Machmallauter – Sondaschule – Mülheim

Frisches auf die Ohren. Das Gefühl der Heimatverbundenheit lässt sich schwer beschreiben. Aber besingen! Rote Köpi Kästen, Strassen, A 40, nette Menschen, coole Musik, Essenmülheimoberhausendortmund, Gewohnheit, anstrengender Alltag. Es gibt nur Dur – in Mülheim-Ruhr. Von Duisburg bis nach Dortmund ist die Welt in Ordnung. Statt zur Beichte geht es ins Stadion.

Thx Jan! 🙂

Boris Müller

Er, Ende 70, rotes Gesicht, erweiterte Äderchen auf der Nase, sieht aus wie Boris Becker kurz vor einem Herzinfarkt.
“Guten Morgen Herr Müller.  Sie haben bei der Aufnahme gestern angegeben, dass Sie keine Vorerkrankungen haben und  keine Medikamente einnehmen. Respekt!“.
Boris Becker Herr Müller guckt mich an, in seinem Kopf klicken langsam die Rädchen.

Ich: “Oder nehmen doch was ein?”

Zuckt mit den Schultern. Nickt. Knüddelt einen Zettel aus der Nachttischschublade.

“Da.”

Ah, ich liebe diese Einwortsätze. Ich gucke auf den Zettel und lese die Liste an Medikamenten durch.
“Herr Müller. Sie nehmen Simvastatin, Delix, Metoprolol, Metformin, ASS und Plavix ein!“
“Weiß nicht.”
“Steht hier drauf!”
Plavix und ASS  heißt das Boris Müller einen Stent hat und einen Herzinfarkt gehabt hat. Dazu noch Bluthochdruck und Diabetes und eine Fettstoffwechselstörung.

“Herr Müller, hatten Sie mal einen Herzinfarkt?”
“Ja. Letztes Jahr war das.” Woooow, mehr als ein Satz.
“Und da hat man Ihnen Stents gesetzt?”
„Haben da irgendwas gemacht. So Röhrchen halt.”

Jaaa, die berühmten Röhrchen.

„Und Sie haben auch Zucker?“

„So ein bißchen.“

Ich schaue auf den sportlichen HbA1c Wert von 10 % und einen Nüchtern Wert von 311 mg/dl. Spricht gegen ein bißchen Zucker. Spricht  für viel Zucker.

Boris Müller zeigt auf seinen rechten Fuß.

„Da.“

Ich blicke auf Freddy Krueger artige Krallen, schrundige gelbe Hacken und ein dickes Panaritium an der Großzehe.

„Brauch Fußpflege!“

Wie ich sowas hasse! Echt jetzt! Kümmern sich Jahrzehnte nicht um ihre Füße. Aber kaum im Krankenhaus angekommen, muß pronto die Fußpflege angaloppieren. Ich erinnere mich an eine Patientin, die vier Tage bei uns gelegen hat. Die Tochter beschwerte sich nach der Entlassung schriftlich bei der Geschäftsführung, dass wir Mutti mit langen Zehennägeln entlassen haben. Die sind ja sicherlich auch innerhalb der vier Tage hier so lang geworden. Aber ich merke, ich schweife ab.

Zurück zu Boris.

Frage ihn, was er beruflich gemacht hat.

„Auf´m Bau. Bin dann vom Gerüst gefallen. Ging nicht mehr“.

Ich merke, wie mein Herz weich wird. Jetzt hat er mich. Handwerkern verzeihe ich irgendwie viel, Ein Wort Sätze, Röhrchen im Herz, schlampiger Zucker, knuddelige Medikamentenlisten.

Aber Herr Müller, über Ihre Füße müssen wir nochmal sprechen!!

Ein Bein

Ärztewitz: Was machen 3 Internisten auf einer 10 Betten Station den ganzen Tag?
Antwort:  Visite den ganzen Tag!

Internistische Chefarztvisiten sind lang und grausam.

Dienstag, Punkt 14 Uhr. Chef verspätet sich 30 Minuten. Großartig, ich wollte um 20 Uhr ins Kino.

Zimmer 1: Frau Müllermeierschmidt mit Z.n. Nierentransplantation, aktuell hier wegen Schwindel. Nierentranplantation.  Oh ha! Das kann dauern! Nephrologen sind sehr pingelig. Und richtig: Der Chef nimmt jede einzelne Pille unters Korn, wie ist der Tacrolismus Spiegel, wo ist das Cellcept hin verschwunden, wie ist die GFR? Wieso ist das Lasix reduziert? Nebenbei erzählt er noch von den neusten Studien eines Bludruckmedikaments. Wahrscheinlich an 20 hypophysektomierten Meerschweinchen getestet. Alle schwarz weiß. Die Meerschweinchen. Mein Rücken schmerzt langsam. Ich stelle mich auf ein Bein. Chef runzelt die Stirn. Nehme das Bein wieder runter.

Endlich ins Zimmer: Worst Case. Die Tochter ist da. Die will endlich mal alles gaaaaaaaanz genau wissen. Nicht, dass wir es ihr alles gestern gaaaaaaaaaanz genau erklärt haben.  Mein Rücken schmerzt, ein Bein, Chef guckt, Bein schnell wieder runter.

Meine Assistenzärztin wird nervös, verhaspelt sich. Chef zieht die Augenbrauen hoch. Lächelt ohne nett zu sein. Mein Knie tut weh.

Nächstes Zimmer:

Patient mit einer Motoneuronerkrankung, Chef kennt sich da nicht so aus. Verhakt sich wieder an den Blutdruckmedikamenten.

Weiter geht es. Die nächsten Zimmer laufen ähnlich zäh. Ich kann den Chef gerade noch davon abhalten bei einer kontrakten 95jährigen Patientin leitliniengerecht einen Cholesterinsenker anzusetzen. Ich habe Durst.

Im nächsten Zimmer erzählt eine Patientin mit grauen Krussellocken langatmig, dass sie vor einem Jahr ein Blutdrucktablette nicht vertragen habe. Eine kleine gelbe (die sind irgendwie immer klein und gelb). Lehne mich unauffällig gegen die Wand, ein Bein. Chef mustert mich mißtrauisch. Ich habe Durst. Und Hunger. Der Chef hat makellos geputzte weiße Lederschuhe. Hemd und Krawatte bei der Hitze. Haare frisch geschnitten. Ich fühle mich zauselig.

Ich merke gerade beim Schreiben, dass der Artikel genauso lang wird wie eine internistische Chefarztvisite.

Deshalb Schluß und Ende und Punkt. Muss doch noch ins Kino.