Aufklärung

Patienten über Magenspiegelung, Darmspiegelung, Operationen usw. aufzuklären, kann  harte Arbeit sein und viel Geduld und Nerven verlangen.

Gehörlos Gerd:

Gerd hat auf dem rechten Ohr noch 0,2 % Hörvermögen und auf dem linken Ohr nix.  Er hat seine Hörgeräte im Wert eines Mittelklassewagens in der Schublade liegen, seine Batterien vergessen oder weigert sich zuzugeben, dass sich sein Hörvermögen auf dem Niveau eines Wassermolches befindet.
Dass ein Gehörlos Gerd in Zimmer 7 liegt, erkennt man bereits am Gebrüll der Krankenschwester,  die die Worte „ZETTEL“ und „AUSFÜLLEN“ abwechselnd laut artikuliert, gestikuliert und tanzt, um Gerd klar zu machen, was man hier von ihm will.

Eltern:

Gut, als Geriater hat man damit nicht so oft Kontakt. Aber die klagenden Anästhesisten, die mit mir Mittag essen gehen, um so mehr. Hier hat man es mit einem schwierigem Klientel zu tun. Sie tauchen in der Ambulanz im Doppelpack und ohne Kind auf, um „zunächst ein Vorgespräch“ zu führen. Stundenlang berichten sie von ihrem sensiblen Thorben-Tristan mit Ärztephobie, bringen tonnenweise ergoogelte Dokumente, alte Impfpässe  und haarsträubendes Halbwissen mit und wollen um jeden Preis mit in den OP.
Lösung: Unmissverständlich klar machen, dass die OP leider nicht auf dem Schoß der Mutter stattfinden kann, und dass die betreuenden Ärzte im Vorfeld auch keinesfalls Kopie ihrer Approbationsurkunden vorzeigen werden.

Substanzmissbrauch-Stefan:

Junger Mann mit bläßlicher Gesichtsfarbe, abgekauten Fingernägeln und langen Ärmeln, der sich beim Beantworten der Drogen-Frage im Bogen fünf Mal neu entschieden hat,  sodass im Textfeld nur durchgestrichene Worte stehen.
Lieber Stefan: Wir verpetzen dich nicht an die Polizei. Wir wollen nur wissen, ob du schon von Haus aus eine Abhärtung gegen unsere guten Narkose-Drogen mitbringst. Alles klar? Hier unterschreiben.

Detail-Detlef:

Dieser Patient trennt sich sehr ungern wieder vom  Aufklärungsbogen. Er füllt diesen in akkurater  Handschrift  akribisch aus und will jeden Punkt dreifach besprechen. Und er braucht mindestens zwei Kopien davon. Dieses unglaubliche Monster-Aufklärungsgespräch verzögert sich immer wieder, weil Detlef nicht einsehen will, dass es völlig wuppe ist, ob seine Galle nun 1996 oder 1997 rauskam, und er deswegen nicht extra seine Frau anrufen muss. Und Erbeerallergien sind für uns auch nicht wirklich relevant. Hier hilft nur hartes Unterbrechen und weiter im Text. Sonst sitzt man mit Detlef übermorgen noch da.

Demenz-Doris:

95 Jahre alt, freundlich zahnlos lächelnd, soll sie für eine Gallenblasen OP unterschreiben. Sie hat eine erstaunlich gute Fassade, die erst auffliegt, als sie es nochmal mit ihren Eltern besprechen will.

Ratzfatz-Renate:

Renate gehört zum Krankenhausinventar. Entweder hat sie keine Lust auf ein Aufklärungsgespräch, oder sie hat es schon tausend Mal gehört, weil sie zum xxxx Re-Eingriff hier ist. Sie unterschreibt für die Nierentransplantation in drei Sekunden und  will direkt wieder nach draußen zum Rauchen. Schnelle Prämedikation, glücklicher Anästhesist.

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7 Antworten zu Aufklärung

  1. Sylana schreibt:

    Zum Thema Gehörlos- Gerd:

    In meinem Fall wär es extrem hilfreich gewesen, wenn der Aufklärfuzzi samt Aufklärbogen sich mal fünf Minuten hingesetzt und mich angesehn hätte. Schneller wär es auch gegangen. Aber nein, der rannte ständig umher..,.das ist dann mit Lippenlesen eher schwierig, nicht wahr?

  2. labaera schreibt:

    Wieso ist er gerannt?

    • Sylana schreibt:

      Keine Ahnung, aber der konnte nicht stillhalten….was mich wuschig machte.
      ADHS, oder aber es sollte beschäftigt aussehen. 😉

  3. Frau Meyer schreibt:

    Wunderbare Charakterisierung, die man auch auf unser Reisebüro übertragen könnte. Nur da sind Unterschriften nicht ganz so lebenswichtig. 🙂
    Liebe Grüße von Frau Meyer, eher so die Ratzfatz-Abteilung (weil letztendlich hilft es mir nicht, die ganzen Risiken zu kennen, wenn ich tot bin)

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