Örgs

Wenn Menschen mir Wortbrocken zuwerfen. Und meinen, ich könnte ihre Gedanken lesen. Örgs.

Ich sitze vorne hinter der Stationstheke am PC, aus Not, hinten war nix mehr frei.

Der Aufzug geht auf.

Eine Frau steigt aus, steuert absatzklackend auf mich zu: “ Herr Schaube??“

(Nein, ich bin nicht Herr Schaube. Der ist 87 Jahre, 162 cm, hat keine Haare und arthritische knubbelige Knie  Und liegt auf Zimmer 8).

Ich sage: „Was möchten Sie bitte?“

Frau, genervt: „Ja, wo liegt denn Herr Schaube???“

Bitte sprechen Sie mit mir in ganzen Sätzen. Lassen Sie mich nicht raten. Ich trage keine Kristallkugel in meiner Kitteltasche (denn hätte ich die, würde ich nicht hier sitzen sondern weit weg. Auf einem sonnigem Eiland mit blauem Meer im Rücken und einem Schirmchen Cocktail in der Hand).  Ich kann weder Gedanken lesen, noch Tarot Karten legen. Örgs.

Bitte sagen Sie Guten Morgen oder Guten Tag. So kleine soziale Basics schmieren den Alltag ungemein.

Auch auf Worte wie „Eeeeehhh Kaffee!!??“ reagiere ich nur mit kompletter Gehörlosigkeit.

Bitte legen Sie Ihre guten Manieren (falls Sie denn je welche besessen haben) nicht ab, bloß weil Sie durch eine Krankenhaustür geschritten sind.

Danke. Örgs.

Aufklärung

Patienten über Magenspiegelung, Darmspiegelung, Operationen usw. aufzuklären, kann  harte Arbeit sein und viel Geduld und Nerven verlangen.

Gehörlos Gerd:

Gerd hat auf dem rechten Ohr noch 0,2 % Hörvermögen und auf dem linken Ohr nix.  Er hat seine Hörgeräte im Wert eines Mittelklassewagens in der Schublade liegen, seine Batterien vergessen oder weigert sich zuzugeben, dass sich sein Hörvermögen auf dem Niveau eines Wassermolches befindet.
Dass ein Gehörlos Gerd in Zimmer 7 liegt, erkennt man bereits am Gebrüll der Krankenschwester,  die die Worte „ZETTEL“ und „AUSFÜLLEN“ abwechselnd laut artikuliert, gestikuliert und tanzt, um Gerd klar zu machen, was man hier von ihm will.

Eltern:

Gut, als Geriater hat man damit nicht so oft Kontakt. Aber die klagenden Anästhesisten, die mit mir Mittag essen gehen, um so mehr. Hier hat man es mit einem schwierigem Klientel zu tun. Sie tauchen in der Ambulanz im Doppelpack und ohne Kind auf, um „zunächst ein Vorgespräch“ zu führen. Stundenlang berichten sie von ihrem sensiblen Thorben-Tristan mit Ärztephobie, bringen tonnenweise ergoogelte Dokumente, alte Impfpässe  und haarsträubendes Halbwissen mit und wollen um jeden Preis mit in den OP.
Lösung: Unmissverständlich klar machen, dass die OP leider nicht auf dem Schoß der Mutter stattfinden kann, und dass die betreuenden Ärzte im Vorfeld auch keinesfalls Kopie ihrer Approbationsurkunden vorzeigen werden.

Substanzmissbrauch-Stefan:

Junger Mann mit bläßlicher Gesichtsfarbe, abgekauten Fingernägeln und langen Ärmeln, der sich beim Beantworten der Drogen-Frage im Bogen fünf Mal neu entschieden hat,  sodass im Textfeld nur durchgestrichene Worte stehen.
Lieber Stefan: Wir verpetzen dich nicht an die Polizei. Wir wollen nur wissen, ob du schon von Haus aus eine Abhärtung gegen unsere guten Narkose-Drogen mitbringst. Alles klar? Hier unterschreiben.

Detail-Detlef:

Dieser Patient trennt sich sehr ungern wieder vom  Aufklärungsbogen. Er füllt diesen in akkurater  Handschrift  akribisch aus und will jeden Punkt dreifach besprechen. Und er braucht mindestens zwei Kopien davon. Dieses unglaubliche Monster-Aufklärungsgespräch verzögert sich immer wieder, weil Detlef nicht einsehen will, dass es völlig wuppe ist, ob seine Galle nun 1996 oder 1997 rauskam, und er deswegen nicht extra seine Frau anrufen muss. Und Erbeerallergien sind für uns auch nicht wirklich relevant. Hier hilft nur hartes Unterbrechen und weiter im Text. Sonst sitzt man mit Detlef übermorgen noch da.

Demenz-Doris:

95 Jahre alt, freundlich zahnlos lächelnd, soll sie für eine Gallenblasen OP unterschreiben. Sie hat eine erstaunlich gute Fassade, die erst auffliegt, als sie es nochmal mit ihren Eltern besprechen will.

Ratzfatz-Renate:

Renate gehört zum Krankenhausinventar. Entweder hat sie keine Lust auf ein Aufklärungsgespräch, oder sie hat es schon tausend Mal gehört, weil sie zum xxxx Re-Eingriff hier ist. Sie unterschreibt für die Nierentransplantation in drei Sekunden und  will direkt wieder nach draußen zum Rauchen. Schnelle Prämedikation, glücklicher Anästhesist.

Die Leut´

Gut eingerichtete Krankenzimmer sind für Patienten wichtig.

Es klopft bei meiner Sekretärin. In der Tür steht eine Frau, an jedem Finger einen Ring, auch am Daumen, Sonnenbrille im blondierten Haar (draußen ist es 8 Grad und Dauerregen)

Brille: „Meine Name ist Frau Vonundzu . Mein Mann soll morgen hier aufgenommen werden. Ich war gerade auf einer Station und habe mir die Zimmer angeguckt. Die sind viel zu klein!!! Da soll er für 14 Tage jetzt rein??“  Die Ungläubigkeit spiegelt sich in ihrer Brille.

Ich kläre sie auf, ohne dass es was nützt. Der Ehemann wird in keinem Hasenkäfig untergebracht, die Zimmer sind frisch renoviert, bodentiefe Fenster, Mosaikfliesen im Bad, große Flachbildfernseher, schöne Farben.

In meinem Kopf spiegelt sich gerade was anderes. Ich überlege, ob die Bling bling Frau einfach so in die Patientenzimmer reinmarschiert ist.

Ja, das hat sie getan.

Sie ist 30 Kilometer gefahren, hat sich in einen Stau auf die A40 gestellt, hat einen Parkplatz gesucht, sich bis in die 9. Etage gekämpft und ist dann einfach in ein Zimmer gegangen. Welches zu klein ist. Und für Ihren Mann nicht in Frage kommt. Ich frage mich ja immer in solchen Situationen:

Haben die Leut´nichts zu tun?

Noch Fragen?

Kommt die Frau von Herrn P. hektisch zu mir. Sie will unbedingt und jetzt und sofort mit mir sprechen. Ich wundere mich.  Herr P. soll in zwei Tagen entlassen werden. Erwachsener, orientierter, nicht dementer Patient. Komplikationsloser Verlauf nach einer Hüft TEP.

Ich gehe aufs Zimmer.
Ich: „Sie hatten eine dringende Frage?“

Frau P.: „Ja, wie geht es denn meinem Mann eigentlich?“

Ich: „Herr P. , wie geht es Ihnen denn eigentlich?“

Herr P.:  „Klasse, alles gut.“

Frau P.:  „Und wann kann er nach Hause?“

Ich:  „Herr P. , wann können Sie nach Hause?“

Herr P.:  „Am Freitag!“

Noch Fragen?

Koffein

Bei mir ist es wie bei den Gremlins. Gib mir kein Koffein nach 18 Uhr.

Weil dann  an einem Sonntag Abend nach 50 ml Cola light folgendes passiert:

19 Uhr: Wasche meine Wäsche aus dem Waschkorb.

20 Uhr: Wasche meine komplette Wäsche aus dem Kleiderschrank.

21 Uhr: Bringe den Müll nach draußen. Sortiert. Müsste mal die Blumenkästen machen.

22 Uhr: Surfe im Netz nach neuen Möbeln.

22.35 Uhr: Surfe im Netz nach neuen Wohnungen, Häusern.

22. 50 Uhr: Gucke nach, ob das alte Umzugsunternehmen noch existiert. Wie bin ich eigentlich auf die Seite von Heidi Klum gekommen?

23.10 Uhr: Wechsel mein Profilbild bei Whats App aus. Dreimal. Verlasse zwei Gruppen. Lösche vier Nummern, speichere zwei wieder ein.

0.25 Uhr: Überlege, ob ich mir schnell die Haare färbe.

0.45 Uhr: Zwinge mich ins Bett.  Es ist Montag. Was steht an diese Woche? Bekomme ich alle Patienten unter, die angemeldet sind? Der Gastrobefund von Frau Müller steht noch aus. Hoffentlich sind alle Assistenten morgen wieder da.

1.10 Uhr bis 3.25 Uhr: Gucke die Staffel Fleabag. Komplett.

5.45 Uhr: Der Wecker schellt. Und schellt.

 

 

 

 

 

Redezeit

Ja, Arzt ist ein kommunikativer Beruf, Reden und Zuhören ist wichtig. Aber wichtiger ist es, Patienten zu behandeln.

Ehemann einer Privatpatientin:

Ruft mich um 8 Uhr an: „Wie geht es meiner Frau?“ (nebenbei, die Frau ist fit und hat ein Telefon neben dem Bett). Endloser Ping Pong Dialog, Dauer 12 Minuten.

Ruft um 10 Uhr an: “ Wieso ist meine Frau noch nicht im OP?“ (Es soll ein Demerskatheter entfernt werden, nichts dramatisches). Dauer 6 Minuten.

Ruft um 12 Uhr: „Wieso ist sie noch im Aufwachraum?“ Dauer 5 Minuten

Ruft um 14 Uhr bei der Sekretärin an. Will jetzt endlich mal Auskunft haben und einen richtigen (Chef) Arzt sprechen (ich mache den Beruf ja erst seit 22 Jahren). Dauer 10 Minuten.

Ruft um 15 Uhr an. Will wissen, wieso es so lange gedauert, den Katheter zu entfernen. Dauer 5 Minuten.

Ich kann es Dir sagen, wieso es so lange gedauert hat.

Weil wir ewig am Telefon hängen.

 

Fehler

Gestern sah ich eine Sendung über Sibirien. Dort lief ein Holzarbeiter zwei Tage durch den Schnee zum nächsten Krankenhaus. Er hatte einen Holzsplitter im  Auge. Er wartete geduldig fünf Stunden in der Ambulanz, bis er an der Reihe war.

Heute rief eine Ehefrau auf unserer Station an. Der Mann kommt in zwei Tagen. Sie wollte wissen,  wieviel  Quadratmeter das Zimmer hat. Nicht, dass es zu klein ist.

Finde den Fehler 🙂