Trotzdem

Der Stellenwechsel klopft an und reißt die Tür auf. Einladungen  zum Abschied sind verschickt. Ich habe mein Büro ausgeräumt. Die Zeit rennt schneller als Usain Bolt davon.

Die Wände sind jetzt erschreckend  kahl und wirken surreal fremd.  Zwei Nägel sind noch drin. Habe ich vor sechs Jahren selbst reingeschlagen, obwohl es ja verboten ist.  Scheiß auf QM. Hammer habe ich von zu Hause mitgebracht. Meine Schränke sind leer. Nur der Kalender mit den Hundebildern, den D. mir zu Weihnachten geschenkt hat  und  die rote Kaffeemaschine sind noch da. Meine Sachen  habe ich in zwei kleinen Kartons verstaut. Wieso habe ich eigentlich immer so viele Schuhe im Büro? Drei Paar Winterstiefel und zwei Paar Sneakers. Unglaublich. Ein paar alte Kittel werfe ich weg.  Wo kommen die vielen Badmintonbälle her? Meine struppige Palme habe ich mit nach Hause genommen. Obwohl die bestimmt MRSA verseucht ist. Pflanzen und MRSA? Geht das? Muß ich mal nachlesen.

Ich bin gut im Wegwerfen. Und auch in Abschieden trainiert. Aber dieser Abschied ist endlos.

Ich mache viele Dinge bewußt zum letzten Mal. Und es zerreisst mir ein bißchen das Herz. Und macht einen dicken Kloß im Hals. Und ein Bloßjetztnichtheulengefühl.

Zum letzten Mal nach dem Dienst bei Müllers mit dem miesen Service frühstücken, zum letzen Mal an den Auesee, zum letzten Mal auf den Markt, zum Rhein, Richtung Holland, zum letzten Mal in die Weinzeit, zum letzten Mal direkt nach Arbeit bei B. auf der Terrasse selbstgemachten eiskalten Erdbeer prosecco trinken.

Freunde, die seit zwanzig Jahren auf der gleichen Stelle hocken, muntern mich auf:  “ Sei doch froh, endlich mal was Neues!“

Oder auch: „Auf zu neuen Ufern. „

Trotzdem.

 

 

 

 

Lüge in Kriegszeiten

Von Lord Arthur Ponsonby (1871–1946), einem britischen Politiker und Friedensaktivisten, stammt nicht nur das berühmte Diktum, dass das erste Opfer des Kriegs die Wahrheit ist – „When war is declared, truth is the first casualty“. In seinem 1928 veröffentlichten Buch „Falsehood in Wartime“ („Lüge in Kriegszeiten“) beschreibt Ponsonby Strukturelemente dieser Lügen und Fälschungen, wie er sie am Beispiel des Ersten Weltkriegs beobachtet hatte:

* Wir wollen den Krieg nicht.

* Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung.

* Der Führer des Gegners ist ein Teufel.

* Wir kämpfen für eine gute Sache.

* Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.

* Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.

* Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.

* Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.

* Unsere Mission ist heilig.

Und es lässt sich auch heute immer wieder anwenden. Erinnert mich an Machiavelli, der (leider) auch nie aus der Mode kommt.

Via Ano, danke schön!

Königin

So ein Freibad ist ein menschlicher Mikrokosmos.

Da gibt es die Frühschwimmer, die schon seit Jahrzehnten dort ihre Bahnen ziehen und sich alle untereinander kennen. Jeder hat „seine“ Bahn. Und wehe man kreuzt diese. Dann wird man geteert und gefedert oder noch schlimmer nie mehr gegrüßt.

Am schlimmsten ist es jedoch, wenn man mit der Königin des Schwimmbades (wahlweise zu ersetzen durch Nachbarschaft, Sportverein, Arbeit) aneinander gerät.
Die Königin im Schwimmbad ist zwischen 50 und 80 Jahre alt. Wahrscheinlich erst 40, aber sie ist so bruzzelbraunfaltig, das man sich sicher täuschen kann. Sie trägt einen schwarzen Monokini.An der Seite sieht man einen schlaffen braunen Bauch. Obwohl sie doch immer zum Zumba geht. Aber jeder wie er will. Sie weiß, wo es die besten Plätze gibt, belegt großzügig alle Holzbänke mit verwaschenen Fanta Handtüchern aus der 1994er Kollektion und geht dann eine rauchen. Einen kleinen silbernen Aschenbecher hat sie mitgebracht, auch so ein winziges Radio, aus dem unerbittlich WDR 2 80er Jahre Pop dudelt. Die Fingernägel, natürlich Gelirgendwasverlängert, schimmern gefährlich dunkel pink. Am Fußgelenk eine silberne Kette, passend zu den verhornten Fußsohlen.
Auf einen kurzen Wink der Königin springt ein betagter Versall herbei, rammt den Sonnenschirm in den verbrannten Rasen und spannt ihn auf. Zugegeben, ich werde ein bißchen neidisch. Ich liege auf einem kleinen roten Ikea Handtuch auf dem nassen Rasen. Die Sonne brät mich.Die Königin liegt auf einer zusammenfaltbaren Sonnenliege. Die Liege hat Räder.

Es trifft der Königinnentross ein. Mittelaltrig. Hauptthema: Arztbesuche und Krankheit. Bei der Königin ist natürlich alles am schlimmsten, alles sehrsehr selten.Der Arzt hat zu ihr gesagt: „Frau Königin, damit müssen sie zu einem Spezialisten. Ich kann ihnen da nicht mehr helfen.“ Warjaklar.  Ein entsetztes Seufzen geht durch den Tross.

Ich beiße in mein nasses Handtuch. Mir kommt trotzdem das Lachen aus der Nase raus. Ein strenger Blick der Königin streift mich. Ich bekomme Gänsehaut.

Und jetzt fällt mir kein guter furioser  Schluß ein. Ich glaube, ich habe mir ein Calippo Erdbeer geholt,  D. hat Kartoffelsalat gegessen und wir sind nach Hause gefahren. Soviel Hofstaat macht mich immer hungrig.

Allergie

Frauen, die diverse „Lebensmittelunverträglichkeiten“ zur Schau stellen, gehen mir auf den nicht vorhandenen Sack.

Gestern am Büffet. Vor mir steht eine personifizierte K.werther Arroganz mit klimpernden Goldarmbändern.

Sie  guckt mißtrauisch auf den Eiersalat und fragt die Servicekraft mit spitzem Mund: „Was ist das?“

Bedienung: „Eiersalat, heute frisch gemacht.“

Madame: „Woraus besteht der?“

Ja, aus was wird der wohl bestehen??? Meine minimal vorhandene Geduld verschwindet in einem  schwarzen Loch.

Servicekraft (kennt diese Diskussionen anscheinend schon) leiert mit starrem Gesicht die Zutaten herunter: „Aus Eiern, Mayonnaise, Salz, Pfeffer, Gewürzgurken,ein bißchen Curry.“

Madame: „Auch Muskat??“

SK: „Da muß ich mal nachfragen.“

Madame (die nachgemalten Augenbrauen bis zur Decke hochgezogen): „Ach, das wissen Sie nicht?! Weil wenn da Muskat drin ist, vertrage ich den nicht.“

Es gibt ja auch sonst nichts auf dem Büffet zu essen. Dann lass es doch.

Weiter geht es bei der Marmelade. Zucker ist  ganz schlecht. Und Milch? Madame hat natürlich auch eine Lactoseunverträglichkeit.Und bestimmt auch Gluten. Wette ich drauf. Meeresfrüchte hat sie bestimmt mal einen Allergieschock von gehabt.

Ich kann mich an eine Patientin erinnern, die angab auf Konservierungsmittel allergisch zu sein. Beim Mittagessen zog sie den Deckel vom Tablett. Und *Trommelwirbelundtusch*: Darunter lagen drei braungelbe Biobananen.

Es gibt so Gesichtsausdrücke, die man nie mehr vergißt.

Einen Tag später war die Allergie verschwunden und sie bestand auf Vollkost. Ich liebe Spontanremissionen.

 

 

 

 

 

Warteschleife

Es gibt Menschen, die sich in langen Warteschlangen wohlfühlen, mit den Vor-und Hintermänner schnell per Du sind, Handynummern nach 10 Minuten tauschen und sich tiefenentspannt  zum Grillen verabreden.

Ich bin nicht so.  Warten ist meine persönliche Hölle.  Lucifer wird  mich nicht in einen heißen Kessel stecken sondern in eine Schlange bei Edeka an der Kasse.

Beim Optiker. Neue Brille abholen (jaa, ich weiß, keiner kennt mich mit Brille, meistens trage ich Kontaktlinsen, aber die Augen müssen sich jamalerholen, ich trag die auch nur abends und heimlich).  Es regnet in Strömen.  Beim Schirmöffnen schneide ich mich in den Finger. Blutet wie Sau. Kein Pflaster. Ich stecke mir unauffällig den Finger in den Mund. Hilft nicht. 

An der Theke steht ein älterer Mann, der seine zwei Brillen abholen will. Ein schwarze und eine braune. Die Verkäuferin hat nur zwei schwarze. War ja klar. Endlose Diskussionen. Mein Finger blutet weiter. Mein Mund schmeckt nach Kupfer. Ich schwitze. Ich bin müde.

Alle Stühle sind von breitgesäßigen alten Männern in Autofahrerhosen und Gallus Sandalen besetzt, die Kaffee trinken, auf ihre Brillen, Frauen oder beides warten und sich knarzig über Schweinsteiger unterhalten.

Endlich bin ich nach 20 endlosen kupfrigen Minuten dran. Die Verkäuferin guckt mich ängstlich an. Wenn ich warten muß, bin ich nicht mehr freundlich. Sonst aber auch nicht. Endloses Gefummel an der Brille. Sitzt hinterher genauso wie vorher- Memo: Brillen sind keine Lebensentscheidung. Nächstes Mal bei Mr. Spex bestellen. Geschafft.

Dann noch einkaufen. Vor mir an der Kasse nur ein Handwerker, der sich für die WM eindeckt. Das hätte mich mißtrauisch machen sollen. Bingo. Das beschissene Laufband funktioniert nicht. Beim Chipshandwerker gibt es einen Storno.

Als ich nicht mehr hyperventiliere, beschließe ich mein berufliches Leben auf  Ackerbau und Viehzucht und Selbstversorgung umzustellen. Aber wahrscheinlich geht dann mein Trecker kaputt. Und ich muß warten. Auf den Mechaniker. Der erst in zwei Wochen kann.

 

 

 

 

 

 

 

Bahn Memo

Eigentlich fahre ich gerne mit der Bahn (wer eigentlich sagt, der lügt).

Es sei denn….

– Ich höre diese Durchsage: „Der ICE nach B. fällt heute technisch bedingt aus  Es gibt einen Ersatzwagen. Die Sitzplatzreservierungen haben leider keine Gültigkeit. Sie können sich hinsetzen, wo Sie wollen!Memo: 18 Euro Reservierung in den Müll. Zu Diskussionen im Service Point (zu erkennen an den meterlangen Schlangen) fehlt mir die Geduld.

– Die Rolltreppe geht nicht. Aufzug ist kaputt. D. hilft einer hilflosen Mutter, den gefühlt 70 Kilo schweren Kinderwagen samt Nachwuchs nach oben zu schleppen. Danach hat er einen Hexenschuss. Memo: Immer Voltaren mitnehmen auf Bahnreisen.

– Auf den reservierten Plätzen sitzt natürlich jemand. Und zieht ein langes Gesicht wenn man ihn verscheucht. Kannnixdafür. Memo: Nicht zu nett sein.

– Auf dem Bahnsteig zieht es. Die Raucher sitzen geschützt. Memo: Ich sollte rauchen. Ist auch besser für die Figur.

– Der Anschlußzug, der auf Gleis 2 ankommen sollte, wechselt nach  Gleis 10. Memo: Wußte gar nicht, dass ich so schnell laufen kann.

– Die weibliche Zugbegleitung mit dem Gewichthebercharme, der im Gegensatz zu der roten Schleife am Hals steht, mustert kritisch mein knittriges Online Ticket. Fühle mich wie in der ersten Klasse an der Tafel, kriege feuchte Hände und sehe mich schon auf den Gleisen ausgesetzt. Dann zieht sie die Zange und tackert mein Ticket. Geschafft. Memo: Nächstes Mal etwas mehr Selbstbewusstsein bei 100 Euro Fahrpreis.

– Ein stylischer Hemden“mirmachtkeinerwasvor“ Typ mit 300 Euro italienischen Schuhen  und Kryptophon Blackberry steigt in Hannover aus und hinterlässt einen Müllberg aus Kaffeebechern, ausgelesenen Zeitungen, Sandwichpapier, Brötchentüten. Memo: Soziale Verantwortung hat nichts mit Schuhen zu tun. 

Memo: Das wusste ich ja schon immer.