Dreck

D. und ich waren in B. Im Hotel wollen wir Steak essen.  Das Restaurant „Bad service“ ist offen und leer. Wir haben Hunger. Wir setzen uns. An der Bar zwei Kellnerinnen. Sie polieren hingebungsvoll Gläser. Nun ja. Muss auch sein.

Wir warten. Noch sind wir entspannt. Urlaub. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die Poliere. Sie polieren. Wir scheinen unsichtbar zu sein. Wir sind ja beide auch klein und zierlich und D´.s knallrote Haare übersieht man auch sehr gerne.

Ich merke, wie mein innerer Thermostat ansteigt. Ich knibbel an einem eingetrocknetem Wachsfleck auf dem Tischtuch. Doch jetzt tut sich was. Die Poliere haben ihre Tücher weg gelegt und sind kichernd durch einen Fransenvorhang verschwunden. Erinnert mich an Harry Potter. Das Kabinett mit den Kristallkugeln. Der Vorhang war dort die Pforte zum Tod. Mal gucken, ob die je wieder kommen.

 

Der Polier erscheint nach 10 Minuten. Läuft an uns vorbei. Mein inneres Ich schlägt jetzt mit dem Kriegsspeer auf unsichtbare Schilde.

Sogar D. mit seinem unterkühltem englischen Temperament schaut wütend. Er steht auf. Läuft im zackigen Militärschritt zur Bar. Kehrt mit der Kellnerin im Schlepptau zurück. Ihr Polo Shirt ist dreckig. Kein jetztebenerst passiert Dreck. Sondern alter eingetrockneter Dreck. Irgendwie habe ich keinen Hunger mehr.

Ende vom Lied: Es gibt keinen Koch. Kommt später.

„You can have a Pizza or Lasagne or something.“  Ich höre schon das Ping der Mikrowelle. Der alten Mikrowelle. Mit eingetrocknetem Dreck.

 

 

 

 

 

Niedlich

Montag. Muss ich noch was dazu sagen?  Stau auf der A40, nur Salamibrötchen in der Cafeteria, der Aufzug ist defekt, ich arbeite im 5. Stock, gefühlt im 7.

Rotköpfig biege ich mit letztem Schwung um die Ecke auf meine Station. Treffe natürlich prompt auf meinen ausgeruhten süffisant lächelnden Chef. Schläft er hier im Krankenhaus? Im Weiterlaufen höre ich aus Zimmer 12  die laute knatschende Stimme von Herrn M.: „Auf die jungen Leute kann man sich auch nicht mehr verlassen!!!“ Hätte am liebsten auf dem Absatz umgedreht. Lieber Herr M. Man kann sich auf gewisse Menschen nicht verlassen, das hat nichts mit dem Alter zu tun.

Weiter geht’s.  Mein Assistenzarzt ruft mich an. Frau B. will heute nicht gehen. Sie weigert sich. Das habe man ihr nicht gesagt. Frau B., wir haben es Ihnen vor zwei, vor einer Woche, vor fünf Tagen gesagt. Frau B. mit Demenz klammert sich ans Bett. Das sei zu plötzlich. Ihr geht es nicht gut.  Die hilflose Nichte steht daneben. Gott sei Dank habe ich keinen Bettendruck. Gut, morgen nach dem Frühstück. Frau B. beruhigt sich. Ich mich auch.

Die erste Aufnahme. Alte Dame nach periprothetischer Fraktur mit Gamma Nagel.  Gestern operiert, heute zu uns verlegt. Daneben lauert schon die Tochter. Stachelige Haare in drei unterschiedlichen  Rottönen, schwarzrot, blondrot und blaurot, nerdige Brille.   Rothaarige Töchter mit Tagesfreizeit, das verheißt nichts Gutes. Und richtig.  Wir sind kaum drei Sekunden im Zimmer drin, schon regt sie sich auf. „Meine Mutter ist nicht fit. Letztes Mal war das aber anders!!   Und der Baulärm… Und das Zimmer… Und das Bett….“ Liebe Stacheltochter: Ihre Mutter ist 91 und gestern operiert worden. Die letzte OP war vor 10 Jahren. Und für den Rest kann ich nix.

Ich bespreche mit meinem Assistenten die weiteren Neuaufnahmen. Jemand klopft herrisch an die Tür. Es sind Angehörige, die jetztundsofort Auskunft haben möchten. In zwanzig Minuten geht es erst.  Patientenversorgung geht vor. Sofort lautes Gezeter, Unverschämtheit ist noch das freundlichste  Wort, was wir hören.

Zeitgleich fängt heute eine Studentin an. Blass mit Sommersprossen und blondem Zopf. Schüchtern. Kittel gebügelt. Saubere Sneaker. Sie mag alte Menschen. Fragt sich bloß wie lange.  Sie hätten alle ihre Geschichte. Das fände sie so interessant.

Niedlich. Ich weiß gerade nicht, wann ich das letzte Mal niedlich war. Wahrscheinlich mit drei Monaten. Und es war bestimmt kein Montag 🙂

 

 

 

 

 

 

 

 

Uniklinik

Diese Woche war viel zu tun. Wie mein Chef zu sagen pflegt: „Frau Doktor, das ist eine Uniklinik!“ Dabei zieht er spöttisch den Mundwinkel hoch. Nee, ist klar, als würden die anderen Kliniken nicht arbeiten.

Ich denke kurz an heute morgen. Ich habe eine geschlagene halbe Stunde nach einer Untersuchungsliege gesucht, um einen ambulanten Patienten zu untersuchen. Das ist Uniklinik.

Chef erzählt mir begeistert von Barorezeptorstimulation zur Behandlung von therapierefraktären Hypertonikern. Seine Augen funkeln.  „Das ist Uniklinik Frau Doktor!“  Ich gucke interessiert. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen meiner dementen Patienten  über den Flur in Richtung Stationsküche wackeln. Ohne Hose. Das ist Uniklinik.

Chef hat ein neues Konzept für Bedside teaching.  „Wir sind halt Uniklinik, Frau Doktor, wir müssen den Studenten was bieten!“  Im Aufzug steht ein aufgeblasener PJ Student, dem die Welt gehört. Er erzählt großspurig über seinen ersten Dienst.  An seinen Lippen hängt eine großäugig aufschauende  Schwesternschülerin. Uniklinik.

Morgens schnappt mir in der Cafeteria ein pfeifender Bauarbeiter das letzte Käsebrötchen mit Gurke weg , zieht sich noch „eben“ fünf Kaffee und zahlt mit Ein Cent Münzen.  Aaaargh Uniklinik.

Laut Liste des Controlling müsste ich den zeternden Parkinsonpatienten, der gestern gekommen ist und nicht bleiben möchte,  noch einen Tag hier behalten. Damit es keinen Abschlag von 200 Euro gibt. Uniklinik halt.

Grinsend schreibe ich den Entlassbrief. Für heute. Auf eigenen Wunsch. Meine Uniklinik halt.