Niedlich

Montag. Muss ich noch was dazu sagen?  Stau auf der A40, nur Salamibrötchen in der Cafeteria, der Aufzug ist defekt, ich arbeite im 5. Stock, gefühlt im 7.

Rotköpfig biege ich mit letztem Schwung um die Ecke auf meine Station. Treffe natürlich prompt auf meinen ausgeruhten süffisant lächelnden Chef. Schläft er hier im Krankenhaus? Im Weiterlaufen höre ich aus Zimmer 12  die laute knatschende Stimme von Herrn M.: „Auf die jungen Leute kann man sich auch nicht mehr verlassen!!!“ Hätte am liebsten auf dem Absatz umgedreht. Lieber Herr M. Man kann sich auf gewisse Menschen nicht verlassen, das hat nichts mit dem Alter zu tun.

Weiter geht’s.  Mein Assistenzarzt ruft mich an. Frau B. will heute nicht gehen. Sie weigert sich. Das habe man ihr nicht gesagt. Frau B., wir haben es Ihnen vor zwei, vor einer Woche, vor fünf Tagen gesagt. Frau B. mit Demenz klammert sich ans Bett. Das sei zu plötzlich. Ihr geht es nicht gut.  Die hilflose Nichte steht daneben. Gott sei Dank habe ich keinen Bettendruck. Gut, morgen nach dem Frühstück. Frau B. beruhigt sich. Ich mich auch.

Die erste Aufnahme. Alte Dame nach periprothetischer Fraktur mit Gamma Nagel.  Gestern operiert, heute zu uns verlegt. Daneben lauert schon die Tochter. Stachelige Haare in drei unterschiedlichen  Rottönen, schwarzrot, blondrot und blaurot, nerdige Brille.   Rothaarige Töchter mit Tagesfreizeit, das verheißt nichts Gutes. Und richtig.  Wir sind kaum drei Sekunden im Zimmer drin, schon regt sie sich auf. „Meine Mutter ist nicht fit. Letztes Mal war das aber anders!!   Und der Baulärm… Und das Zimmer… Und das Bett….“ Liebe Stacheltochter: Ihre Mutter ist 91 und gestern operiert worden. Die letzte OP war vor 10 Jahren. Und für den Rest kann ich nix.

Ich bespreche mit meinem Assistenten die weiteren Neuaufnahmen. Jemand klopft herrisch an die Tür. Es sind Angehörige, die jetztundsofort Auskunft haben möchten. In zwanzig Minuten geht es erst.  Patientenversorgung geht vor. Sofort lautes Gezeter, Unverschämtheit ist noch das freundlichste  Wort, was wir hören.

Zeitgleich fängt heute eine Studentin an. Blass mit Sommersprossen und blondem Zopf. Schüchtern. Kittel gebügelt. Saubere Sneaker. Sie mag alte Menschen. Fragt sich bloß wie lange.  Sie hätten alle ihre Geschichte. Das fände sie so interessant.

Niedlich. Ich weiß gerade nicht, wann ich das letzte Mal niedlich war. Wahrscheinlich mit drei Monaten. Und es war bestimmt kein Montag 🙂

 

 

 

 

 

 

 

 

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4 Antworten zu Niedlich

  1. Jane Blond schreibt:

    Ich würde sagen: läuft bei dir.

  2. germanginge schreibt:

    Niedlich. Wie ein irischer protestantischer Bär? 🙂 https://www.youtube.com/watch?v=HgIvuASC4SE

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