Unsere Gäste

Krankenhäuser sollen kundenorientiert arbeiten. Die Verwaltung hat eine neue Nomenklatur verordnet. Es sind nicht Patienten, es sind nicht Kunden, es sind *Trommelwirbelundtusch* Gäste!

Mir fallen da spontan folgende Angehörige von unseren Patienten, Kunden, Gästen ein.

Sohn: Angetan mit einem oliven Parka, versehen mit zu viel Tagesfreizeit. Er schlägt um 14 Uhr auf zu Beginn der dünnbesetzen Spätschicht.

Ich möchte die Schwester sprechen, die die Klingel von Herrn Maier bedient!!“

Iris (2 Telefone in der Hand, eine OP abholen, die Schellen auf dem Flur leuchten wie ein Tannenbaum): „Ja, ich bin das.“

Sohn: Klappt den speckigen Parka auf. Darunter hat er eine Flasche Fiege Pils und ein Bierglas versteckt.

„Ich möchte, dass Sie Herrn Maier das Bier und das Glas bringen. Ich gehe dann solange eine Etage höher, komm zurück und tue dann überrascht. Wer hat Dir denn das Bier gebracht? Ist das nicht lustig??!!“

Ist es. Nicht. Iris reißt der nicht mehr vorhandene Geduldfaden. Weist den Gastsohn darauf hin, dass wir nicht beim Laientheater sind.

Ich weiche auf meine andere Station aus. Sitze vorne im Stützpunkt. Ein Fehler, ich weiß. In der Nähe der Aufzüge taumeln die Angehörigen direkt auf den Stützpunkt zu wie die Motten ans Licht und stellen tumbe Fragen. Wo ist Zimmer 1,2,3,4,5,6? Wo ist das Klo, der Arzt, das Wasser? Der Sinn des Lebens?

Und so kommt es dann.

Eine Gruppe Silbrighaariger steigt aus. Der Anführer ist eine Frau mit rosa Steppjacke. Steuert herrisch auf mich zu.

Wo kann man hier Gitarre spielen?“ (Grüßen wird auch von Älteren überbewertet).

Ich denke ja immer, ich hätte schon alles gehört, gesehen, erlebt. Wie man sich täuschen kann.

Natürlich haben wir extra für unsere Gäste ein komplett ausgerichtetes Tonstudio.

Empfehle den Aufenthaltsraum.

Die rosa Steppjacke fragt: „Kann man den Raum noch ein bißchen chic machen? So Deko und so?

Ja klar, wir pumpen eben noch 50 Herzchen Ballons mit Helium auf. Und servieren Muffins.

Alles für unsere Gäste.


Headset

Winterzeit, Vortragszeit. Auch ich muss darf einen Vortrag halten. Diesmal, weil 250 Zuhörer kommen: mit Mikrophon. Ich will meine Hände frei haben, entscheide ich mich für das headset. Habe Angst, dass ich in den Pointer spreche und mit dem Mikrophon ziele.

Ich übe.

Drei Tage vorher: Gehe um 18 Uhr in den Hörsaal. Unheimlich so alleine. Vorlage für einen Horrorfilm. Spreche den Vortrag mehrmal laut ohne Mikro. Videos laufen gut.

Zwei Tage vorher: Gehe um 11 Uhr in den Hörsaal. Treffe mich mit unserem Techniker. Er erklärt mir das headset. Bekomme es nicht in meine wuseligen Haare. “ Frau Doktor, immer von hinten aufsetzen, das lange Mikroteil nach links!“ Ja, es klappt. Versuche es jetzt alleine. Verhake mich wieder in meinen Haaren. Glatze? Das Funkteil muß in die Hose, in die vorderen Taschen. Habe vorne an meiner Jeans keine Taschen, nur hinten. „Nicht vergessen auf Mute stellen, solange Sie nicht reden Frau Doktor!“Okay.

Der Tag: Morgens nochmal in den Hörsaal. Generalprobe. Der Techniker schiebt schon die Stühle um. Ich setze das headset auf. Habe Angst vor dem Techniker zu sprechen. Meine Stimme hört sich seltsam an, höre mich atmen. Rede mich ein. Ende. Mein tollerklassesuperentzückender Techniker klatscht. Und bringt mir eine Flasche Wasser. Adoptiere ihn.