Läuft

Erster Tag in meiner neuen Stelle.  45 Minuten zu früh. Kaum geschlafen. Nichts gegessen. Auf dem Kinn entwickelt sich ein unterirdischer pochender Pickel. Sitze im Auto auf dem Parkplatz.  Verfluche mich. So schlecht war die alte Stelle irgendwie doch nicht.  Überlege, ob ich eben schnell in den Busch neben meinem Auto kotzen soll. 

Vor der Klinik ist eine riesige Baugrube. Auch eine Möglichkeit zu verschwinden.

Tief durchatmen (als ob das je geholfen hätte). Feuchte Hände. Warte  vor dem Sekretariat. Rote hektische Flecken kriechen mir ins Gesicht, Ruhepuls von 120 bpm. Vielleicht bekomme ich ja jetzt auf der Stelle einen Vorderwandinfarkt und das Thema ist dann durch.  Die Tür wird aufgerissen. Mein neuer Chef steht vor mir, braungebrannt, gut gelaunt. Er guckt mich an, holt mir einen Kaffee: “ Erste Tage sind schrecklich. Man sollte sie einfach abschaffen.Wir freuen uns sehr, dass Sie da sind!“

Läuft.

Ex Machina

Geht in den Film, wenn

– Ihr frische Schauspieler sehen wollt.

– Ihr wissen wollt, was „Marys Zimmer“ für ein Gedankenspiel ist.

– Ihr auf sexy Roboter steht.

– Ihr philosophische Kammerspiele mögt.

– Ihr täglich Wodka und Bier durcheinander trinken könnt.

– Ihr ein furioses Ende sehen wollt.

– Ihr  sterile klaustrophobe Räume mögt.

Geht nicht in den Film, wenn

– Ihr müde seit. Es besteht die Gefahr, dass Ihr bei Tag drei einschlaft.

– Ihr an das Gute im Roboter glaubt.

Ausrufezeichen

Gestern bei meinem neuen Friseur.

Ich habe mir vorher extra die Haare gewaschen (das ist als würde man putzen, bevor die Putzfrau kommt), ich habe mich vorher extra geschminkt. Mascara mit Volumeneffekt, schwarz, dreimal, Augenbrauenstift, braun, einmal, Foundation (sehr sorgfältig) zweimal, auch am Hals verstrichen, damit man keine Ränder sieht, Lippenstift, Lipliner. Den abgesplitterten rosa Mädchennagellack sorgfältig übermalt, zweimal. Kurz, ich fühle mich schon wie eine Schauspielerin in der Maske.

Bei der Beratung mustert Dennis (ja, er heißt wirklich so), der Friseur mich kritisch:

„Du bist ja eher der sportliche  Typ. Kein Make up. Keine Schminke. Da machen wir was ganz Natürliches!!!“

Mir fällt fast die Tasse Kaffee aus der Hand. Genau, vollkommen natürlich.

Tief in mir brüllt mein rosafarbenes Ich: 

„ICH BIN EINE FRAU (drei Ausrufezeichen).“

„ICH BIN GESCHMINKT (vier Ausrufezeichen).“

„ICH BIN NICHT DER  GEFLOCHTENE NATURSANDALENTRÄGER UND  JACK WOLFSKIN VEREHRER  (fünf Ausrufezeichen).“

„ICH WILL EINE FLASCHE HAARSPRAY, EXTRA STRONG  UND EIN KILO LOCKENWICKLER, BIG HAIR,  MINDESTENS (sechs Ausrufezeichen).

Dann nach einer Minute räuspert sich mein  reales Ich mit den flachen Sneakern: „Ja, genau was ganz Natürliches. Einfach mit den Händen fönen.“ (ein Ausrufezeichen, kein Fettdruck).

Ruhe!

Heute im Aufzug:

Fünf müde Ärzte auf dem Weg zu Frühbesprechung. Keiner spricht, alle gucken stumpf vor sich hin. Denken an Kaffee. Heiß, schwarz. Denken ans Wochenende. Der Aufzug hält im Erdgeschoß. Herein strömt eine gut gelaunte schnatternde Hausfrauentruppe auf dem Weg zum Bewegungsbad. Sie bringen eine Woge kalte Morgenluft mit rein. Sie sind laut. Sie lachen. Wir sind müde. Denken an Kaffee. Denken ans Wochenende.

Die Anführerin mit kurzen Haaren und „kesser“ grauer Strähne im schwarzen Pony (ich hasse das) ergreift sofort das Wort:

„Guten Morgen!!!!“ Lautstärke gefühlte 100 dB.

Ich murmel etwas zurück. Am liebsten würde ich gar nicht grüßen. Wozu auch? Aber unser Leitbild.., nett zu den Kunden sein.., Außenwirkung.. usw.

Das Pony gibt nicht so schnell auf.

„Was für ein Wetter!!! 120 dB.

Jaaaaa.  Das gute alte Wetter. Von dem Wetter kriegen wir nix mit. Und auf dem Stationsflur riecht es nach Clostridien. Und wir müssen arbeiten. Und wir hatten noch keinen Kaffee.

„Und alle  gucken so ernst!! 125 dB.

Ich gucke einfach nur auf meine Schuhe. Entdecke einen Fleck. Will nicht wissen, was das ist. Lassmicheinfachinruhe, dummes Pony, du.

Vergeblich. Das Pony schalmeit weiter:

„Sind doch alle noch so jung, da muß man doch bessere Laune haben!

130 dB.

Nein, muß ich nicht. Wir haben unser Recht auf unseren gepflegten Morgengrummel . Und auf eine ruhige Minute im Aufzug. Mit 0 dB. Danke. 🙂

 

 

 

 

 

 

Lackbrösel

Anzeichen, dass der Lebenslack langsam aber sicher abbröselt:

1. Ich gehe mehr als einmal im Jahr in eine Apotheke.

2. Ich habe eine Lieblingsapotheke. Mit einem Lieblingsapotheker.

3. Ich habe eine Baumwolltasche mit dem Logo meiner Lieblingsapotheke.

4. Ich sammel Wertmarken, die ich einklebe um 5 Euro Rabatt zu bekommen.

5. Ich bekomme Anti Rides Serum für die anspruchsvolle Haut.

6. Die Studenten halten mir die Tür auf und müssen ihren Schritt verlangsamen, weil ich nicht so schnell bin.

7. Ich weiß nicht, was oder wer Babo ist. Halte es für eine ungarische Billigautomarke.

8. Überlege, ob ich in einen ebenerdigen Bungalow umziehen soll.

9. Es knackt in meinem  linken Knie so laut, dass ein Kollege sich gestern erschreckt umgedreht hat.

10. Ich bin die Älteste bei H&M. Und die Jüngste bei Appelrath und Küpper (aber da passt mir sowieso nie was).

11. Ich überlege, ob ich noch Chucks tragen kann.

12. Ich überlege, ob ich noch ärmellose Shirts tragen kann.

Und der größte Lackbrösel ist:

Die verständnislosen Blicke meiner Assistenten, wenn ich begeistert vom letzten Bruce Springsteen Konzert schwärme.

Woche 14

Gesehen: Mal wieder Dr. House. „ Ich behandle Krankheiten und keine Patienten“. Yessss.

Gelesen: Einen alten Grisham, den D. im Zug gefunden hat. Kannte ich noch nicht.

Gearbeitet: Ja.

Gesäubert: Terrasse mit dem Kärcher. Macht Spaß. Und Krach.

Gedacht: Gegen Gelenkschmerzen älterer Menschen hilft nichts so sehr wie die Öffnung von Aldi am Montagmorgen, wenn es graue Gartenmöbel gibt.

Gespielt: Candy crush, schreckliches Spiel. Hänge seit zwei Tagen in einem rosa Gelee Bonbonlevel am Limonadensee fest.

Gewundert: Wieso gibt es am Mittwoch vor Ostern schon keinen Stuten mehr bei Penny?

Geturnt: Stehen auf einem Bein auf einem Schaumstoffpad.

Genervt: Liveticker.

Getrunken: Ich habe die Hugozeit eröffnet.

Gewesen: Auf dem Drachenfels. Wer hat diesen häßlichen Restaurantkubus für neun Millionen dort genehmigt?

Gelernt: Die einfachste Art, etwas wiederzufinden: Kauf es Dir nochmal, kehre in deine Wohnung zurück und finde es unter dem Küchentisch.

 

 

Mal eben

Reifenwechseln. Habe einen Termin beim Boxenstopp. Soll ja extra schnell gehen. Nur zwei statt drei Stunden.

Einen Schritt schneller vor mir erreicht ein mittelaltriger Mann die Theke. Blauer Blouson (wer zieht heute noch sowas an?), knüddelige beige Autofahrerhose, schwarze Schuhe mit durchgehender Gummisohle. Aber wenigstens den Nacken ausrasiert. Riecht nach Old spice. Da ist nichts gegen zu sagen, hat mein Opa auch benutzt.

Und dann kommt der  größte anzunehmende Unfall bei einer Autowerkstatt.

Der Mann lehnt sich vorne über und stützt sich mit einem Ellenbogen auf den Verkaufsthresen, legt das Kinn in die Hand.

Das war es mit meinem freiem Urlaubstag. Wer sich aufstützt, wird sich dort häuslich niederlassen. Wer das Kinn in die Hand legt, wird meine Zeit fressen. Isso.

Und richtig:

Der Blousonmann redet und redet und redet. Ja, Reifenwechsel und Einlagern. Und er hat da so ein komisches Geräusch gehört. Hinten links, oder war es doch vorne? Schleifend und manchmal auch rüttelnd. Ob man mal eben kurz gucken könnte?

Mal eben kurz, jaaaaa, bestimmt. Der Werkstattleiter wird „mal eben“ mit dir und deiner frisch polierten weißen A Klasse auf die Autobahn fahren und dann „mal eben“ wieder zurückkehren und dann „mal eben“ das Auto auf die Bühne heben und natürlich „mal eben“ selbst druntergucken. Das dauert dann „mal eben“ 40 Minuten.

Als ich endlich dran komme, meint der Werkstattleiter, dass es sich etwas verzögern würde. Er habe leider „eben“ einen Kunden dazwischen nehmen müssen.

Ich höre jetzt auch ein komisches Geräusch.  In meinem rechten Ohr.  Klopfend, ein bisschen schleifend. Ach, nur der pulssynchrone Schlag meines stetig steigenden Blutdruckes.

Kurz wabert mir Michael Douglas  in „Falling down“ durch den Kopf.  Er jagt eine Baustelle mal eben mit einer M72-Panzerabwehrwaffe  in die Luft, nachdem er einen Scheiß Tag hatte.

Mal eben 🙂

Falling9-1

 

 

 

 

 

Koffer, Taschen, Täschchen

Wir steigen in den Aufzug. Bepackt wie für einen Umzug, Koffer, Taschen, Täschchen. Ich habe extra eine Tasche nur für Schuhe. 

Die Tür schließt sich.

Die Aufzugtür geht wieder auf, weil irgendein Vollhonk nicht warten konnte.

Vor uns stehen: Drei Frauen, mittelaltrig, kurze graue Haare, schmale Architektenbrillen auf der Nase, selbstgetöpferte grobgliedrige Ketten dreifach um den mageren Hals geschlungen. Lehrerinnen, ich schwör. Alle genauso bepackt wie wir.

Der Aufzug ist klein.

Die Anführerin: „Ist hier noch Platz?“

Ja klar, der Aufzug ist ein Ballsaal! Nur herein! Wonach sieht es denn aus? ES IST  VOLL.

Aber nein.  Die Dreier Bande  drängt mit ihren Koffern, Taschen und Täschchen in den Aufzug.

Sie haben extra Taschen, nur für Schuhe.

Sie drücken die dritte Etage, wir die zweite Etage.

Wir stehen hinten, die vorne.

Auf der zweiten Etage geht die Türe auf.

Und es kommt, wie erwartet.

Alle müssen mit ihren Koffern, Taschen und Täschchen (eine extra für Schuhe) aussteigen. Um dann hinter uns wieder in den Aufzug einzuparken.  Gefühlte nackenhaarsträubende Dauer:  10 Minuten.

Danke und einen schönen Urlaub noch! 🙂