die Tonne Schokolade, die er aufs Band geworfen hat und auf seine gelben Fingernägel. Wenn er nach Mutti kommt, kein Wunder, dass es Mutti schlecht geht. Dann zahlt er noch mit Karte. Bis er die Karte aus seiner speckigen Hose zieht. Endlose Zeiten und Dimensionen vergehen. Und dann noch die Payback Karte. Dann kapiert er nicht, dass man auf dem Gerät unterschreiben muss. Nebenbei redet er und redet er. Und stielt mir meine Lebenszeit. Ich stöhne laut auf. Endlich bemerkt er, dass er nicht alleine auf der Welt und im Real ist.

Momentchen junge Frau!“

Ich: „Wäre schön, wenn ich heute nochmal nach Hause komme!“

Habe einen langen Tag hinter mir mit Dir und Mutti.